Urknall im Kuhstall
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Zeitkapsel, Direktflug ins Jahr 1989. Der Ostblock bricht auf, in Berlin fällt die Mauer. Und auch in Lembach im Mühlkreis bläst der Wind der Veränderung: Was? Man kann Häuser auch ohne Öl oder Kohle warm kriegen? Und das, obwohl unzählige „voest“ler aus der Region die Schlacke der Hochöfen als Gratis-Heizmaterial mitnehmen? Man kann nicht, man muss – beschließt Herbert Ortner, damals angestellt bei einem Heizkörperhersteller und nebenbei Bürgermeister von Lembach. Dann kündigt er seinen Brotjob, nimmt sich von dort zwei Kollegen mit und zieht sich in seinen (bereits rinderlosen) Kuhstall zurück. „Er hatte die Ölkrise der 1970er Jahre noch plastisch vor Augen, wo man an einem Tag pro Woche nicht mehr Auto fahren durfte“, erzählt Sohn Stefan. „Darum wollte er etwas Nachhaltiges schaffen, etwas, das die Nähe zum Holz unserer Wälder mit der Technik verbindet.“ Und so wird der Kuhstall zur Werkstatt, der Bürgermeister zum Tüftler. Zeitkapsel, Rückflug in die Gegenwart: Heute gruppieren sich rund um den Kuhstall die Elemente eines stattlichen Werksareals: ÖkoFEN prangt am Haupteingang, knapp 300 Menschen arbeiten hier, weitere 300 europaweit. Denn damals, in den Wendejahren, hatte Ortner senior nichts weniger entwickelt als die allererste moderne Pellets-
heizung: Den Urknall vom Kuhstall!
Pioniergeist im Brennpunkt
Dieser Tage schließlich feiern die Ortners eine Art rundes Jubiläum: Insgesamt 200.000 Pelletsheizungen hat man mittlerweile europaweit verkauft, 200.000 Mal wird mit komprimierten Säge- und Hobelspänen statt Öl oder Koks geheizt. Und auch wenn Stefan Ortner, der im Betrieb aufwuchs, die CEO-Agenden vom Vater übernommen hat – dessen Pioniergeist ist weiter im – ha, ha – Brennpunkt, denn: Mittlerweile bietet man neben der fast schon klassischen Pelletsheizung und den entsprechenden Heizsystemen auch smarte Wärmepumpen samt Batteriespeicher für die Nutzer von Photovoltaik an. Ortner, der Jüngere: „Die Nachhaltigkeit ist für uns ganz zentral – wirtschaftlich wie emotional.“ Zumal gerade in Zeiten wie diesen – ausgelöst durch die tobenden Kriege im Nahen Osten und im sehr nahen Osten und die explodierenden Rohstoffpreise – der Ortner’sche Traum von der Energieautarkie immer breitenwirksamer wird. „Geopolitik und Energiepreise gehören zu unseren zentralen Nachfragetreibern“, sagt Stefan. Aber auch die österreichische Förderungspolitik, die nur wenig Planungssicherheit biete: Die Förderspitze wurde in den Jahren 2024 und 2025 erreicht und lag bei fast 75 Prozent. „Klar, für den Moment war das schön, aber man wusste: Das ist auf Dauer nicht finanzierbar.“ Die Förderungen schmolzen zusammen, liegen mittlerweile bei immerhin noch 30 Prozent, aber nun herrscht budgetärer Spardruck: „Wenn es einmal so rasant runtergeht, wird es immer schwieriger, die klassischen Verkaufsargumente aufrechtzuerhalten. Wir hätten uns gewünscht, dass man erst mit der Branche spricht, statt das Budget innerhalb von zwei Jahren fast völlig auszuschöpfen.“ Solche Schwankungen würden die Pioniere vom Pellet Valley – in einem 200-Kilometer-Umkreis von Lembach im Mühlkreis werden 80 Prozent aller europaweit verkauften Pelletsheizungen produziert – mitunter schon zermürben.
Mühlen der Bürokratie
Aber während die EU-Bürokratie aufgrund der Kohlendioxid-Emissionen noch immer darüber brütet, wie nachhaltig Pelletheizen nun tatsächlich sei – die Ressource selbst, und das ist das stärkere Argument, ist beinahe unendlich. „Quer durch Europa zieht sich ein Waldumbau von Monokulturen auf Mischwälder – da fällt wirklich viel Holz an“, erklärt Stefan Ortner. „Und natürlich viel Holzreste.“ Und entsprechend wachsen auch die Absatzmärkte für den Branchen-Primus aus dem Mühlviertel. „Deutschland etwa ist sehr holzaffin und hat hohe Qualitätsansprüche, das bedeutet für uns ein Riesenpotenzial.“ Mehr als fünf Millionen Ölheizungen gäbe es dort noch, und die müssten mittelfristig wohl alle raus. Auch mit Frankreich verbinde man große Wachstumshoffnungen: „Aber dort geht man eher Richtung Wärmepumpen und Photovoltaik.“ Und dann sei da schließlich noch das heimische Gewerbe-Segment: „Großbauten wie Hotels, öffentliche Gebäude oder Kindergärten – in diesem Markt sind wir erst am Anfang“, sagt Stefan Ortner. Und so ist auch der Traum von der Energie-Autarkie noch lange, lange nicht ausgeträumt. Nur bei Stefan Ortner selbst, denn der ist selbst fast gänzlich unabhängig. Strom aus dem Netz brauche er eigentlich nur, um nach Dienstreisen sein E-Auto aufzuladen. Ganz im Gegensatz zu Herbert, dem Gründervater. Der ist völlig autark – weil er sein Auto nur in der Firma auflädt.