Warum ist der Strom so teuer? Fragen an den VERBUND-Chef

Die Preiskurve für Strom kennt derzeit nur eine Richtung: nach oben. Warum eigentlich? Schließlich stellen wir einen großen Anteil des benötigten Stroms im eigenen Land her.
Autor: Andrea Schröder, 07.06.2022 um 14:07 Uhr

Mehr als 60 Prozent des in Österreich produzierten Stroms kommen aus Wasserkraftwerken. Rechnet man Windkraft, Biomasse und Solarstrom hinzu, werden hierzulande drei Viertel des Stroms aus erneuerbaren Quellen erzeugt. Der Vorstandsvorsitzende der VERBUND AG Michael Strugl im Gespräch.

Warum sind die Strompreise eigentlich derart drastisch gestiegen, wo wir doch Strom vor allem durch Wasserkraft erzeugen? 

Michael Strugl: Das liegt am Marktmodell. Der Strommarkt ist ein europäischer und die einzelnen Märkte sind miteinander gekoppelt. Der Mechanismus gründet auf dem sogenannten Merit- Order-Modell: Täglich gibt es eine „Day ahead“-Auktion: Was wird am nächsten Tag in Europa an Strom gebraucht? Die Berechnungen, wie hoch der Bedarf ist, sind ziemlich genau. Diesen Bedarf deckt man, indem man bei verschiedenen Kraftwerken den benötigten Strom kauft. 

Luftaufnahme

In welcher Reihenfolge werden die Kraftwerke ausgewählt, die den benötigten Strom liefern?

Michael Strugl: Man beginnt mit den billigsten, das sind jene, wo die zusätzliche Kilowattstunde so gut wie nichts kostet. Wenn ein Kraftwerk Brennstoff braucht wie Gas, da habe ich natürlich zusätzliche Grenzkosten. Ich beginne also mit den billigsten Kraftwerken, das ist die Photovoltaik, dann Wind, dann Wasserkraft. Ich reihe in die Merit Order alle Kraftwerke ein – so lange, bis der Bedarf zu jeder Stunde des nächsten Tages gedeckt ist. Das Problem derzeit: Wir brauchen auch die Gaskraftwerke, damit wir den Bedarf decken können.

Der Preis, den der Strom bei den Gaskraftwerken kostet, ist der Preis, den wir alle an der Börse bezahlen müssen.

Bedeutet: Obwohl die anderen billiger produzieren, hänge ich am teuersten dran …

Michael Strugl: Genau. Es hat 20 Jahre tadellos funktioniert und dazu geführt, dass im Vergleich zum regulierten Markt mit amtlich festgesetztem Strompreis die Preise heruntergegangen sind. Zudem hat es den Ausbau der Erneuerbaren begünstigt - auch Windkraft und PV-Anlagen bekommen denselben Preis bezahlt wie vergleichsweise teure Gaskraftwerke. Warum? Es ist ein Wettbewerbsmarkt. Jetzt haben wir Krieg, und jetzt funktioniert es nicht mehr.

Porträt bim Gespräch

Wann können wir mit sinkenden Strompreisen rechnen?

Michael Strugl: . Werfen wir einen Blick auf die Terminmärkte: Man kann Strom im Voraus kaufen, fürs nächste Jahr oder fürs übernächste und das Jahr drauf. Das Future für das Jahr 2023 ist 246 Euro die Megawattstunde. Sehr teuer. Auch nächstes Jahr wird Strom also auf dem Preisniveau sein, das wir heuer sehen. Schauen wir auf das Jahr 2024, steht da: 198, und 2025, Notierung gestern, 176 Euro. Was heißt das? Je weiter der Lieferzeitpunkt nach hinten geht, desto stärker geht der Preis nach unten. Das ist nicht ungewöhnlich. Der Strom wird dann wieder billiger werden, wenn wir noch mehr erneuerbare Kraftwerke haben und die Gaskraftwerke nicht mehr brauchen. Aber wenn wir uns diese Preise anschauen, muss man schon sagen: Ein normaler Strompreis um die 50, 60 Euro, der kommt nicht mehr wieder. Das ist der Preis der Dekarbonisierung. 

Die Entwicklung am Mobilitätssektor geht eindeutig in Richtung E-Autos. Angesichts der Strompreis-Explosion: Lohnt es sich überhaupt noch, Strom statt Sprit tanken? 

Michael Strugl: Strom ist noch immer eindeutig günstiger. Wenn ich auch noch den deutlich effizienteren Wirkungsgrad eines E-Motors berücksichtige, komme ich beim Betrieb im Vergleich zum Verbrenner auf eine Kostenersparnis von 40 Prozent. Selbst bei hohen Strompreisen.

Ein Gespräch über E-Mobilität mit Michael Strugl und Wilfried Weitgasser, Geschäftsführer der Porsche Austria, finden Sie hier.