Kinder fördern, ohne zu überfordern

weekend.at: Frau Haiderer, wie erkenne ich als Elternteil, dass mein Kind überfordert ist?

Iris Haiderer: Überforderung ist ein Prozess, der sich meist schleichend einstellt. Kommt es mit Schulkollegen oder Geschwistern immer öfter zu Streitigkeiten, schläft ihr Kind anhaltend schlecht, klagt es über Alpträume, Kopfschmerzen oder Bauchschmerzen können dies Anzeichen einer Überforderung sein. Achtsamkeit ist auch geboten, wenn ihr Kind plötzlich zu viel oder zu wenig isst, sich nicht mehr gut konzentrieren kann oder sein Verhalten ändert.

weekend.at: Hängt kindliche Überforderung meist mit zu viel Stress in der Schule zusammen?

Iris Haiderer: Oft wird bloß die Schule oder das Lernen für Überforderung verantwortlich gemacht und auf den zunehmenden Stress durch Handy- und Online-Abhängigkeit leider vergessen. Wir beobachten gerade in der Krise, dass Eltern von Jungs über die zunehmende Online-Spielsucht klagen, während es bei Mädchen hauptsächlich die Social Media-Kanäle sind. Zwischen intensiver Nutzung der digitalen Medien und einer Handy- oder Online-Sucht liegt oft nur ein schmaler Grat. Diese zusätzliche Überforderung des noch jungen Organismus gilt es so weit als möglich aus der Welt zu schaffen.“

weekend.at: Wie fördert man ein Kind bestmöglich?

Iris Haiderer: Grundsätzlich kann mit der Förderung eines Kindes schon am ersten Tag begonnen werden. Auch wenn Sie als Elternteil noch keine verbale Antwort erwarten dürfen, sprechen Sie ganz viel mit ihm. Beschäftigen Sie sich mit ihm, schenken Sie Aufmerksamkeit und entdecken Sie bereits im Kinderwagen die Welt mit dem Kind – im Park und in der Natur gibt es viel zu erkunden. Im Laufe der Zeit kristallisieren sich bei den Kleinen Hobbies heraus. Wenn das Kind Spaß an etwas hat, dann lassen Sie es zu. Die Allgemeinbildung fördern Sie am besten, wenn Sie verschiedene Anreize setzen. Zeigen Sie dem Kind, was die Welt so bietet! Lassen Sie es in verschiedene Themen hineinschnuppern und individuelle Fähigkeiten vertiefen. Hat es Spaß an Musik? Dann melden Sie es in der Musikschule an. Liest es gerne? Dann wird es sich über gute Bücher zu jedem erdenklichen Anlass freuen. Ist es technisch begabt? Dann lassen Sie es spielerisch Türme bauen und geben ihm die entsprechenden Spielsachen. Auch ein gemeinsamer Museumsbesuch, eine Stadtbesichtigung und ein Gesellschaftsspiel fördern Kinder. Wichtig dabei ist der Spaßfaktor, der letztlich über ein  "zu viel" entscheidet.

Begeisterung für Technik | Credit: iStock.com/Daisy-Daisy

weekend.at: Wie unterstützt man die Sprösslinge und vermeidet Überforderung?

Iris Haiderer: „Mit Anreizen motivieren! Zeigen Sie Ihrem Kind anhand praktischer Beispiele, warum es so toll ist, wenn es dies und das beherrscht, dann fällt die Motivation zum Lernen leichter. Wer sich in Fremdsprachen ausdrücken kann, wird viel mehr Spaß auf Reisen haben. Wer gut rechnen kann, wird nicht so leicht übers Ohr gehauen. Und wer gut in Deutsch ist, darf vielleicht sogar mal einen Artikel in einer Zeitung veröffentlichen. 

weekend.at: Was können Eltern tun, um den Wissensdurst des Nachwuchses zu erwecken?

Iris Haiderer: Gehen Sie mit gutem Beispiel voran! Kinder sind Nachahmer und spiegeln das wider, was Eltern vormachen. Gehen Sie selbst geistigen Hobbies nach, belegen Sie Kurse, in denen Neues vermittelt wird, lesen Sie und sprechen Sie mit Ihrem Kind darüber. Wenn Sie fernsehen, schauen Sie Dokumentationen und reden Sie darüber. Oder raten Sie gemeinsam mit der ganzen Familie bei Quizsendungen mit. Leben Sie Ihrem Kind vor, dass Sie Ihr Gehirn stets in Bewegung halten und neugierig auf die Welt sind und bleiben. Gelernt wird nicht nur für die Schule, sondern für das Leben. Verinnerlichen Sie sich und Ihrem Kind diese Lebensweisheit und bereiten Sie es auf ein lebenslanges Lernen vor.

weekend.at: Wie kann man das Verständnis für lebensnahe und komplexe Themen fördern?

Iris Haiderer: Sie müssen nicht jedes Wochenende einen Berg erklimmen, Sie können diese Zeit auch nutzen, um Ihrem Kind Wissen zu vermitteln, beispielsweise bei Museums-Besuchen, Besichtigungen, in Kursen oder beim gemeinsamen Spielen. Suchen Sie nach außerschulischen Bildungsangeboten und ermöglichen Sie das frühzeitige Kennenlernen neuer Themengebiete. Ihr Kind kann mit einem Begriff wie Wirtschaft noch nicht viel anfangen? Dann lassen Sie es in die Welt der Wirtschaft hineinschnuppern und melden Sie es zu einem kindgerechten Wirtschaftskurs an.

weekend.at Teilen Sie die Meinung mehrerer Experten, dass durch die Krise die Gefahr einer „lost generation“ besteht?

Iris Haiderer: „Das muss nicht zwangsläufig eintreten, denn das liegt derzeit stark am persönlichen Umfeld. Ob die Kinder zu einer „lost generation“ werden oder nicht, liegt jetzt viel mehr in den Händen der Eltern als der Lehrer. Diese sind nun umso mehr gefordert, ihre Kinder als Gewinner aus der Krise gehen zu lassen, weil nicht mehr alles auf die Schule abgewälzt werden kann. Eltern entscheiden wie sinnvoll ihre Kinder die Lockdowns verbringen, ob sie endlos lang Netflix schauen oder gamen oder sich stattdessen lieber sinnvoll beschäftigen und fürs Lernen oder für den Erwerb von Zusatzqualifikationen nutzen. Gerade in Krisen-Zeiten gilt Qualifizierung als entscheidender Schlüssel für die Zukunft.“

Iris Haiderer | Credit: Wiffzack-Kinderakademie
Autor: Simone Reitmeier, 09.03.2021