Istanbul statt Heldentod: Flucht vor Einberufung

Die Nachfrage nach One Way-Tickets ins Ausland zeigt, wie unpopulär Putins Krieg in der russischen Bevölkerung ist – vor allem dann, wenn man selbst betroffen ist.
Autor: Gert Damberger, 23.09.2022 um 10:42 Uhr

Noch ist das Kriegsrecht nicht ausgerufen, noch herrscht Reisefreiheit – für die Russen, die noch keinen Einberufungsbefehl erhalten haben. Jenen, die ihn schon haben, ist es natürlich bei Strafe untersagt, sich aus ihrem Wohnort zu entfernen. 300.000 Reservisten mit „militärischer Erfahrung“ sollen in der nächsten Zeit zu den Fahnen gerufen werden aber gelernte Russen/Russinnen wissen, dass offizielle Erklärungen mit Vorsicht zu genießen sind – es können genauso gut 900.000 oder eine Million Einberufungen werden.

Dorthin, wo man kein Visum braucht

Daher setzt sich ab, wer kann - die in astronomische Höhen gekletterten Flugpreise sprechen Bände. Screenshots von Flugbuchungsportalen zeigen, dass Flüge von Moskau nach Belgrad, Dubai, Istanbul oder Jerewan in Armenien mittlerweile mehrere tausend Euro kosten. Ein Economy-Sitzplatz in einem Nachtflug nach Dubai kletterte am Mittwochnachmittag sogar auf 10.000 Euro. Für all die genannten Ziele benötigen russische Staatsbürger derzeit keine Visa. Auch über den Landweg Richtung Finnland, Georgien, Armenien oder Mongolei dürften sich die Ausreisen verstärkt haben. Im Netz kursierte ein Foto einer langen Warteschlange von russischen Fahrzeugen am Grenzübergang Valimaa zu Finnland. Allerdings dementierten die finnischen Grenzbehörden, dass es derzeit zu größeren Staus und Wartezeiten an diesem Übergang komme. Finnische Grenzübergänge gehören zu den wenigen Einreisemöglichkeiten für Russen in Richtung  Europa.  Estland, Lettland, Litauen und Polen weisen schon seit Tagen russische Staatsbürger an den Grenzen ab.