Strolz zu Kurz: Dann musst du das Land in Geiselhaft nehmen

Als Mensch schillernder Facetten und Gärtner des Lebens ("Ich kultiviere Felder der Lebendigkeit"), beschreibt sich Matthias Strolz (48) gerne selbst. Dem Wechsel zwischen einzelnen Lebens­phasen und Berufungen hat der Ex-Neos-Mann ein ganzes Buch gewidmet. „Sei Pilot deines Lebens“ ist eine Mischung aus Ratgeber, Autobiografie und Coachingtool. Wer schon mal im Umbruch war, hat keine Schwierigkeiten, sich hier selbst zu finden. Wir haben den Autor und Ex-Politiker zum Gespräch getroffen: Matthias Strolz über die Gratwanderung zwischen Politik und Familie, seine Sorge um die Demokratie unter Kurz und warum jetzt die Zeit für eine neue Linke ist.

Herr Strolz, in welcher Rolle sind Sie gerade?
Matthias Strolz
: (lacht) Ich bin Autor, Portfolio-Unternehmer und Coach. Diese Berufe sind alle gar nicht so weit voneinander entfernt. Sie haben immer mit Worten zu tun. Als Autor und politischer Mensch, kann ich mit dem was ich tue einen Beitrag leisten, dass es anderen Menschen gut geht. Da freue ich mir einen Haxen aus. Natürlich gibt es auch welche, die das für blöd halten und meinen: „Halt doch einmal den Mund, du bist doch freiwillig gegangen“ oder „Geh doch Bäume umarmen aber lass uns verschont“. Ich will niemanden langweilen oder eine Ego-Show geben. In den Berufen, die ich heute machen, kommt mir jeder gut aus. Die, die mich nicht verputzen können oder für unnötig halten, sind eingeladen mich links liegen zu lassen.


Strolz als Autor, das macht Spaß – und nicht nur Strolz himself. Erst kürzlich wurde er für 15.000 verkaufte Exemplare mit dem goldenen Buch ausgezeichnet.

Wann haben Sie Ihr Ego das letzte Mal runterholen müssen?
Matthias Strolz
: (lacht) Ah, so jeden zweiten Tag. Als Vater zum Beispiel, wenn ich merke, dass ich genervt werde. Aber das ist ok, ich bin ja auch aus Fleisch und Blut. Sonst müssen wir einen Erziehungsroboter einstellen. Die Idee, dass wir als Eltern perfekt sein müssen, halte ich für ein falsches Bild von Elternschaft. Nein, es gut zu machen, ist gut genug.

Matthias Strolz über seine Kinder und Familie

Wie haben Sie die Corona-Zeit in der Familie erlebt?
Matthias Strolz:
Es ist intensiv. Die Familie braucht mich präsenter. Die Zeit fällt auch mit dem Eintritt meiner Kinder in die Pubertät zusammen. Da habe ich auch das Gefühl, der Papa wird noch einmal anders gesucht. Ich bin der einzige Mann im Haushalt, da kann ich bei manchen Themen nicht helfen, die für junge Frauen gerade aktuell werden. Das ist das Schöne am Elternsein, dass du echt im Fluss des Lebens badest. Du bist aber auch permanent nass. Das zwingt mich in eine Neubestimmung. Ich kann meine Rolle als Papa nicht so leben wie vor fünf oder vor zehn Jahren.

Das ist das Schöne am Elternsein, dass du echt im Fluss des Lebens badest. Du bist aber auch permanent nass.

Das Gesucht-Werden klingt in puncto Pubertät doch eher unüblich.
Matthias Strolz:
Ich bin als Vater immer wieder überrascht, was da auf einen zukommt. Wenn die Kinder die Welt stückweise erobern, kommst du in die Ziehung. Früher hab‘ ich g‘scheit drüber geredet. Ich hab’s vielleicht intellektuell erwartet, aber emotional kannst du das alles nicht vorwegnehmen. Ob als Autor, mit einem Buch das Erfolg hat, als Vater mit Mädchen, die pubertieren, oder als Parteigründer: Du kannst alles rational durchspielen, aber am Ende ist es emotional immer anders.

 

Welche Herausforderungen sehen Sie hier noch auf sich zukommen?
Matthias Strolz
: (lacht) Mir ist wichtig in einer ehrlichen Beziehung zu sein, damit wir alles besprechen können: Von Partnerschaft über Sexualität über Schule über Drogen, das sind alles Themen , die wir uns nicht aussuchen können. und die uns als Eltern einfach serviert werden. Das ist mit einem zehn Minuten-Gespräch nicht erledigt. Und dann irgendwann werden sie die Flügel spannen und aus dem Haus abheben. Und dann gibt es auch die Frage: Wie ist das, Eltern sein und Paar bleiben? Da musst du schon vorher auch auf Tuchfühlung gehen, sonst macht die letzte Tochter irgendwann die Tür zu und du schaust deine Frau an und sagst: „Wer bist jetzt du noch amal“?

Wie ist das, Eltern sein und Paar bleiben?

Rücktritte und der richtige Zeitpunkt

Um mehr Zeit für die Familie zu haben, haben Sie sich 2018 aus der Politik zurückgezogen. Als damaliger Neos-Chef haben Sie die Vereinbarkeit von Politik und Familie als Gratwanderung beschrieben. Aktuell haben wir in der Regierung einen kleinen Baby-Boom. Was raten Sie Kurz & Co?
Matthias Strolz: Schaut’s gut auf euch! Die Elternrolle ist keine Rolle, die man so ganz nebenbei schaukeln kann. Aber ich will da keine Tipps geben.

Ein anderes Gebiet, um einen Tipp abzuholen: Sie haben Politik als Droge bezeichnet. Wie gelingt es „clean“ zu werden?
Matthias Strolz:
Übergeben, und dann Schluss aus! Der Altbauer, der täglich um 11 am Balkon steht und ein Referat hält– das ist ja nicht zum Aushalten! Das sorgt nur für Zoff am Hof. Nein, wenn du als Chef gehst – zumal als Gründer – dann hast du entschlossen zu sein, Schluss zu machen, für Fragen bereit zu stehen aber ansonsten den Mund zu halten.  Erfolg hat viel mit Übergaben zu tun. Die Neos haben durch meine Übergabe sogar Schwung aufgenommen.

2018 tritt Matthias Strolz als Chef der Neos zurück. Der Abgang war akribisch geplant.

Der Ex-Neos-Chef über neue Parteien

Die Neos waren damit zudem erst die zweite neu gegründete Partei, die es geschafft hat, sich zu halten. Sehen Sie unter den aktuellen Newcomern Parteien, die sich halten können?
Matthias Strolz
: Ich wünsche ihnen alles Gute, ich kenn sie zu wenig. Wenn du mit nur einem Thema einsteigst, wird es schwierig, wenn dieses Thema mal weg ist. Es ist diese pralle Mischung aus Idealismus und Professionalität, die den Erfolg ausmacht. Wenn du mit nur einem Thema einsteigst, wird es schwierig, wenn dieses Thema mal weg ist. Politik ist ein strukturkonservativer Bereich der Gesellschaft. Ob Anbieter von Klopapier oder Versicherung: In jeder anderen Branche ist mehr Wechsel drinnen als in der Politik. Politik ist kein Ponyhof, das ist ein knallhartes Geschäft, eine knallharte Branche.

Ob Anbieter von Klopapier oder Versicherung: In jeder anderen Branche ist mehr Wechsel drinnen als in der Politik.

Aber wenn man sich zum Beispiel die Wahlen in Graz anschaut …
Matthias Strolz:
Ich habe große inhaltliche, weltanschauliche Vorbehalte, aber große Sympathien für Frau Kahr. So lange in der Politik zu sein, und diese Form der Ehrlichkeit, Ernsthaftigkeit und Empathie zu verstrahlen, da bist du fast versucht … Also ich weiß schon, wo ich daheim bin, ich bin Neos, aber ich kann Graz nachvollziehen. Wenn strategisch in Österreich ein Platz aufgeht, dann ist es nicht der für MFG, sondern der für eine neue Linke.

Matthias Strolz im Gespräch

Politik, Macht und Demokratie

Wir haben das Gespräch mit Matthias Strolz am 27. September anlässlich der Verleihung des goldenen Buchs geführt. Die Hausdurchsuchungen bei der ÖVP, dubiose Chatverläufe und Kanzler Kurz in Bedrängnis waren zum damaligen Zeitpunkt nicht absehbar.

Was wäre aktuell Ihr größter Wunsch an die Politik?
Matthias Strolz:  Dass wir alle Acht geben und nicht noch stärker in diese kaltschnäuzige Polarisierung laufen. Das zerreißt ein Land. Wir sehen das ja in den USA. Dazu tragen Social Media, bewusste Polarisierung und das Geschäftsmodell vieler Politiker bei. Manche sagen ja: Ich will als Regierungschef gar nicht mehr für das ganze Volk da sein, sondern nur meine vierzig Prozent bedienen und mitunter sogar auf Kosten der anderen 60 Prozent. Das ist ein echtes Geschäftsmodell.

Wenn ich sage, ich arbeite nur noch für meine Partei und Macht, dann werden wir mittelfristig die Demokratie verlieren

Ist es nicht unausweichlich, genau seine Klientel zu bedienen?
Matthias Strolz: Ja schon, aber die Frage ist mit welcher Balance und welcher Verantwortung für das große Ganze. trage. Wenn ich die abschüttle und sage, es geht mir nur noch um meine Macht und Maximierung der Stimmen, dann ist das auch Politik, aber dann leidet das große Ganze, weil es keinen Anwalt mehr hat. Wenn ich sage, ich arbeite nur noch für meine Partei und Macht, dann werden wir mittelfristig die Demokratie verlieren. Es ist nicht gesetzt, dass meine Kinder in meinem Alter in einer Demokratie leben. Das ist wie bei der Gesundheit. Man kümmert sich nicht darum, und erst wenn man einen Teil seiner Gesundheit verliert, wird klar, was man alles übersehen hat.

Sind wir schon in diesem kritischen Vorsorgestadium?
Matthias Strolz
: Ich bin kein Fatalist, aber es kann schneller gehen als wir glauben. Ich habe schon 2018 zu Sebastian Kurz gesagt: „Schau, ich wünsch dir alles Gute. Ich bin mit einigem nicht einverstanden. Ich sehe große Talente, aber die musst du dem großen Ganzen zur Verfügung stellen, nicht nur deiner Machtpolitik. Sonst wirst du Passagier deiner eigenen Dynamik, so wie es Orban geworden ist. Und dann musst du aber das Land in Geiselhaft nehmen.“ Das war meine Befürchtung.

Ist bei Ihnen ein Rückfall in die Politik ausgeschlossen?
Matthias Strolz:
Es  ist auf absehbare Zeit nicht geplant.

Autor: Stefanie Hermann, 07.10.2021