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WKO Präsidentin Martha Schulz
WKO Präsidentin Martha Schulz
APA-Images / VGN Medien Holding / Trend Wolfgang Wolak

Martha Mia!?

14.04.2026 um 00:00, David Pesendorfer
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Zwischen Skandal und Aufbruch, zwischen Druck und Hoffnung: Was die neue WKO-Präsidentin Martha Schultz für uns Unternehmer plant.

BÜROKRATIE-ABBAU
Der typische Familienbetrieb hat keine Rechtsabteilung und kein Compliance-Team. Welche Spielarten der Bürokratie müssen eingebremst werden, damit Unternehmer wieder mehr Zeit für ihr eigentliches Business haben? Und: Wo sind Sie als erfolgreiche Seilbahn-Unternehmerin bereits selbst an die Grenzen der Kammer-Bürokratie gestoßen?
Martha Schultz: Die EU-­Kommission hat im Vorjahr mehrere Round ­Tables zum Thema „Bürokratie“ organisiert. Dabei saß – neben Lufthansa und anderen großen Unternehmen – auch der Eigentümer eines KMU aus Niederösterreich am Tisch. Seine Aussage „Unsere Compliance-Abteilung sitzt vor Ihnen: Das bin ich!“ hat einigen die Augen geöffnet. Deshalb ist das Prinzip „Think Small First“ so wichtig: Regelungen dürfen nicht mit Großkonzernen im Kopf entworfen werden – sie müssen für KMU funktionieren. Denn sie machen mehr als 99 Prozent der europäischen Unternehmen aus. Auch wir als Wirtschaftskammer wägen ständig ab, was unseren Mitgliedern Nutzen bringt und wo wir Wege vereinfachen können.

KOSTEN SENKEN
Viele KMU sagen: Die größten ­Belastungen sind nicht Steuern, sondern Lohnnebenkosten und Personal­bürokratie. Wo sehen Sie konkret Entlastungspotenzial – und wie machen Sie der Regierung Druck, Absichtserklärungen tatsächlich zu realisieren?
Das stimmt. Etwa zwei Drittel der Bürokratiekosten kommen aus den ­Bereichen Buchführung/Bilanzierung, Steuern/Abgaben und Personalwesen. Hier gibt es viel Potenzial für Entlastungen. Die Anhebung der Buchführungsgrenzen, die im ersten Bürokratie-Paket vorgesehen ist, war ein erster Schritt. Wir fordern auch höhere Schwellenwerte für die Umsatzsteuervoranmeldung – diese wurden seit 2011 nicht angepasst. Es gibt noch viele weitere Beispiele für mögliche Vereinfachungen, die einfach umzusetzen sind, für das einzelne Unternehmen aber eine riesige Erleichterung wären. Generell gilt: Bürokratieabbau ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Wir sehen uns da in der Rolle des Tempomachers – auch wenn das heißt, lästig sein zu müssen.

KMU-FILTER FÜR NEUE GESETZE 
Für einen Familienbetrieb bedeutet fast jedeneue EU-Vorschrift zusätzliche ­­Beratungskosten. Wie kann die Wirtschaftskammer verhindern, dass internationale Regulierung kleine Betriebe erdrückt?
Der bereits erwähnte Grundsatz „Think Small First“ gilt ganz besonders für Brüssel. Aber wir haben auch ein nationales Aufgabenheft: Es darf absolut kein „Gold Plating“ mehr bei der Umsetzung von EU-Vorgaben in Österreich geben. Denn das schadet der Wettbewerbsfähigkeit unserer Betriebe. Die Bundesregierung arbeitet gerade am zweiten Bürokratie-Abbaupaket. Wir bringen uns hier intensiv ein und sind auch Anlaufstelle, bei der sich Unternehmen melden können, wenn der Schuh drückt. Ich kann versprechen: Wir bleiben am Ball.

Martha Schultz und ihr Versprechen an unsere Unternehmer

FÖRDERUNGEN VEREINFACHEN 
Gerade KMU klagen da-rüber, dass sie Förderungen kaum nutzen können, weil die Anträge zu kompliziert sind. Wie wollen Sie das Fördersystem radikal vereinfachen?
Die Bundesregierung hat im Bürokratie-Abbaupaket von Dezember 2025 einen bundesweiten digitalen ­„One-Stop-Shop für Förderungen“ über alle ­Förder-Ressorts angekündigt. Das bedeutet, dass alle notwendigen Behördenwege an einer zen­tralen Stelle erledigt werden können, statt mehrere Behörden einzeln aufsuchen zu müssen. Das geht klarerweise nicht von heute auf morgen – aber wir nehmen die Regierung beim Wort und stehen bei der Umsetzung gerne zur Seite.

KMU-STIMME STÄRKEN
Die Wirtschaftskammer vertritt Hunderttausende Unternehmen – viele davon Ein-Personen-Unternehmen oder Familienbetriebe. Wie stellen Sie sicher, dass ihre Interessen stärker gehört werden als jene großer Konzerne?
Mit über 360.000 Unternehmen stellen EPU einen wichtigen Teil unserer Mitglieder dar. Ob klein oder groß – das macht in der Wirtschaftskammer keinen Unterschied. Die gesetzliche Mitgliedschaft stellt sicher, dass alle Unternehmen – unabhängig von Größe, ­Branche oder wirtschaftlicher Stärke – und damit gerade auch EPU und Familienbetriebe eine starke Interessenvertretung haben und nicht nur jene, die es sich leisten können. Unser Maßstab ist nicht die Finanzkraft, sondern die Gleichwertigkeit aller Betriebe. Das schafft Solidarität, Ausgewogenheit und einen verpflichtenden Interessenausgleich zwischen Branchen und Unternehmensgrößen. Darüber hinaus unterstützt die Wirtschaftskammer ihre Mitglieder im Geschäftsalltag mit einem breiten und zugleich für die einzelnen Bedürfnisse maßgeschneiderten Serviceangebot.

KAMMER SCHLANKER MACHEN 
Grundtenor der Beitragszahler: Die Kammer sei zu sehr von Funktionärsstrukturen geprägt und zu weit vom Alltag kleiner Unternehmer entfernt. Braucht es weniger Gremien und mehr ­Praxisnähe? Wie soll das konkret aussehen?
Der Reformprozess für die WKÖ und die gesamte Organisation läuft – und zwar unter Einbindung aller Fraktionen und Landesorganisationen. Schon bei meinem Antritt habe ich gesagt: Es wird alles hinterfragt und analysiert, mit dem klaren Ziel vor Augen, die Wirtschaftskammer noch moderner, effizienter und mitgliederorientierter zu gestalten. Erste Maßnahmen werden wir im Juni präsentieren. Ich bitte um Verständnis, dass ich dem Reformprozess nicht vorgreifen kann.

Sooo hoch! Harald Mahrer, der Vorgänger von Schultz, stolperte über astronomische Pläne zur Gehälter-Erhöhung.

MEHR NUTZEN FÜR DEN KAMMERBEITRAG
Viele kleine Unternehmer fragen sich, wofür sie überhaupt ihren Pflichtbeitrag zahlen. Welche konkreten Leistungen wollen Sie für KMU ausbauen, damit der unmittelbare Nutzen klar sichtbar wird?
Wir haben in der WKO ausgewiesene Expertinnen und Experten für unterschiedlichste ­unternehmensrelevante Rechtsbereiche – etwa Wirtschafts-, Arbeits-, Steuer- oder Betriebsanlagenrecht. Auch zu Förderungen, Außenwirtschaft sowie Aus- und Weiterbildung beraten unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter österreichweit persönlich. Zusätzlich bieten wir Netzwerkmöglichkeiten und branchenspezifische Veranstaltungen. Gleichzeitig sind wir als Interessenvertretung ein starkes Sprachrohr gegenüber der Politik. Selbstverständlich auch für die Interessen der KMU. Unser Serviceangebot bauen wir in Bereichen aus, die sich etwa durch neue Technologien oder Marktbedingungen dynamisch verändern. Zudem ent­wickeln wir unser hybrides Leistungs­modell weiter: Mitglieder können zwischen persönlicher Beratung und kostenlosen Online-Services wählen, etwa SV- und Steuer-Rechner, Rechtsform-Ratgeber oder Preisrechner.

TRANSPARENZ-OFFENSIVE
Gerade Familienbetriebe reagieren sehr sensibel auf Privilegien von Funktio­nären. In welcher Form wollen Sie Transparenz über Aufwandsentschädigungen, Funktionen und Strukturen schaffen?
Ich denke, wir sind schon jetzt sehr transparent. Informationen zu den genannten Punkten sind auf wko.at frei zugänglich und für jede und jeden einsehbar – siehe hier:
www.wko.at/oe/wko/wissenswertes-wkoe 
www.wko.at/oe/wko/wirtschaftskammer-organisation-im-ueberblick 
Aber auch hier gilt: Es wird alles hinterfragt und analysiert. Wenn es Verbesserungspotenzial gibt, werden wir uns bemühen, es auszuschöpfen.

HÄRTERE INTERESSENVERTRETUNG
Viele Betriebe wünschen sich, dass die Kammer stärker als politische ­Interessenvertretung auftritt – etwa bei Bürokratie, Energiepreisen oder beim Arbeitsrecht. Wo und wie wollen Sie künftig offensiver kämpfen?
Gerade beim Thema „Entbürokratisierung“ kämpfen wir seit Jahren für Verbesserungen – mit Erfolg. Ein erstes Entbürokratisierungspaket hat die Regierung im Dezember geschnürt und dabei viele unserer Vorschläge berücksichtigt. Weitere Schritte sind nötig. Thema „Energie“, weil das ein sehr drängendes Beispiel ist: Wir haben den Finanz­minister mit Nachdruck zu einer steuerlichen Entlastung bei den Energiepreisen aufgefordert. Das sind nur zwei Bei­spiele, die zeigen: Als verantwortungsvolle Interessenvertretung kämpfen wir bei allen Themen offensiv, wenn es um die An­liegen unserer Mitglieder geht.

MESSBARE VERBESSERUNGEN
Was muss sich für einen Familienbetrieb in fünf Jahren verbessert haben, dass er sagt: Die WKO hat sich unter ­Martha Schultz verändert?
Jeder Betrieb soll spüren: Der Standort Österreich arbeitet für Unternehmerinnen und Unternehmer und nicht gegen sie. Damit das gelingt, haben wir klare interessenpolitische Schwerpunkte gesetzt, die nun Schritt für Schritt umgesetzt werden. Es geht um weniger Kosten und mehr Planbarkeit – durch spürbar gesenkte Lohnnebenkosten, schnellere Verfahren und konsequenten Bürokratieabbau, damit den Betrieben wieder mehr Zeit fürs Kerngeschäft bleibt. Auch die Rahmenbedingungen am Arbeitsmarkt müssen stimmen – von Quali­fizierung bis zu schnelleren digitalen Verfahren beim Fachkräftezuzug. Parallel ist es mir wichtig, dass unsere WKÖ-Services noch stärker auf die Bedürfnisse unserer Mitglieder ausgerichtet sind. Ich kann versprechen: Wir arbeiten in der Wirtschaftskammer jeden Tag mit ­vollem Einsatz, damit Familienunter­nehmen in fünf Jahren trotz der vielen Krisen positiv zurückblicken können.  

oben: APA-Images / KURIER / Juerg Christandl, Unten: APA-Images / OTS / Nadine Studeny

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