Junger Russe sagt: „Die haben uns in den Tod geschickt“

Die Verteidiger der Ukraine wissen, warum sie kämpfen, die russischen Angreifer wohl nicht. Viele davon sind junge Zeitsoldaten.
Autor: Gert Damberger, 03.03.2022 um 14:10 Uhr

Die Moral der russischen Armee sei schlecht, sagte Präsident Wolodymyr Selenskyj in seiner Mittwoch Nacht verbreiteten Botschaft. „Das sind keine Kämpfer einer Supermacht, sondern Kinder, 18 oder 19 Jahre alt, die benutzt worden sind.“ Man habe ihnen nicht gesagt, wofür sie eigentlich kämpfen würden. Selenskyj: „Und sie sagen nur eines: sie wissen nicht, warum sie hier sind.“ 

Er hofft, dass er ausgetauscht wird

Die Ukraine veröffentlicht immer öfter Fotos und Videos von Kriegsgefangenen. Es sind meist junge Leute. Ein Video der ukrainischen Regierung zeigt einen russischen Soldaten, der mit seiner Mutter, Frau oder Freundin telefoniert und schwere Vorwürfe gegen seine Militärführung erhebt. „Sie haben uns alle in den Tod geschickt, ein ganzes Bataillon haben sie getötet, nur ich lebe noch“, schluchzt der Soldat, dessen Gesicht im Video verpixelt wurde. Der junge Mann hofft, demnächst ausgetauscht zu werden.

Sold versprochen, aber nie bezahlt

Die unabhängige russische Zeitung "Nowaja Gaseta" hat mit Müttern von Soldaten gesprochen, die jetzt in der Ukraine kämpfen. Die Mutter des 23-jährigen
Pawel (Name geändert) berichtete, ihr Sohn habe vergangenen Herbst seinen Militärdienst in Sibirien geleistet, als er und seine Kameraden genötigt wurden, einen Zweijahresvertrag zu unterschreiben. Viele hätten eingewilligt, weil ihnen auch Sold versprochen worden sei.

Brennender Panzer im Ukraine-Krieg | Credit: SWNS / Action Press / picturedesk.com

Kein Kontakt seit einer Woche

Im Februar fuhr Pawels Truppe zu recht kurzen Manövern nach Belarus. Später sei ihr Sohn in die Nähe der ukrainischen Grenze verlegt worden und bis zuletzt habe er nicht gewusst, dass es in den Krieg gehe. Seine Zeitsoldatengage sei ihm nie ausgezahlt worden, nur eine kleine Zulage habe er bekommen. Seit dem 23. Februar – dem Tag vor dem Angriff  – hat sich Pawel nicht mehr gemeldet. So wie Pawels Mutter haben viele russische Familien keinen Kontakt mehr zu ihren Söhnen an der Ukraine-Front. Das Moskauer „Komitee der Soldatenmütter“ berichtet von zahlreichen Anrufen besorgter Angehöriger und hat deswegen sogar eine Hotline eingerichtet.

Soldaten in Grosny | Credit: Yelena Afonina / Tass / picturedesk.com

Schikanieren und Misshandeln

Die „Soldatenmütter“ sind eine russische NGO, die 1989 gegründet wurde und zum Ziel hat, Missstände in den russischen Streitkräften aufzuzeigen. Besonders krass ist das bis heute übliche gewalttätige Schikanieren von Rekruten durch Dienstältere („Dedowschtschina“), was immer wieder zu Selbstmorden, Amokläufen und Desertionen führt. Das „Soldatenmütter-Komitee“ wurde mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet, war vorübergehend als „staatsfeindlich“ eingestuft und ist in Russland in 200 Regionalgruppen vertreten.

Russische Rekruten | Credit: Kirill Kukhmar / Tass / picturedesk.com

12 Monate Militärdienst

In Russland gibt es eine allgemeine Wehrpflicht. Diese gilt für Männer zwischen 18 und 27 Jahren, der Militärdienst dauert ein Jahr. Zu Kampfeinsätzen können nur Berufssoldaten oder Längerdienende wie Pawel herangezogen werden. Immer wieder gibt es Berichte, dass Wehrpflichtige zur Unterschrift genötigt werden. Ein Missstand scheint auch zu sein, dass nach der Unterschrift die Grundausbildung oft endet und die Soldaten dann schlecht ausgebildet in den Einsatz geschickt werden. Grund für die Beibehaltung der Wehrpflicht ist, dass Russland im Ernstfall rund eine Million Mann (Berufssoldaten und Reservisten) mobilisieren kann.