Woher Putins Kanonenfutter kommt

Die Todesrate der russischen Soldaten in der Ukraine ist hoch. Um die Lücken aufzufüllen, lockt man Freiwillige mit Geld – vorzugsweise junge Männer aus entlegenen Gebieten.
Autor: Gert Damberger, 12.08.2022 um 10:50 Uhr

Offizielle Gefallenenzahlen veröffentlichte Russland zuletzt in der letzten Märzwoche. 1.351 russische Soldaten seien im Zuge der "Spezialoperation" ums Leben gekommen, behauptete der Kreml damals. Die Ukraine spricht aktuell von rund 40.000 russischen Gefallenen seit Kriegsbeginn, (vorsichtige) Schätzungen von westlichen Geheimdiensten kommen auf etwa 15.000 tote Soldaten. Das würde bedeuten, dass sich die Zahl der Gesamtverluste (Tote, Verwundete, Gefangene, Vermisste) auf über 50.000 Mann summiert.

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Über 5.000 Tote namentlich bekannt

Das unabhängige, russische Investigativportal „Mediazona“ (gegründet wurde es von zwei  Pussy Riot-Aktivistinnen nach ihrer Lagerhaft) schätzt keine Zahlen, sondern wertet neben den offiziellen Todesanzeigen auch jene in lokalen Zeitungen sowie die Postings von Angehörigen aus. Auf 5.185 in der Ukraine getötete Russen sei man so gekommen, behaupten die Mediazona-Macher.

Armenhäuser der Föderation

Mehr als die Hälfte der Toten sind junge Leute unter 30, hat Mediazona analysiert. Auffällig viele der Gefallenen stammten aus der Kaukasus-Republik Dagestan und aus der sibirischen Republik Burjatien. Aus Südrussland, aus dem Ural und aus Krasnodar nahe dem Kaukasus stammen ebenfalls viele der Toten. Gemeinsam ist diesen Regionen, dass sie echte Armenhäuser sind – noch ärmer und desolater als der Durchschnitt der russischen Provinz es ohnehin schon ist. Beim Militär anzuheuern ist da oft die die einzige Chance, der Perspektivlosigkeit zu entkommen. Zeitsoldaten mit einer Drei-Jahres-Verpflichtung verdienen in Russland umgerechnet 1.100 Euro, das ist das Vierfache des offiziellen Mindestlohns von 250 Euro.

Vadim Shishimarin | Credit: VIACHESLAV RATYNSKYI / REUTERS / picturedesk.com

Freiwilligen-Bataillone aufgestellt

Weil der Kreml vor einer Generalmobilmachung zurückschreckt, läuft in vielen Regionen des Föderationsgebiets eine Kampagne, die Freiwillige für einen mindestens dreimonatigen Ukraine-Einsatz zu gewinnen sucht. Versprochen werden 2.500 Euro Sold pro Monat für Mannschaften und bis zu 6.000 Euro für „Spezialisten“. Nach einem Monat Ausbildung geht’s sofort ab an die Front. Die Kampfkraft dieser Freiwilligentruppe dürfte allerdings nicht überwältigend sein.

Business as usual in Moskau

Dass Moskau großes Interesse daran hat, in erster Linie junge Männer aus entlegenen Regionen in die Ukraine zu schicken, liegt auf der Hand. In den Großräumen Moskau und St. Petersburg soll die Bevölkerung möglichst wenig beunruhigt werden, denn diese ist hier am ehesten anfällig die für liberale und „westliche“ Denkungsart. Aber auch familiäre Verbindungen in die Ukraine sind sehr häufig – der Motivation, gegen die „Faschisten“ zu kämpfen, ist das kaum förderlich.