Corporate Health: Das gesunde Unternehmen

Das Thema „Gesundheit“ war in Betrieben noch nie so allgegenwärtig wie heute. Der Grund dafür ist allen bekannt: Die Pandemie-Maßnahmen halten Vorgesetzte und Mitarbeiter seit mehr als einem Jahr auf Trab. Allein beim Innviertler Flugzeugzulieferer FACC wurden von vier Ärzteteams bisher 30.000 Antigen-Testungen durchgeführt. Getestet wird während der Arbeitszeit und das ermöglicht der Belegschaft eine einfache Abwicklung. Impfstraßen sind in der Umsetzung. Mehr als 750.000 Euro an Sonderkosten wurden investiert. Das reicht von der Verpflegung der gesamten Belegschaft bis hin zu den Kosten für Tests und FFP2-Masken. So ähnlich geht es derzeit vielen Unternehmen. Dabei wird übersehen, dass der Gesundheitsgedanke schon seit Jahren in der Wirtschaft an Bedeutung gewinnt. Durch die Corona-Pandemie haben Chefs noch einmal mehr erkannt, dass die Gesundheit ihrer Mitarbeiter letztlich auch die wirtschaftliche Gesundheit des Unternehmens stark beeinflusst. Im angelsächsischen Raum, aber immer mehr auch bei uns hat sich der Begriff „Corporate Health“ etabliert. Eine Organisation, die im wahrsten Sinn des Wortes gesund ist, leistet auch mehr und ist fitter für den Wettbewerb.

Zitat Maximilian Wurm

Gesundheits-Management

„Immer mehr Unternehmen leisten sich eigene Gesundheitsmanager oder ­kaufen externe Präventionsleistungen zu, um ein erfolgreiches, nachhaltiges Gesundheitsmanagement im Betrieb strategisch zu verankern“, sagt Renate Krenn, Geschäftsführerin des Arbeitsmedizinischen und Sicherheitstechnischen Zen­trums (ASZ) in Linz. Das ASZ unterstützt Unternehmen genau in diesen Fragen – und verfolgt dabei einen ganzheitlichen und strategischen Ansatz, Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) in Prozesse und in die Unternehmenskultur zu integrieren, vor allem aber um alle internen und externen Akteure der Prävention zu koordinieren und zu vernetzen. Dass in vielen Unternehmen Präventionsangebote über das gesetzliche Erfordernis der Arbeitsmedizin hinaus angeboten werden, ist längst kein Geheimnis mehr. Der Kreativität sind inzwischen keine Grenzen mehr gesetzt. Die Firma Hueck Folien in Baumgartenberg hat ein eigenes Vital-Programm für ihre Mitarbeiter entwickelt. Unternehmen wie das Hochtechnologie-Unternehmen Trumpf Maschinen in Pasching unterstützen ihr Team im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements beim Laufen oder bei anderen sportlichen Aktivitäten. Seit 2014 hat das Unternehmen ein hauseigenes Fitness-Studio und einen Kursraum, wo Rückentrainings und Yoga-Kurse abgehalten werden. 350 von den 700 Mitarbeitern nutzen das Angebot, wofür sie einen kleinen Mitgliedsbeitrag entrichten. Mittels einer eigenen App sollen Mitarbeiter zur Bewegung motiviert werden. Vegetarische Kost in der Kantine ist inzwischen Standard.

Healthy Leadership

Rutsche in den Activity Room

Viele Organisationen lassen bei ihren Firmenbauten gleich gesunde ­Kreativität walten. Beispiele dafür sind vor allem im IT-Bereich zu finden – zum Beispiel bei der Count IT Group mit Sitz in Hagenberg. Das neue Firmengebäude, das im kommenden Jahr gemeinsam mit dem Startup ventopay bezogen wird, hat eine Rutsche in den Fitness- und Aufenthaltsraum integriert. In diesem Activity Room können sich Mitarbeiter an Dartscheiben, Wuzeltischen oder Fitnessgeräten bald austoben. Zusätzlich werden auch ein paar Betten für den Power­napping-Bereich angeschafft – der gesunde Mittagsschlaf kann kleine Wunder wirken.

Lachen hält gesund

Maximilian Wurm (66), der mit seiner Frau 1995 die Firma gegründet hat, spielte 21 Jahre in einer Fußball-Kampfmannschaft und weiß, wie wichtig sportliche Betätigung ist. Und dennoch hat er einen anderen Ansatz: „Ich bin kein Philosoph, kein Mediziner und habe mein Wissen und meine Lebensweisheit nicht aus Büchern geholt. Es geht um Hausverstand. Ich komme von einem kleinen Bauernhof. Wir waren fünf Kinder und ich bin sehr bescheiden aufgewachsen. Von dort habe ich mitbekommen, dass es wertvoll ist, von Menschen für Menschen zu leben.“ Zum Leben gehört für Wurm natürlich auch das Arbeiten. Für ihn hat sich herauskristallisiert, dass es entscheidend für den Erfolg als Unternehmer ist, dass man Menschen auch mag. „Mir geht es um Langfristigkeit in der Zusammenarbeit mit Menschen. Und wenn es um Langfristigkeit geht, steht die Gesundheit ganz oben auf der Prioritätenliste. Und Lachen hält gesund. Wann lacht man? Wenn es einem gut geht.“

Zitat Renate Krenn, Geschäftsführerin ASZ Linz

Die Menschen begleiten

Der Erfolg gibt ihm jedenfalls recht. Wurm kommt ursprünglich aus der ­Landesverlags-Welt. Mit Count IT verbindet er Software-Entwicklung und Betriebswirtschaft in einer Einheit. „Wir sind eine Art Generalunternehmer“, sagt Wurm. Rund 60 Leute sind im Bereich IT beschäftigt. Kunden sind Kleinst­unternehmer bis zur voestalpine. Zudem sind 34 Mitarbeiter im Bereich Personalverrechnung beschäftigt mit Kunden bis nach Deutschland. „Wir möchten Menschen so begleiten, wie es sich Menschen verdienen. Die Leute sollen bei uns Spaß im Unternehmen haben“, sagt Wurm. Das Thema „Gesundheit“ ist für ihn auch zwischenmenschliche Arbeit. „Früher hat man gesagt, man soll das Berufliche und Private trennen. Das habe ich schon früh angezweifelt, weil es ja derselbe Mensch ist. Man kann nicht nach Arbeitsschluss auf einen Schalter drücken.“

Chefs als Gesundheitsapostel

Der Chef als Vorbild in Sachen Gesundheit für die eigenen Mitarbeiter ist ein wichtiger Faktor. Die neue Elite aus dem Silicon Valley imponiert mit athletischem Körperbau, gesunder Ernährung und Sneakers aus Biowolle. „Gehen Führungskräfte selbstbewusst mit ihrer Gesundheit um, stehen die Chancen gut, dass sich auch die Mitarbeiter an deren positivem Gesundheitsverhalten orientieren. Somit spielt die Führungskraft aufgrund ihrer Vorbildfunktion im betrieblichen Gesundheitsmanagement eine besondere Rolle“, sagt Krenn. Sie streicht besonders das Healthy Leadership hervor: Zum einen geht es um Handlungsfreiräume für Mitarbeiter. Zum anderen um eine Arbeitskultur, in der flexible Arbeitszeiten und Selbstbestimmung nicht zu einer ungesunden Haltung der Selbstausbeutung, sondern zu einem neuen, gesundheitsförderlichen Freiraum für Mitarbeiter werden. Und sie zitiert dabei das Zukunftsinstitut: ­Flexible Arbeitszeiten führen demnach keineswegs – wie häufig vermutet – zu einer besseren Work-Life-Balance und damit zu ausgeglicheneren Mitarbeiten. Im Gegenteil: „Sie wirken sich sogar negativ auf die Work-Life-Balance aus. Im Kontext der heutigen ­Arbeitskultur schützt ein fester Arbeitszeitrahmen also noch mehr vor Überarbeitung, als flexible Modelle Freiräume schaffen. Auch Bezahlung der Überstunden, leistungsabhängige Bezahlungen oder mehr Selbstbestimmung zahlen nicht auf das Wohlbefinden und die Gesundheit der Mitarbeiter ein. Was sich dagegen positiv auswirkt, ist das Schaffen von Handlungsspielräumen. Sie ermöglichen, erzwingen aber nicht eigenverantwortliche Entscheidungen – und schützen damit vor selbstgefährdendem Verhalten“, so das Zukunftsinstitut.

Unternehmenskultur

Gelebter Arbeitsschutz

Firmen nehmen den Bereich Gesundheit vor allem über den Bereich Arbeitnehmerschutz wahr. Und in diesem Bereich ist auch tatsächlich viel passiert. „Arbeitnehmerschutz wird in Oberösterreichs Betrieben gelebt. Wir haben hier mittlerweile ein unglaublich hohes Niveau, was sich auch darin zeigt, dass die Anzahl der Arbeitsunfälle seit Jahren kontinuierlich sinkt“, sagt Erhard Prugger, Landesstellenvorsitzender der AUVA in Linz. Für Prugger ist diese Entwicklung den Unternehmen zu verdanken, die in die betriebliche Sicherheit massiv investieren, aber auch jenen Institutionen und Stellen, die die Unternehmen dabei unterstützen. „Hier sind insbesondere auch die Arbeitsmediziner zu nennen, die ja eine spezielle Ausbildung haben und vor allem das ­jeweilige Unternehmen mit seinem Gefahrenpotenzial genau kennen. Das führt in weiterer ­Folge zu passgenauen Lösungen und zu einer hohen ‚Trefferquote‘ in der Prävention, wovon natürlich alle entsprechend profitieren.“

Arbeitsmedizin im Wandel

Arbeitsmediziner werden laut Prugger in Österreich immer mehr zur Mangelware. Schon jetzt fehlen 500 Arbeitsmediziner in Österreich, was sich aufgrund der bevorstehenden Pensionierungswellen noch verschärfen wird. Hier brauche es innovative Lösungen: „Als Wirtschaftskammer plädieren wir für die Installierung einer Gesundheitsfachkraft – ähnlich der Sicherheitsfachkraft –, die dort eingesetzt werden kann, wo kein spezielles medizinisches Know-how gefragt ist. Auch die gesetzlich vorgesehenen Einsatzzeiten sind zumindest in Betrieben mit mehr als 50 Mitarbeitern zu hoch, wo keine besondere Gefahrengeneigtheit vorliegt. Hier bedarf es einer Umschichtung, das heißt des gezielten Einsatzes der Arbeitsmediziner in jenen Bereichen, wo aufgrund der unternehmerischen Tätigkeit mehr Gesundheits- und Unfallrisken bestehen.“ Auch Krenn plädiert für ein modernes Präventionsgesetz und verweist dabei auf Deutschland, wo ein solches 2016 in Kraft getreten ist. Ein Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und der Prävention, welches auch die Grundlagen für die Zusammenarbeit von Sozialversicherungsträgern, Ländern und Kommunen und den Betrieben in den Bereichen ­Prävention und Gesundheitsförderung für alle Altersgruppen und in vielen Lebensbereichen in den Blick nimmt.

Zitat Erhard Prugger, AUVA-Landesvorsitzender

Win-win-Situation

Es geht alles in Richtung Gesundheitsmanagement, aber das Gesetz zieht nicht nach. Die klassische Arbeitsmedizin selbst wird immer weniger benötigt. Ein Grund: Im Produktionsbetrieb kommen vermehrt Roboter und Maschinen zum Einsatz – Arbeitsplätze am Schreibtisch brauchen etwas anderes. Das be­stätigt auch die Arbeits- und Umweltmedizinerin Karin Grafl aus Sarleinsbach. „Die Arbeitsmedizin hat sich gewandelt. Es waren früher sehr viele Vorsorge-Gesundheitsuntersuchungen, die braucht man vielfach nicht mehr. Heute geht immer Technik vor Personenschutz. Deshalb ist die Arbeitsmedizin in den Hintergrund getreten.“ Die Ärztin übt die Arbeitsmedizin als zweites Standbein aus. „Man war in Betrieben sehr ungern gesehen. Das hat mich leicht gewurmt“, erinnert Grafl, die dann 2010 begonnen hat, an der JKU Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Zusätzlich hat sie sich in der Umweltmedizin ausbilden lassen und arbeitet bei der Dachmarke ecofairbau mit. „Hier bemühen wir uns, dass wir die Rauminnenqualität gesundheitlich so bestmöglich produzieren und das Immunsystem damit stärken“, erklärt die Medizinerin. Mittlerweile berät sie Unternehmen fast nur mehr in diese Richtung. „Da gibt es jetzt bereits sehr spannende arbeitsmedizinische Kombinationen. Ich betreue auch Gemeinden beim ökologischen Bau bei Sanierungen. Denn es geht um Arbeitnehmer, die den ganzen Tag in einem gesunden Umfeld verweilen“, erklärt die Expertin. Der Wert Gesundheit steigt, ist sie überzeugt. Erfahrungsgemäß ist das Gesundheitsmanagement eine Win-win-Situation für beide, sowohl für Arbeitnehmer als auch für Arbeitgeber. Die Arbeitsmarktlage ist nicht so, dass sich Betriebe die Fachkräfte aussuchen könnten. Diesen einen Anreiz zu schaffen, dabei kann Betriebliche Gesundheitsförderung helfen.

Alexander Altendorfer, Gründer Pandocs

Die größten Herausforderungen

Was sind die größten Herausforderungen in der Corona-Pandemie für das Gesundheitsmanagement – und welche Unternehmen meistern das Virus am besten? Für Krenn sind es die lange ­Dauer der Covid-19-Pandemie und die Belastungen durch Homeoffice oder Quarantäne sowie Homeschooling. Hinzu kommen Unsicherheiten, ständige Veränderungen, Spannungen am Arbeitsplatz, Stress durch Überforderung, „aber auch persönliche Krisen vermindern die Lebens- und Arbeitsqualität erheblich“, sagt die Expertin. Bei vielen Menschen reichen die eigenen Ressourcen nicht mehr aus, um mit Belastungen und Problemen umzugehen und sie suchen daher externe Unterstützung. In vielen Unternehmen hat das ASZ aktuell das Angebot einer anonymen psychologischen ­Serviceline installiert oder die Einzel-Coachings sowie Sprechstunden der Psychologen stark aufgestockt. „Firmen mit einer Unternehmenskultur, die den Mitarbeitern Vertrauen und Wertschätzung durch gezielte Angebote der Betrieb­lichen Gesundheitsförderung entgegenbringt, haben nun einen Vorteil. Aber auch den Führungskräften kommt gerade jetzt eine besondere Bedeutung zu, die Befindlichkeiten ihrer Mitarbeiter gut im Blick zu haben und wenn möglich flexible Anpassungen in der Arbeitsorganisation zu machen“, sagt Krenn.

Mehr Eigenverantwortung

Brauchen wir weniger Gesetze und mehr Eigenverantwortung? „Das muss unser erklärtes Ziel sein, wenn wir unser ­Sozialsystem auch für die nächste ­Generation erhalten wollen“, sagt Prugger. In Österreich fristet die Eigenverantwortung des Einzelnen traditionell ein Schattendasein, da „der Staat im Ernstfall ohnehin alles richtet“. Prugger nennt ein konkretes Beispiel: Was hilft es, wenn die Geschäftsführung und der Betriebsarzt alles für einen sicheren Arbeitsplatz tun und bereitstellen, der jeweils betroffene Mitarbeiter aber nicht mitmacht und den Helm oder Gehörschutz ablegt, sobald der Chef weg ist?

Arbeitsmedizin

Gesundheitsmanagement 4.0

Auf mehr Eigenverantwortung setzen Startups wie Pandocs mit ihren Ideen, die Unternehmen beim betrieblichen Gesundheitsmanagement ­unterstützen. Die Digitalisierung eröffnet Gesundheitsmanagern neue Möglichkeiten. „Wir sind mit unserer App genau zu Beginn der Corona-Zeit im B2C-Bereich gestartet und bekamen extrem gutes Feedback. Gerade in Zeiten, wo Fitness-Studios geschlossen bleiben und Aktivitäten mit Freunden nicht möglich sind, ist die Motivation, aktiv zu bleiben, umso wichtiger“, schildert Geschäfts­führer Alexander Altendorfer. Nicht nur Bewegung, sondern seelisches Wohl­befinden und Ernährung werden angeboten. „Wir haben die Zeit genutzt und laufend unser Content-Angebot erweitert. So haben wir gerade über 100 neue Videos in der Pipeline, wo Expertinnen und Experten Übungen für neue Pandocs Challenges zeigen“, erklärt er in der Startup-Ausgabe von CHEFINFO.

Zitat Karin Grafl

Rechnet sich Gesundheit?

Senseble Health aus München ist weiteres Startup, das in diesem Bereich erfolgreich unterwegs ist. Betriebliches Gesundheitsmanagement hat an Bedeutung gewonnen und muss nicht langweilig sein, ist der Startup-Gründer Thomas Kirchner überzeugt, dessen Senseble Health-App Mitarbeiter von Unternehmen zu einem gesünderen Lebensstil spielerisch anspornt. Für Kirchner sind Investitionen in betriebliches Gesundheitsmanagement gut investiertes Geld. Er verweist dabei auf mehrere Studien, deren durchschnittliche Höhe des ROI (Return on Investment) liege demnach bei 2,7. Eingerechnet werden Faktoren wie krankheitsbedingte Fehltage, Kosten für betriebliche Eingliederungsmaßnahmen oder Kosten eines Know-how-Verlusts. Kirchner: „Die Gesundheitsförderung der Mitarbeiter kostet, doch ungesunde Mitarbeiter kosten mehr“, sagt er in einem Interview mit karriere.at.

Autor: Klaus Schobesberger, 06.08.2021