ÖVP-Geheimplan: Nehammer vor Ablöse

Schlechte Umfragewerte und anstehende Landtagswahlen: In der ÖVP liegen die Nerven blank. Die Gerüchteküche brodelt.
Autor: Stefanie Hermann, 01.08.2022 um 12:21 Uhr

Als wären die Zeiten nicht turbulent genug, könnte Österreich nach Sebastian Kurz, Alexander Schallenberg und aktuell Karl Nehammer demächst der vierte Kanzler in zehn Monaten vor der Tür stehen. Grund: Am Kanzlerstuhl wird aktuell heftig gesägt. Der Unmut in der Bevölkerung über den teils schlingernden, teils zahnlosen Corona- und Teuerungskurs wächst stetig. Jetzt dürften auch noch die bevorstehenden Landtagswahlen für die ÖVP zum Debakel geraten, wie aus aktuellen Umfragen hervorgeht. Wie zunächst der Standard und Boulevard berichten, bereiten sich Parteistrategen und Granden deshalb schon jetzt auf das Worst-Case Szenario vor.

ÖVP-Umfragewerte sind im Keller

"Traue nie einer Umfrage, die du nicht selbst gefälscht hast": Das mag ein illustres Bonmot sein, in der Praxis aber wenig tauglich. Aktuell prophezeien gleich drei Umfragen der ÖVP ein katastrophales Wahleregbnis bei den Tiroler Landtagswahlen: Unter 30 Prozent soll die Kanzlerpartei demnach am 25. September in ihrem Kernland einfahren. "Wenn das stimmt und wir in Tirol wirklich unter 30 Prozent fallen, dann ist Nehammer weg“, zitiert oe24 einen nicht namentlich genannten ÖVP-Spitzenpolitiker. Die Konsequenzen im Falle einer derart desaströsen Wahlschlappe seien absehbar.

Sündenbock Nehammer

Der bislang weitgehend unbekannte Tiroler ÖVP-Chef und Spitzenkandidat Anton Mattle würde Kanzler und Bundeschef Karl Nehammer persönlich die Schuld am Debakel zuschreiben. Zaghaftes Vorgehen gegen die Teuerung, teils wenig unterstützte Änderungen im Corona-Kurs und unglückliche Auftritte (Stichwort: "Alkohol oder Psychopharmaka") prädestinieren Nehammer zum Sündenbock. Die Niederösterreicher würden im Angesicht der bevorstehenden Landtagswahl Mattle folgen und den Aufstand proben. Gut möglich, dass Nehammer die Querelen innerhalb der eigenen Partei über den Kopf wachsen und er von sich aus das Handtuch wirft. Für diesen Fall arbeiten die Parteistrategen bereits jetzt emsig an seiner Nachfolge.

Karl Nehammer auf der Bühne des Tiroler Landesparteitags. Er hält ein Mikrofon in der Hand und hat den Zeigefinger in der Luft erhoben

Die möglichen ÖVP- Kanzler-Kandidaten

Magnus Brunner

Hoch im Kurs als Erbe des Kanzerlpostens steht Finanzminister Magnus Brunner. Besonders beliebt wäre diese Option von Seiten der Wirtschaft: Brunner könnte die Führung fliegend und ohne lästigen Neuwahlen übernehmen, so der Koaltionspartner mitspielt.

Karoline Edstadler

Die Verfassungsministerin wird immer wieder als aussichtsreiche Kandidatin auf die Nehammer-Nachfolge gehandelt. Edtstadler war lange Zeit Teil des Teams Kurz. Mit ihrem ÖAAB-Background hat sie nötigen Rückhalt von Seiten des ÖVP-Bundes. Zudem forcierte sie in den letzten Monate ihre Kontakte zur schwarzen Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner sowie zum Salzburger VP-Chef Wilfried Haslauer.

Johanna Mikl-Leitner

Die mächtige niederösterreichische Landeshauptfrau selbst gilt als  Wunschkandidatin der Basis. Davon will die Politikerin aber nichts wissen: Immer wieder hat sie betont, in Niederösterreich bleiben zu wollen. Ob Mikl-Leitner aber widerstehen kann, wenn ihr der Kanzlersessel angeboten wird, ist fraglich.

Harald Mahrer

Reizvoll, aber wenig wahrscheinlich scheint ein Wechsel des Wirtschaftskammer-Präsidenten Harald Mahrer ins Kanzleramt. Mahrer wäre ein deutliches Zeichen in Richtung großer Koalition: Mahrer pflegt ein betont gutes Verhältnis zu den weiteren Sozialpartnern.

Sebastian Kurz

Noch unwahrscheinlicher scheint nur ein Come-Back von Sebastian Kurz, der der Politik vor nicht einmal einem Jahr den Rücken gekehrt hat. Insider sind sich einig: Dafür ist es noch deutlich zu früh.

Wie wahrscheinlich ist ein Wechsel?

Dass Nehammer bereits zehn Wochen nach seiner fulminanten Wahl zum Parteichef abgesägt wird, scheint unwahrscheinlich. Noch unwahrscheinlicher dürfte der fliegende Kanzlerwechsel sein: Nehammers Nachfolger wäre der vierte Kanzler in nur zehn Monaten. Es darf bezweifelt werden, dass der Koalitionspartner da nocheinmal ohne Neuwahlen mitspielt.