Wirbel um Pogo: Will er die Demokratie zerstören?

Spaßkandidat oder der bessere Politiker? Der Antritt von Marco Pogo zur Präsidentschaftswahl sorgt für Panik.
Autor: Stefanie Hermann, 21.06.2022 um 07:27 Uhr

Turbobier-Sänger und Bierpartei-Gründer Dominik Wlazny alias Marco Pogo tritt bei der Bundespräsidentschaftswahl an. Ein Umstand, der nicht alle freut. Ein Kommentar im Standard lässt die Wogen jetzt endgültig hochgehen. Das Antreten von Marco Pogo sei "demokratiegefährender Populismus, den man nicht unterstützen sollte", so die These von Gastautorin Nina Hoppe. Jetzt kann man freilich trefflich darüber debattieren, ob der Politik etwas mehr Ernsthaftigkeit und Sachpolitik nicht doch ganz gut zu Gesicht stehen würden. Kann aber die Kandidatur eines ausgebildeten Arztes und erfolgreichen Bezirkspolitikers (Wien Simmering) tatsächlich als staatszersetzender Akt geschmäht werden?

Marco Pogo: Systemgefährender Spaßkandidat oder ernsthafter Anwärter aufs Amt?

1. Wer hat Angst vor Marco Pogo?

In den Sozialen Medien ist man sich weitgehend einig: Nein, Pogos Kandidatur ist wichtig und richtig. Immerhin ist der 35-Jährige bislang der einzige Gegenkandidat im Rennen um die Hofburg. Das An- und Niederschreiben seiner Kandidatur sehen nicht nur Fans als Zeichen der Furchtvor Pogo als ernsthaften Konkurrenten. Futter bekommt die These durch Hoppes Rolle im vergangenen Wahlkampf. In Eigenregie hat sie 2016 versucht, die Plattform "Wirtschaft für Van der Bellen" ins Leben zu rufen - ohne Erfolg: "Das Projekt ist zum Scheitern verurteilt. Es ist kaum jemand bereit sich zu deklarieren. Das hätte ich nie gedacht", so die Politberatin damals.

2. Kandidat mit Bühne, aber ohne Botschaft?

Weiterer Kritikpunkt im Kommentar: Vermeintlichen Spaß- bzw. Satirekandidaten würde für Quoten und Unterhaltung unverhältnismäßig viel Platz gegeben, trotz mangelnder Inhalte. Ein Umstand, den die Strategieberaterin nun durch die Thematisierung der Kandidatur selbst befeuert hat: Die Geister, die sie rief, wird sie nicht mehr los. Der Name Pogo ist in aller Munde - und der Wiener weiß seine Bühnen zu nützen. In seinem ersten Jahr als Bezirksrat hat er über 300 Anträge eingebracht. Öffentlich setzt er sich mit ungewöhnlichen Aktionen gegen Abschiebungen und für die Corona-Impfung ein. Als im vergangenen Sommer die Impfquote stagnierte, hat der gelernte Mediziner selbst Hand angelegt und seine Konzerte für erweiterte Impfaktionen genützt.

Marco Pogo und Peter Hacker vor der Arena Wien | Credit: Pogo's Empire/Siegfried Leitner

3. Besonnenheit: Staatskitt oder Schwäche?

Traditionell wurde der Bundespräsident stets als Grüßaugust gesehen. Viel mehr war der öffentlichen Wahrnehmung nach nicht zu tun: Ein Handshake hier, ein Empfang da, dazwischen mal eine Angelobung - lange Zeit waren Job Description und Alltag des Staatsoberhaupts abseits des diplomatischen Parketts von herrlicher Langeweile geprägt. Dass sich die Tapetentür im Maria Theresien-Zimmer zur regelrechten Drehtür entwickelt hat, rückt die Rolle des ersten Mannes im Staat in ein neues Licht. Van der Bellens besonnener Umgang mit den zahlreichen Regierungskrisen der vergangenen Jahre wurde dabei aber nur teils jubelnd begrüßt. Während ein Teil der Bevölkerung VdBs Amtsverständnis als staatskittenden Glücksgriff empfunden hat, erntet er von anderen Teilen genau dafür Tadel. Zu schwach habe er sich positioniert, der Regierung zu viel durchgehen lassen, so die Kritiker. Die Einschätzung ist nicht nur eine Frage der politischen Positionierung. Die angkündigte Auslegung des Amtsverständnis bieten valides Wahlmotiv. Pogo ist hier das VdB-Gegenmodell: klare, statt verbindender Worte. Er ist überzeugt, dass der Bundespräsident seine Meinung  beim Betreten der Hofburg nicht ablegen muss: "Und bei allem Respekt dem Amtsinhaber gegenüber und seiner ruhigen besonnenen Art muss man gewisse Dinge auch aussprechen", so Pogo im Interview:

Eine gewisse junge Dynamik und ein frischer Wind würden dem Amt nicht schaden.

4. Punk 4 President?

Frischen Wind (oder je nach Sichtweise einen mittleren Skandal) würde Pogo auch optisch in die Hofburg bringen. Auch ob seiner noch immer punkigen Optik wird dem Turbobier-Frontsänger mangelnde Seriosität unterstellt. Dass er für seine Antritts-Pressekonferenz die Lederjacke gegen ein Sakko getauscht hat, war vielen nicht genug. Ein Punk in der Hofburg? Wie schaut denn das aus! Die Würde des Amtes sei in Gefahr. "Natürlich wird die rechtskonservative Reichshälfte sagen, was einer mit Tattoos in so einem Amt will", so Pogo. "Aber wohin wir mit Slimfit tragenden, gegelten Männern in den letzten Monaten geraten sind, das spricht schon eine eindeutige Sprache."

5. Ernstgemeinter Antritt oder purer Populismus?

Ob es dem Amt gegenüber würdevoll ist, einen Wahlkampf als Art Kunstfigur zu führen, darf getrost hinterfragt werden. Auch das ein gerüttelt Maß an Ernsthaftigkeit einem Präsidentschaftsanwärter gut zu Gesicht stünde, kann Kritipunkt sein. Ob man einem Kandidaten aber jegliches Verantwortungsgefühl, Ehtik und Moral absprechen darf - gelinde gesagt zweifelhaft. In Zeiten der Aufarbeitung von Ibiza, Chatprotokollen und Co die politische Kandidatur als systemgefährdenden, verantwortungslosen Jux abzutun, ist ein starkes Stück. Schaut man sich den aktuellen politischen Diskurs, Kommentarspalten und Diskussionen in den sozialen Medien an, scheint das Problem völlig anders gelagert zu sein. Was sich lautstarkt enltädt, ist der Frust einer scheinbaren Alternativenlosigkeit. Wenn Hoppe also schreibt, dass Politik Haltung und Meinung brauche, Programme, Ideologien und Konzepte, dann hat sie damit vollkommen Recht. Eine Forderung, die man getrost an etablierte Player weiterreichen kann.