Was zeichnet gute Arbeitgeber aus, Herr Drexel?

Der technokratisch-sterile Führungsstil hat ausgedient, es braucht menschliche, ja spirituelle Manager, um ein Unternehmen an die Spitze zu bringen. Das sagt Gerhard Drexel, Aufsichtsratspräsident von Spar Österreich, im CHEFINFO-Interview.
Autor: Jessica Hirthe, 31.10.2022 um 12:33 Uhr

CHEFINFO: Sie fordern in Ihrem neuen Buch einen spirituellen Manager. Was ist für Sie Spiritualität?
Gerhard Drexel: Die spirituelle Dimension des Managements hat mir vor allem Pater Johannes Pausch, Gründer des Klosters Gut Aich in St. Gilgen, vermittelt. Er lehrte mich die benediktinische Definition von Spiritualität: „Spiritualität ist Beziehung – und Beziehung ist Spiritualität.“ Im Management, aber auch im Privaten kommt es auf die lebendigen Beziehungen an. Der Spirit entsteht durch Menschlichkeit und Menschenfreundlichkeit, durch Wertschätzung und Empathie. Es geht darum, Wirtschaft und Menschlichkeit zu verbinden oder anders ausgedrückt: die materielle und geistige Dimension zusammenzuführen.

Sie sagen, der Spirit sei für den Erfolg sogar wichtiger als technischer Fortschritt. Wie verschafft sich ein Unternehmen einen „Winning Spirit“?
Drexel: Der Spirit ist die Ursache dafür, dass technischer Fortschritt überhaupt entstehen kann. Damit sich ein „Winning Spirit“ entfalten kann, braucht es eine Kultur des Vertrauens und der Wertschätzung. Die Kultur der Wertschätzung führt zu einer „magischen Veränderung“ in der Einstellung der Mitarbeiter zu ihrer Arbeit: Man kommt vom Sollen zum Wollen. Das Geheimnis des Könnens liegt nämlich im Wollen. Wenn dieser sich selbst verstärkende Prozess zum Führungsprinzip im ganzen Unter- nehmen wird, entsteht ein Momentum: die Entfaltung des „Winning Spirit“. Das Unternehmen versetzt sich in die Lage, über sich selbst hinauszuwachsen.

Was zeichnet einen wirklich guten Arbeitgeber aus?
Drexel: Dass er immer für die Mitarbeiter da ist, die Sorgen und Probleme, aber auch die Verbesserungsvorschläge und Geschäftsideen ernst nimmt. Bei einem guten Arbeitgeber haben die Führungs-kräfte „große Ohren“ und beherrschen die Kunst des aktiven Zuhörens. Die Führungskräfte sind von sich aus interessiert, dass sich die Mitarbeiter im Unternehmen gut entwickeln können.
Sie verzichten auch ganz bewusst darauf, sich mit Ja-Sagern zu umgeben.

Was motiviert Mitarbeiter wirklich, für den Erfolg des Unternehmens mitzukämpfen?
Drexel: Die Mitarbeiter müssen spüren, dass das Unternehmen für die Menschen da ist – und nicht umgekehrt. Die Führungskräfte müssen den Mitarbeitenden den Sinn ihrer Arbeit vermitteln – egal ob die Arbeit erfüllend oder mühsam ist. Eine gute Vertrauensbasis spornt das Gehirn zu Höchstleistungen an, aktiviert es und führt so zu Spitzenleistungen. Die Mitarbeiter sind dann intrinsisch motiviert und wachsen buchstäblich über sich hinaus.

Wie vermittelt man einem Mitarbeiter, selbst in einem Konzern wie Sparmit 90.000 Mitarbeitern, keine Nummer zu sein?
Drexel: Kein einziger Mitarbeiter darf nur eine Nummer sein! Das ist ein absolutes „No-go“! Alle haben das Bedürfnis nach Wertschätzung, Anerkennung, sozialer Akzeptanz und den Wunsch, „gesehen zu werden“. Führungskräfte bekommen einen richtigen „Schlüssel“ in die Hand, wenn es ihnen gelingt, mit viel Empathie diese Grundmotivationen der Mitarbeiter in ihrem Führungsverhalten zu berücksichtigen.

Sie sagen, der technokratisch-sterile Führungsstil hat ausgedient, nur spirituelle Manager werden Erfolg haben. Wie sieht ein solcher aus?
Drexel: Der spirituelle Manager ist in erster Linie menschlich. Er mag seine Mitarbeiter, Kollegen, Vorgesetzten, Kunden und Geschäftspartner. Er lebt Prinzipien wie Achtsamkeit und Wertschätzung, schenkt den Mitarbeitern Vertrauen, nimmt sich selbst nicht zu wichtig. Er weiß, dass jeder von jedem etwas lernen kann. Und: Er macht keine Vorwürfe, er formuliert Wünsche.

„Als Manager sind wir nicht nur dazu da, Gewinne zu erzielen, sondern durch werteorientiertes Management einen Nutzen für die Gesellschaft zu stiften.“ Doch am Ende des Tages geht es in jedem Unternehmen um finanziellen Erfolg. Wo ist da der gesellschaftliche Nutzen?
Drexel: Beim spirituell geführten Unternehmen geht es in ganzheitlicher Sicht um lebendige Beziehungen des Unternehmens zu allen relevanten Anspruchsgruppen: Mitarbeitende, Kunden, Lieferanten, Geschäftspartner, aber auch Gesellschaft, Natur und Umwelt. Werteorientiertes Management sorgt dafür, dass die Bedürfnisse all dieser „Stakeholder“ berücksichtigt und erfüllt werden. Dadurch entsteht mehrfacher Nutzen für die Gesellschaft.