Aktien mit Kick
Inhalt
- 28-facher Mordversuch
- „Vermögensgegenstand" mit Torriecher
- „Pelé-Index“ – S&P 500 für Kicker
- Herz statt Hirn
- Das Rapid-Börsen-Debakel
- Wie man trotzdem profitiert
Ein lauter Knall in der Abenddämmerung, ein weiterer folgt und schließlich ein letzter ohrenbetäubender Einschlag. Nägel fliegen durch die Luft – zerfetzen die Sitze des schwarz-gelben Busses, der an diesem 11. April 2017 um 19.15 Uhr in Dortmund Höchsten unterwegs war. Ein Polizist fällt von seinem Motorrad, reißt sich den Helm vom Haupt: Er hört nur mehr einen gellenden Ton – Knalltrauma. Im Bus windet sich der Spanier Marc Bartra Aregall. Metallstifte stecken in seiner Speiche und im Arm. Er wird noch in dieser Nacht operiert. Aregall ist von Beruf Innenverteidiger und er sitzt im Mannschaftsbus von Borussia Dortmund. Sein Team war auf dem Weg ins Westfalenstadion, um in der Champions League gegen Monaco anzutreten. Die Polizei sollte kurz darauf feststellen, dass jemand drei Nagelbomben in der Hecke der Wittbräucker Straße 563 platziert hatte. Was das mit dem Finanzmarkt zu tun hat?
28-facher Mordversuch
Borussia Dortmund ist, neben der SpVgg Unterhaching, einer von zwei deutschen Fußballvereinen, die an der Börse notiert sind. Seit 31. Oktober 2000 kann unter dem Kürzel BVB (Wertpapierkennnummer 549309) das Papier in Frankfurt gehandelt werden. Ausgegeben wurde die Aktie um elf Euro das Stück, seit Jahren befindet sich das Papier aber eher im Bereich zwischen drei und vier Euro. Am 11. April 2017 versuchte jemand, den Kurs mit mörderischer Absicht in den Keller zu bomben. Einem BVB-Fan und -Aktionär aus Österreich fielen ungewöhnliche Käufe von Verkaufsoptionsscheinen vor dem Anschlag auf. Tatsächlich kaufte der später als Täter überführte Deutschrusse Sergej W. solche massiv ein. Er spekulierte auf einen Absturz der Aktie und damit verbundene hohe Gewinne für ihn. Sergej W. wurde 2018 wegen 28-fachen Mordversuchs zu 14 Jahren Haft verurteilt.
„Vermögensgegenstand" mit Torriecher
Dieses schockierende Beispiel zeigt, dass Investments in börsennotierte Fußballklubs, wie Manchester United, Ajax Amsterdam, Lazio oder Celtic, hochriskant und äußerst volatil sind. Ihr „Börsenwert“ ist nicht nur vom sportlichen Erfolg abhängig – der wird oft teuer und auf Pump erkauft –, sondern vor allem von den „Vermögensgegenständen“. Solche Assets sind die Spieler und stehen als solche auch in der Bilanz. Die „Vermögensgegenstände“ können im Wert steigen, etwa bei einem Millionentransfer, oder man muss sie abschreiben wie bei einer schweren Verletzung. Des Weiteren sind Fußballklubs – im Gegensatz zu klassischen börsennotierten Konzernen – im Wachstum begrenzt. Mehr als ausverkauft kann ein Stadion nicht sein. Andere Märkte zu erobern funktioniert nur eingeschränkt.
„Pelé-Index“ – S&P 500 für Kicker
Das Ganze lässt sich übrigens messen und vergleichen. Möglich macht das ein nach dem brasilianischen Weltklasse-Fußballer Pelé benannter Index. Der schaut sich die Wertentwicklung börsennotierter europäischer Fußballklubs seit 1998 an und ist quasi eine Art S&P 500 der Top-Player am grünen Rasen. Der Erfinder des Pelé-Index Jordy Hermanns ist Portfolio-Manager von Aegon. Er geht im Interview mit „Finanzwelt“ auf den BVB ein: „Die BVB-Aktie wurde im Jahr 2000 mit einem Kurs von elf Euro an der Frankfurter Börse eingeführt. Derzeit notiert die Aktie unter vier Euro, was einer Gesamtrendite von mehr als minus 50 Prozent entspricht. Im gleichen Zeitraum erzielte der DAX-Index eine Rendite von über 230 Prozent.“ Und nicht nur der BVB zieht gegenüber klassischen Unternehmen den Kürzeren. Fast immer verlassen Fußballklubs als Verlierer das Investmentfeld. „Seit der Einführung des Pelé-Index im Jahr 1998 hat der Index eine Gesamtrendite von minus neun Prozent erzielt. Dies steht in krassem Gegensatz zur Rendite von plus 270 Prozent des breiteren Markts im selben Zeitraum“, so Hermanns.
Herz statt Hirn
Hauptgrund dafür ist ein völlig konträres Geschäftsmodell. Ein börsennotiertes Unternehmen will den Shareholder-Value maximieren. Ein Fußballklub muss Tore schießen, tabellarisch möglichst weit oben landen und muss die Massen unterhalten. Im Gegensatz zu rationalen, zahlenbasierten Investment-Entscheidungen in klassischen Unternehmen übernimmt bei Fußball-Aktien die Emotion. Statt kühlem Kopf dominiert das heiße Herz.
Das Rapid-Börsen-Debakel
Das mussten auch zahlreiche Rapid-Fans erkennen. 1991 kamen die Hütteldorfer an die Börse. „Erstmals geht nun auch in Österreich ein Fußballklub an die Börse“, verlautbarte die APA am 29. August 1991. „Für Rapid-Anhänger und solche, die es werden wollen, wird die Vindobona-Privatbank zwischen dem 9. und 12. September 60.000 Stammaktien der neu gegründeten ‚Rapid Wien Finanzierungs-, Werbe- und Veranstaltungs-Aktiengesellschaft‘ zur Zeichnung auflegen.“ Statt sich in die Champions League zu schießen, landete der Rekordmeister vor Gericht und im Ausgleich. Ein Geldwäsche-Skandal eines Vindobona-Prokuristen, Drogengelder für den „argentinischen Van Basten“ und vieles mehr ließen die Aktie ins Bodenlose stürzen und brachten Rapid beinahe komplett ins Abseits.
Wie man trotzdem profitiert
Doch es lässt sich auch kurzfristig richtig viel Geld machen. Als kürzlich das Gerücht auftauchte, Elon Musk könnte bei Manchester United einsteigen, stieg das Papier in schwindelnde Höhen. Auch wenn Klubs von der Börse genommen werden, ist für Aktionäre einiges drin. Das passiert nicht so selten, so wie beim Pionier seines Genres: Tottenham FC. 1983 waren die Londoner der erste Fußballklub an der Börse, 2012 verließen sie wieder das Parkett. Aston Villa, Leicester oder Newcastle taten es ihnen nach. Der Grund ist simpel: Statt sich mit vielen Kleinaktionären herumzuschlagen, such(t)en sich prominente Klubs große Investoren. Und die mögen keine Veröffentlichungspflichten oder Börsenaufsichtsorgane. Sie sind bereit, die bestehenden Aktionäre großzügig auszuzahlen. Dazu gibt es Mischvarianten, wie der Besitzer des FC Kopenhagen. Der Klub gehört dem dänischen Konzern „Parken Sport & Entertainment“, der neben dem Fußball auch in Immobilien und Freizeitparks investiert ist und somit auf mehreren Beinen steht. Dividenden werden damit nicht nur mit dem Ball lukriert. Wie auch immer, meistens rollt der Ball eben schneller als der Rubel.