Die Sache mit dem Älterwerden: Ich hatte mich jünger in Erinnerung

Meine Söhne wachsen heran, und einer nach dem anderen verlässt unser Haus. Mein Mann und ich genießen daher immer öfter die Abendsonne nur noch zu zweit auf dem Balkon. Dass ich mich in solchen Momenten der Ruhe älter fühle, liegt nicht nur an den Falten in meinem Gesicht, sondern daran, dass ich es bin. Eigenartig, denn eigentlich hatte ich mich jünger in Erinnerung.

Was haben wir gelacht, als uns in der Maturaklasse unsere Professorin mitteilte, dass sie nach einer feuchtfröhlichen Nacht, die etwas länger dauert, mittlerweile zwei Tage Zeit zum Regenerieren braucht! Sie war damals schon 30+, und wir waren eben mehr als zehn Jahre jünger. Mit Entsetzen stelle ich fest, dass ich nun für dasselbe Unterfangen schon drei Tage brauche, um wieder fit zu sein.

Erkenntnisse und Einschränkungen

Offensichtlich bringt das Alter nicht nur Erkenntnisse mit sich, sondern auch gewisse körperliche Einschränkungen. Tanzen und Feiern funktionieren noch prächtig, aber halt am nächsten Tag aufstehen, als wäre nichts gewesen, das geht nicht mehr.

Nicht mehr mein Repertoire

Ich geh' auch nicht mehr mit Turnschuhen und Rucksack auf einen Berg. Rein konditionell ist es kein Thema, aber es fehlt eindeutig an Leichtigkeit. Auch ohne Kopfbedeckung in der prallen Sonne oder im Winter ohne Haube bei Minustemperaturen rumlaufen - das alles gehört nicht mehr zu meinem Repertoire. Stundenlange Autofahrten, um ein Kleid in Salzburg zu holen, weil es in der Linzer Filiale nicht auf Lager ist, ist mir nicht nur energetisch zu anstrengend, sondern nach kurzer Überlegung auch der Mühe nicht wert.

Frau liegt im Fitnessstudio nach dem Workout erschöpft am Boden | Credit: iStock.com/kazuma seki

Das ist nicht mehr meine Sprache

Bei Unterhaltungen von jungen Leuten wird mir der Generationen-Unterschied immer deutlicher bewusst. Begriffe wie Coffee-to-go, Car/Desk Sharing, Fake News oder Dating sind mir noch geläufig. Hör' ich allerdings den Teenagern in der Straßenbahn zu, denke ich bei den vielen "nice", "OMG", "random" oder "What the f...?", ob ich denn noch in einem Deutsch sprechenden Land bin. Es hat sich definitiv in der Jugendsprache einiges geändert. "Denglish" ist cool, oder? "Voi" würden meine Jungs sagen. So hat jede Generation ihren eigenen Slang, und meiner ist schon lang passé.

Neue Freiheit

Eine kluge Frau hat gesagt „Es gibt für alles eine Zeit!“ - wie wahr! Eine Zeit für Leichtigkeit, eine Zeit, sich selbst zu finden und eine Zeit, Erkenntnisse zu gewinnen. Wofür steht meine?

Ich merke, dass man ab einem gewissen Alter die Dinge in einem anderen Licht zu sehen beginnt. Vor allem, wenn einem bewusst wird, dass es mehr Anstrengung erfordert, körperlich auf der Höhe zu bleiben, es zunehmend schwerer fällt, über den Tellerrand der eigenen Gedankenwelt zu blicken. Diese Tatsache eröffnet einem gleichzeitig die Freiheit, die Lebensperspektive an seine neuen Bedürfnisse anzupassen. Denn wie seltsam wäre es, die Überzeugungen aus der Jugend beizubehalten, wenn man sie doch gerade zunehmend hinter sich lässt? Eines geht einem dabei wenigstens nicht verloren: die Erinnerung daran, wie es war, jünger zu sein.

Frau streckt ihren Arm mit einer Tasse in der Hand unter der Bettdecke hervor | Credit: iStock.com/Maria Korneeva

Zur Autorin

Wer wie Judith Locher Mutter von drei Söhnen ist, schöpft aus einem großen Fundus, wenn es um das Thema "Männer im Alltag" geht. Mit Augenzwinkern und einer Prise feinem Humor teilt die Oberösterreicherin ihre Erlebnisse und Erkenntnisse auf www.weekend.at.

Autor: Judith Locher, 18.04.2022