Bildung als Investment

Brad Henry, ehemaliger Gouverneur des US-Bundesstaats Oklahoma, brachte es auf den Punkt: „Kein anderes Investment gibt so viel zurück wie das Investment in Bildung.“ Davon kann der österreichische Frühphasen-Investor Speedinvest ein Lied singen. Speedinvest stieg bei der Gründung von GoStudent, einer Online-Nachhilfeplattform, bereits 2016 ein. Die investierten 800.000 Euro sind fünf Jahre später das Hundertfache wert, rund 80 Millionen Euro, da GoStudent mittlerweile einen Marktwert von 1,4 Milliarden US-Dollar erreicht. Damit ist es Österreichs erfolgreichstes Startup aller Zeiten und das am besten bewertete Unternehmen im Bereich der digitalen Bildung in Europa.

100-facher Return of Invest

In nur fünf Jahren gelang der Sprung vom kleinen Startup zum Investoren­magnet. So investierte sogar der chinesische Internet- und Gaming-Gigant Tencent in die Wiener. GoStudent startete dabei mit Gratis-Hausaufgaben via ­WhatsApp, mittlerweile vermittelt das Unternehmen rund 400.000 Nachhilfestunden im Monat. Das Startup fungiert dabei als Mittlerplattform zwischen Schülern und Nachhilfelehrern. Die beiden Gründer Felix Ohswald (26) und Gregor Müller (27) setzten dabei auf Nachhilfe via Video. Lehrer und Schüler brauchen ­keinen gemeinsamen Raum mehr. Der Native Speaker aus England kann bequem von der Insel aus österreichischen Schülern unter die Arme greifen. Das schlug natürlich während der Pandemie massiv ein. Neben Tencent investierte auch die japanische SoftBank und der kalifornische VC Dragoneer. Der gesamte europäische Nachhilfemarkt wird auf rund 30 Milliarden Euro Umsatz geschätzt. Das dürfte aber nur ein Teil der Wahrheit sein, denn viele Stunden werden nach wie vor „schwarz gezahlt“. In 15 Ländern ist GoStudent bereits vertreten, mit dem frischen Geld will man nun die Marktpräsenz in Mexiko und Kanada finanzieren.

China stoppt Nachhilfe-Boom über Nacht

Ganz andere Dimensionen herrschen in China. Die boomende chinesische Nachhilfe-Industrie mit ihren mittlerweile massiv gewachsenen Strukturen ist zu einem gigantischen Wirtschaftsfaktor geworden. Unternehmen wie TAL Education, Gaotu oder New Oriental Education setzen 120 Milliarden US-Dollar pro Jahr um und sind an US-Börsen gelistet. Ein scheinbar lukratives Geschäft, denn nirgendwo wird mehr in ­Nachhilfe investiert wie im Land der ­aufgehenden Sonne. Um ihre Schützlinge an die neuen Eliteuniversitäten in der Volks­republik zu bringen, wird bis zur Hälfte des Haushalts­einkommens in zusätzliche Kurse investiert. Doch das Geschäft wurde jäh beendet. Der kommunistischen Partei war das ein Dorn im Auge und sie verbot den Unternehmen, mit Nachhilfe Geld zu verdienen bzw. stoppte sie weitere Börsengänge.

 

Felix Ohswald und Gregor Müller von GoStudent

Extremer Drill versus Mehrkindpolitik

Das brachte die Börsen gehörig ins ­Wanken. Die Aktien der drei großen Branchen-Gurus sackten um bis zu 60 Prozent ab. Die Hang Seng in Hongkong knickte um vier Prozent ein. Das große Geschäft ist wohl vorbei. Dabei geht es der Partei weniger darum, den Markt zu regulieren, sondern um die Pläne der Mehrkindpolitik zu unterstützen. Derzeit investieren Familien alles in ihr einziges Kind. Mehreren Kindern Zusatzstunden zu finanzieren, wäre nicht mehr drin. Der Drill, dem Kinder in China ausgesetzt sind, soll ein Ende haben, und das kam faktisch über Nacht. Wie sich das auf Chinas Zukunft auswirken wird, ist noch fraglich. Führende chinesische Pädagogen dürften sich aber durchgesetzt haben. Der extreme Leistungsdruck wirkt sich stark auf die physische und psychische Gesundheit der Kinder aus. Bei der Selbstmordrate von Schülern zwischen 14 und 16 Jahren steht China weltweit an der Spitze. Österreich ist da wohl noch eine Insel der Seligen, aber auch hierzulande nehmen rund 30 Prozent aller Schüler Nachhilfe in Anspruch.

Autor: Jürgen Philipp, 04.10.2021