Max Verstappen: Der Champion, der alles hat — und trotzdem zweifelt
Da steht Max Verstappen am Balkon in Monaco. Weißes T-Shirt — kein Red-Bull-Logo, ausnahmsweise. Auf dem Arm: Tochter Lily, ein Jahr alt. Er zeigt nach unten, dorthin, wo die Boliden durch die engen Kurven jagen.
Und du fragst dich unwillkürlich: Will dieser Mann, der grade innig seine kleine Tochter hält, wirklich nochmal in so ein Auto steigen?
Die Frage hängt seit Wochen in der Luft. Nach dem Japan GP sagte Verstappen gegenüber BBC Sport in einem Interview, das die gesamte Formel-1-Welt aufwühlte: „Privat bin ich sehr glücklich. Und dann fragt man sich: Lohnt es sich? Oder genieße ich es mehr, zuhause bei meiner Familie zu sein?" Ein einziger Satz und plötzlich redet niemand mehr über Reifen oder Rennlinien.
Vier Titel, null Freude: Was in der Saison 2026 schiefläuft
Verstappen ist viermaliger Weltmeister (2021 bis 2024), hat 71 Karrieresiege eingefahren und stand 128 Mal auf dem Formel-1-Podium. Heuer läuft es anders. In den ersten Rennen der Saison 2026 holte er nur einen sechsten Platz, einen Ausfall und einen achten Platz. Es ist sein mit Abstand schwächster Saisonstart seit 2015.
Beim Monaco GP ist es zum nächsten Tiefschlag gekommen: Der Motor gab beim Start den Geist auf. Max fuhr vor lauter Frust nicht einmal mehr ins Fahrerlager zurück, sondern direkt nach Hause.
Red-Bull-Teamchef Laurent Mekies räumte gegenüber RacingNews365 offen ein: „Wir sind weit zurückgefallen — das ist die Realität." Das RB22 hat ein grundlegendes Konzeptproblem — zu wenig Abtrieb, zu viel Luftwiderstand. Zu Saisonbeginn war es rund eine Sekunde pro Runde langsamer als der führende Mercedes. Beim Kanada GP sicherte sich Verstappen seinen ersten Podiumsplatz der Saison (Platz drei) — aber die alte Dominanz ist das noch lange nicht.
Verstappen als Vater
Lily Verstappen wurde am 25. April 2025 geboren. Beim Miami GP 2025 bestätigten Max und Partnerin Kelly Piquet die freudige Nachricht — und seitdem ist Verstappen ein anderer Mensch. Zumindest privat.
Aber so ist das nun mal: Auch der kälteste Blick im Motorsport schmilzt vor einem Neugeborenen. Gegenüber dem People Magazin sagte Verstappen, er versuche jetzt nach Rennwochenenden so schnell wie möglich heimzufahren und die Familienzeit mehr zu priorisieren als früher.
Zuhause in Monaco sind Dackel Nino und die drei Katzen Jimmy, Sassy und Donatello der tägliche Fixpunkt im Hauschaos. Jimmy und Sassy wurden nach Nachtclubs in Monaco benannt, was irgendwie typisch Verstappen ist. Wer zu Hause das Sagen hat, wird aber auch immer wieder klar. Im Livestream seines Sim-Racing-Teams kommentierte er trocken: „Ich kann das dort nicht hinstellen, mein Hund frisst es sonst." Und: „Manchmal sitzt mir eine Katze zwischen den Pedalen!" Der große Champion, ganz privat.
Klingt bekannt? Das Glücksparadox eines Champions
Der erfolgreichste Fahrer seiner Generation ist im Cockpit unglücklich und zuhause tief zufrieden. Klingt bekannt?
Verstappens Jahresgehalt wird laut paddockIntel.com auf geschätzte 70 bis 76 Millionen Dollar taxiert – das höchste im aktuellen F1-Feld. Sky-Sports-Kommentator David Croft warnte gegenüber Motorsport.com, die Rücktrittsdrohung sei „nicht aus der Luft gegriffen". Max meine es ernst. Ex-Ferrari-Ingenieur Francesco Cigarini urteilte via FormulaPassion nüchtern: „Im Moment ist es einfach nur Leiden."
Zur Fairness: Vor dem China GP bekräftigte Verstappen noch vehement, dass er nicht aufhören wolle" Kurz vor Kanada ruderte er schon merklich zurück: „Es gibt viele Leute, die mich in Pension schicken wollen, aber das ist nicht mal ansatzweise mein Gedanke." Max kämpft: gegen sein Auto, gegen die von ihm so ungeliebten neuen Regeln, gegen die Erwartungen. Und irgendwie auch gegen sich selbst.
19 gegen 28: Antonelli als Verstappens Nachfolger
Während Verstappen kämpft, siegt ein anderer. Kimi Antonelli, 19 Jahre alt, fährt für Mercedes und hat in der laufenden Saison fünf Rennen in Folge gewonnen, zuletzt auch noch in Monaco. Ein Generationswechsel in Echtzeit und Verstappen schaut zu. Ohne Neid, wie es scheint.
Vor dem Monaco-Wochenende bat Antonelli laut PlanetF1 sowohl Verstappen als auch Lewis Hamilton um Starttipps. Beide gaben bereitwillig Ratschläge. Das ist nicht die Geschichte, die man von dem Mann erwartet, der jahrelang unantastbar an der Spitze stand.
Verstappen kennt das Gefühl, der Junge zu sein, der alles auf den Kopf stellt: 2015 war er selbst 17 und brach Rekorde. Jetzt ist er 28 und zählt bereits zur alten Garde.
Spielberg, 26.–28. Juni: Heimspiel oder Tribunal?
Am 26. bis 28. Juni 2026 steigt der Österreichische Grand Prix am Red Bull Ring in Spielberg, Steiermark. Das größte Motorsport-Event des Landes zieht rund 300.000 Fans an, darunter traditionell Tausende Holländer in orangen Overalls, die die Steiermark jedes Jahr in ein lautstarkes Volksfest verwandeln.
Aber heuer ist die Stimmung eine andere. Spielberg war immer Verstappens inoffizielles Heimrennen: Red Bulls Stammstrecke, das emotionale Herzstück der österreichischen Motorsport-Leidenschaft. Diesmal kommen die Fans nicht als Triumphfeiernde.
Nach dem ersten Podium in Kanada und ersten Entwicklungsschritten am RB22 könnte Spielberg zeigen, ob Red Bull tatsächlich aufgeholt hat oder ob die Heimkulisse nur die Lücke zum Siegertreppchen überdeckt. Die Österreicherinnen und Österreicher schauen hin. Nicht nur auf die Zeiten in der Boxengasse, sondern auf den Mann, der gerade lernt, dass vier Weltmeistertitel nicht vor Zweifeln schützen.