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Robert Hartlauer
Robert Hartlauer
hermann wakolbinger

Der Smartlauer

17.04.2026 um 00:00, David Pesendorfer
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Prinzip Wandel. „Robert, das ist jetzt dein Laden, mach damit, was du willst“, sagte sein Vater Franz Josef kurz vor seinem Tod. Und Robert Hartlauer machte.

CHEFINFO: Ihr Unternehmen wird heuer 55, Sie selbst sind seit Kurzem 50, doch auf Ihrem Besprechungstisch steht eine bronzene Skulptur der Zahl 13. Sind Sie ein Zahlenmystiker?
Robert Hartlauer: Mein Vater nannte sich selbst „naiv gläubig“, tief drinnen vertraute er den christlichen Werten. Deswegen hatte er für die Symbole des Aberglaubens kein Verständnis und verwandelte die 13 aus einer Art Trotz in eine Glückszahl: Meine Eltern haben an einem 13. geheiratet, haben an einem 13. die Firma gegründet, auch ich habe an einem Freitag, dem 13. geheiratet, und wir sitzen hier am Stadtplatz 13.

Was tragen Sie heute für eine Brille? 
Eine Baldessarini, oft und gerne auch eine Davidoff – da fühle ich mich daheim, das repräsentiert meinen Lifestyle.

Erzählt eine Brille etwas über ihren Träger? 
Definitiv, Sie erkennen meine Stimmung, mein Mindset: Ich ­trage manchmal lockerere Brillen, manchmal ernstere, Grün zu grünem Gewand, schwarz zu schwarzem. Wenn Sie mich mit einer Brille mit leicht getöntem Verlauf sehen, können Sie davon ausgehen, dass ich gerade in den Entspannungsmodus übergehe, im Office würde ich die nie tragen – wohl aber im Sommer im Gast­garten statt einer dunklen Sonnenbrille, denn das Gegenüber soll meine Augen sehen.

Von der medizinischen Notwendigkeit zum Mode-Accessoire: Die Funktion der Brille hat sich im Zeitrahmen Ihrer Karriere massiv verändert, oder?
Absolut, als ich Augenoptiker lernte, stand in den Skripten noch „Sehprothese“. Damals kostete eine gute Brille 20.000 Schilling, deswegen hat man sie so lange als möglich getragen. Dann hat sich langsam das Bekenntnis entwickelt: Man hat mehrere Brillen, so wie man mehrere Paar Schuhe hat: zumindest eine optische Sonnenbrille, zumindest eine leicht getönte Brille, zumindest eine Freizeit­brille und eine ­Geschäftsbrille. Mein persönliches Minimum sind fünf Brillen, ohne die fahre ich nicht einmal auf einen Wochenendausflug. Und im Grunde würde ich das jedem empfehlen: Es gibt kein Mode-Accessoire, das dominanter ist, weil man Menschen ja in die Augen sieht.

Sie sitzen ja auch direkt an der Quelle, aber Otto Normal­verbraucher ...
... hat bei uns einen Fixpreis: Premium­brillen in Fern- oder Nahstärken kosten komplett 249  Euro, Premium-Gleitsichtbrillen 495  Euro. Sogar eine Brille mit voll individualisierten Gleitsichtgläsern, die am Markt nicht unter 1.600  Euro angeboten werden,  gibt‘s bei uns schon um 795  Euro Das ist sauber kalkuliert, nicht so, wie es in der Branche üblich ist: Erst ein astronomisch hoher Preis und dann gnädigerweise 20  Prozent Rabatt, „weil Sie ja ein so ­treuer Stammkunde sind“.

Heutzutage sind viele Brillen so bunt wie Fasching im Gesicht. Haben wir Österreicher einen guten Brillen-Geschmack? 
Ich war erst kürzlich auf der Optikmesse München – und die Stände mit den buntesten Brillen hatten die deutschen Anbieter, das ist in Deutschland besonders stark ausgeprägt: so bunt, dass man sie bei uns kaum oder nur vereinzelt verkaufen könnte. Wir sind geschmacklich eher bei der ­Eleganz der Italiener.

Robert Hartlauer Optiker, Firmenchef, Business-Visionär

Sie waren gerade einmal 24, als Sie die Führung eines Unternehmens übernahmen, dessen Markenversprechen der Name, die Person „Hartlauer“ ist. Brutal, oder?
Mein Vater sagte immer: „Wenn ich das Unternehmen einmal übergebe, dann nur an eine einzelne Person, nicht an zwei oder drei. Ein Familienunternehmen braucht eine klare Struktur, wer will, kann in der Firma arbeiten, aber nur einer kann sie führen.“ Nach meiner HAK-Matura habe ich auch die Optikerlehre gemacht – aber vor allem eines: Ich habe meinen Vater drei Jahre hindurch auf Schritt und Tritt begleitet. Wir saßen 400.000  Kilometer gemeinsam im Auto, ich war bei allen Gesprächen dabei, sei es mit Lieferanten, sei es mit Journalisten. Ich hatte eine ganz ­simple Vereinbarung mit ihm: Wenn ­Dritte dabei waren, schloss ich mich grundsätzlich seiner ­Meinung an, damit man uns nicht gegeneinander ausspielen konnte. Anfangs war ihm diese Konstellation gar nicht so recht, er wollte, dass ich zuerst woanders Erfahrungen sammle – aber ich wollte das so. Da habe ich mehr als auf jeder Wirtschaftsuni gelernt.

Heißt, die klassische Figur des mächtigen Übervaters gab es nicht, denn Sie wollten ja gar nicht anders sein als er?
Nein, weil wir ein extrem freundschaftliches Verhältnis hatten und ich heute noch stolz auf ihn bin. Anfangs fragten mich Journalisten: „Sind Sie die Kopie Ihres Vaters?“ Und ich: „Ja, Gott sei Dank.“ Ich hatte nie diese Protesthaltung, anders sein zu wollen – weil er mir nie, nie einen Grund dafür gab. Ich habe viele seiner Eigenschaften bewusst übernommen, obwohl es andere Felder gibt, wo ich völlig anders als er bin.

Waren Sie nie ein wilderHund, ein kleiner Revoluzzer?  
Ich hatte immer extrem viel Freiheiten. Ich hatte mit zwölfeinhalb meinen ersten Clubraum– und dort so viele Partys geschmissen, dass ich mit 20 mehr als genug hatte.  

Mutter und Sohn: Renate Hartlauer war von Beginn an eine der Säulen und Wegbereiterinnen des Familienunternehmens.

Worin war Ihr Vater besser?
Worin ich heute noch immer besser werden möchte und er extrem gut war: Er hat anderen Menschen das Gefühl von Vertrauen und Sicherheit gegeben, er war ein sehr, sehr guter Zuhörer. Die Menschen hatten das Gefühl, er versteht sie. Worin sind Sie besser?
Nicht besser, anders: Ich bin ein leidenschaftlicher Handwerker, für mich ist das ein ganz wichtiger Ausgleich. Schrauben, Schweißen, Möbelbauen – ich habe eine gut ausgestattete Werkstatt. Mein Vater war zwar ein Technik-Versteher, ein Kamera-Experte. Er hat sich sogar einen Mac zerschneiden und ins Handschuhfach seines Autos einbauen lassen. Aber ich habe ihn nie, nie mit einem Hammer, einem Schraubenschlüssel oder einer Zange in der Hand gesehen – auch nicht mit einem Kochlöffel oder Buttermesser. Aber er hat so fleißig gehackelt, dass er sich das leisten konnte.

Er baute alles auf und „ich könnte scheitern“: War das nie eine Denkkategorie, die Ihnen zusetzte?
Nein, denn ich bin ja nicht ins ­kalte Wasser gestoßen worden, sondern gesprungen. Das hat mir im Grunde jeden Druck genommen, und ich kam gar nicht auf die Idee, dass es nicht funktionieren könnte. Als mein Vater bereits im Krankenhaus lag und für sich selbst beschlossen hatte, nicht mehr in die ­Firma ­zurückzukehren – da erlebte ich etwas, das mich schwer beeindruckte: nämlich wie schnell er seine emotionale Bindung ans ­Unternehmen ablegen konnte. Das war für mich bis dahin völlig unvorstellbar, zumal er das Geschäft immer lebte – die Aufteilung ­„privat / geschäftlich“, die gab es für ihn nicht. Doch in diesen Tagen holte er uns alle zusammen und sagte: „Robert, das ist jetzt dein Laden. Mach damit, was du willst – verkaufen, weiterführen. Ich wünsche dir nur eines: dass du genauso glücklich bist, wie ich es war. Wenn du verkaufst, sei besonders loyal gegenüber jenen Mitarbeitern, die auch in unserer Krise zu uns gestanden sind.“ Welcher andere Unternehmer, der seine Firma aus dem Nichts aufgebaut hat, würde so etwas sagen? Mein Vorteil war von Anfang an: Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verstanden, dass es das ­Beste ist, wenn ein Privater weitermacht – und standen vom ersten Tag an hinter mir.  

Das dynamische Duo: Robert mit seinem legen­dären Vater Franz Josef Hartlauer, der 1971 in Steyr die Firma gründete.

Es gibt also noch so etwas wie die Loyalität der Mitarbeiter gegenüber der Unternehmer-Familie?
Definitiv. Und das brauchen wir, das ist für uns ganz essenziell.

„... Ihr Franz Josef Hartlauer“. Ihr Vater war mit Persönlichkeitswerbung erfolgreich, Sie auch. Warum performen Sie nicht mehr selbst in Radio und TV?
Da hat man uns in der Werbebranche anfangs für verrückt gehalten: So eine Übertragung vom Vater auf den Sohn könne ja nie und nimmer funktionieren! Doch ich habe einfach neue Spots eingesprochen, kam gar nicht auf die Idee, dass das nicht klappen könnte. Aber seit fünf Jahren bin ich bis auf eine Aufnahme zu Jahresende raus! Denn ich war und bin nicht bereit, mich auf Social Media nackt auszuziehen und mein ganzes Leben zu posten – aber das musst du als Testimonial heutzutage. Und diese Absenz hat für mich heute den Vorteil einer gewissen Teilanonymität.

Und plötzlich kennt mich keiner mehr – auch irgendwie tragisch? 
Überhaupt nicht, denn unter ­dieser raschen Bekanntheit habe ich auch manchmal gelitten, das war eine ­echte Herausforderung. Es sagt dir ja keiner gerade heraus, was du dafür aufgibst: Wenn ich in der Kärntner Straße auf einer Bank sitzen würde, um das Treiben an mir vorbeiziehen zu lassen, würde es gleich heißen: Aha, der Hartlauer hat nix zum Hackeln, und gegähnt hat er auch noch. Man muss immer selbstreflektiert sein, selbst wenn man nur am Sonntag mit seinen Kids unterwegs ist, weil man ja auf gar keinen Fall einen Kunden verlieren möchte. Ich musste lernen, Aussagen von Menschen, die ich nicht kenne, innerlich nicht an mich heranzulassen. Das ist aber nicht: Mir ist alles wurscht, ich bin ein harter Hund. Sondern eher: Welche Wertigkeit hat es, wenn wer was Kränkendes über dich sagt, der dich gar nicht kennt. Denn das kann schon verletzend sein.

Sie haben also selbst die Grenze zur Lugnerisierung gezogen? 
Ich wurde zu unzähligen Society-Events eingeladen, man wollte Homestorys produzieren – das habe ich alles abgelehnt. Ich bin im Grunde so societyfaul, dass es selbst meiner Frau manchmal zu viel wird. Oder besser gesagt zu wenig.
Ihr Vater begann mit Hi-Fi und Foto, Ihre heutigen Eckpfeiler sind Brillen und Hörgeräte: Wie oft haben Sie Ihre Firma neu erfunden? 
Mein Vater im Laufe seiner Karriere dreimal, ich auch – und jetzt sind wir gerade beim vierten Mal, denn: Handelsware ist mit wenigen Ausnahmen ein Auslaufmodell, die meisten Hersteller verkaufen direkt. Unsere Stärke muss daher die Dienstleistung sein. Mit Optik und Hörgeräten sind wir mittlerweile ein Gesundheitsdienstleister. Und wir sind gerade dabei, etwas Neues auszurollen, auch wenn wir es noch nicht bewerben.

 

"Ich lebe eine ganz offene Sucht nach den positiven Dingen. Auf dem Grab meines Vaters steht: „Ich war ein glücklicher Mensch.“

Erzählen Sie … 
In 60 unserer Filialen können Sie bereits einen DNA-Test machen, und dank der Ergebnisse bekommen Sie eine komplette Betriebsanleitung für Ihren ­Körper. Aufbauend darauf kann man sich dann die passende ­Nahrungsmittelergänzung bestellen – am besten in Form eines Jahres­abos. Ich selbst konsumiere meinen persönlichen Mix – zusammengestellt vom Molekularbiologen und Epigenetiker Daniel Wallerstorfer vom Salzburger Biotech-Profi Novogenia – seit sechs Monaten täglich. Die Wirkstoffe werden in Zellulose-Material eingearbeitet, das sich unterschiedlich schnell auflöst – so können die Wirkstoffe, im Gegensatz zur gewohnten Pulvereinnahme, einander nicht konkurrenzieren. Das ist Nahrungsergänzung auf höchstem Niveau – und individualisierte Gesundheitsprävention. Ausführliche Beratung samt Speichelabstrich wird in den Filialen durchgeführt.

Und was kostet die Selbstoptimierung à la Hartlauer?
3,80 Euro pro Tag, das sind 114 Euro im Monat. Wenn ich mich entscheide, das über zwölf Monate hinweg zu machen, ist die DNA-Analyse gratis. Normal kostet die so um die 700 Euro. Wir alle sehen, dass uns die staatliche medizinische Versorgung unter Spardruck zusehends im Stich lässt. Heute wächst eine Generation heran, die ganz viele Gesundheitschecks auf Eigeninitiative machen wird. Es ist daher auch absolut denkbar, dass wir in einigen Jahren die Dienstleistung eines großen Blutbilds anbieten. 
Ihr Geschäftsmodell als Retailer ist also eigentlich die gute alte,  vergleichsweise kostenintensive Dienstleistung geblieben? 
Ja, und da bleibe ich voll drauf, weil sie sich immer mehr vom Produktkauf selbst entkoppelt. Und die Frage dabei ist: Wie machen wir aus unseren Mitarbeitern echte Löwen? Die Führungskräfteausbildung für Geschäftsleiter zum Beispiel ist zur Hälfte angewandte Psychologie.

Und worin besteht nun die Psychologie der Dienstleistung?
Darin, im Geiste hochmodern zu sein – aber im Umgang mit einem Menschen, der ins Geschäft kommt, möglichst altmodisch: Ein Kunde darf spüren, dass er die wichtigste Person im Geschäft ist. Ich bin fest davon überzeugt, dass unsere Zeit dringend Wertschätzung braucht – denn irgendwann werden nur noch KI-Stimmen zu uns sprechen und mechanisch Fakten aufzählen. Doch unsere Mitarbeiter sind nicht dafür da, ­Fakten runterzuleiern, sondern so lange zuzuhören und zu fragen, bis sie wissen, was ihr Gegenüber braucht. Das ist unser Weg, denn die Verwahrlosung der Dienstleistung ist voll im Gange – und für ein Gegenbekenntnis gibt es definitiv genug Raum. Gerade ältere Menschen kommen manchmal auch einfach zum Plaudern zu uns, da sind wir ein wichtiger Sozialkontakt. 

Echtmenschen-Kontakte statt KI? 
Nicht statt! Wir sind mitten in der Transformation: Wichtige Software-Entwicklungen machen wir längst unternehmens­intern mit KI – in einer Qualität, die einen von der Knebelung und der Abhängigkeit von Software-Anbietern befreit.

Apropos Echtmenschen: Soll einmal eine Ihrer vier Töchter den Betrieb übernehmen – kündigt sich da entsprechendes Talent an? 
Meine Mutter freut sich heute noch ­darüber, dass es mit unserem Unternehmen weiterging. Und ich glaube auch, dass sich mein Vater von da oben freut. Und wenn es denn passt, würde ich mich genauso freuen. Aber ich setze es nicht voraus und erwarte es auch nicht als einzige Option. Es gibt ­Dinge, die ­darüber stehen, und ­persönliches Lebensglück steht definitiv darüber; und für mich persönlich gehört dazu auch ­Familie. Aber wenn meine Frau nicht bereit gewesen wäre, dieses Projekt so liebevoll zu managen – ich hätte es vom Zeitaufwand her nicht geschafft. Natürlich gibt es heute die Möglichkeit des Rollentausches, die Frage ist nur, ob das in unserem gesellschaftlichen Alltag auch wirklich funktioniert. Also: first Lebensglück, dann Firma. Auf dem Grab meines Vaters steht: „Ich war ein glücklicher Mensch.“

Glücklich – was ist das? 
Glücksgefühl wird in derselben Gehirnregion ausgelöst wie die Angst, und sie verdrängt es oft. Wenn man also bewusst versucht, das Schöne zu sehen, ist man glücklicher. Ich lebe eine ganz offene Sucht nach positiven Dingen. Da geht es nicht um Hedonismus, da geht es um Dinge, die in mir entstehen, weil ich sie bewusst suche – etwa beim Foto­grafieren. Glücklichsein bedeutet also, nach dem Glück zu suchen. 

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