Ulrike Guérot: Absturz einer Paradeintellektuellen

Ulrike Guérot, bekannte Politik-Professorin und Publizistin, wurde bei „Markus Lanz“ als Putin-Versteherin regelrecht gegrillt. Als Draufgabe gab es am nächsten Tag auch noch Plagiatsvorwürfe.
Autor: Gert Damberger, 10.06.2022 um 09:30 Uhr

An den 2. Juni bei „Markus Lanz“ wird sich Ulrike Guérot wohl noch lange erinnern. Nachdem sie ihre eher harmlos-unverbindliche Position zum Ukraine-Krieg skizziert hatte - „Man muss den Weg zu den Ursprüngen des Konflikts finden“, „man muss einen sofortigen Waffenstillstand schließen“ - gab Moderator Lanz den Anpfiff zum Match der vier Putin-Feinde (darunter Lanz selbst) gegen eine mutmaßliche Putin-Versteherin.  Die übrigens auch den bekannten Aufruf in der Zeitschrift „Emma“ gegen deutsche Waffenlieferungen an die Ukraine unterschrieben hatte.

Biden soll es mit Putin aushandeln

Guérot kam kaum dazu, ihre Sätze zu beenden, sie wurde unterbrochen, niedergemacht und vorgeführt, dass es eine Pein zum Ansehen und -hören war. Ihre Meinungen, zum Beispiel schlug sie vor, dass US-Präsident Joe Biden mit Russlands Kriegsherren Wladimir Putin direkt verhandeln solle, wurden kaum diskutiert, sondern gingen in Häme und Geschrei unter.

Am Twitter-Pranger

Der Shitstorm auf Twitter im Anschluss an die Sendung war nicht ohne. Wohlgemerkt ein Shitstorm gegen Guérot. Neben den üblichen nicht zitierfähigen Grobheiten gab es Tweets, die ein Berufsverbot für die Politik-Professorin nahelegten, wie etwa „Wann wirft die Uni Bonn Ulrike #Guerot raus?“ Ein anderer Account stellt die rhetorische Frage in den Raum, „ab wann jemandem aufgrund fehlender fachlicher Eignung eine Professur entzogen werden sollte“.

Ein Europa ohne Nationalstaaten

Ulrike Guérot, die bis 2021 an der Donau-Uni in Krems eine Professur für Europapolitik innehatte, ist hierzulande durch ihr 2013 gemeinsam mit Robert Menasse verfasstes Manifest zur „Gründung einer Europäischen Republik“ bekannt geworden. Als Kritikerin der Nationalstaaten, der USA und der NATO und als Befürworterin einer liberalen Einwanderungspolitik war sie vor allem in der linksintellektuellen Szene hoch angesehen. Und nicht nur dort.

Guérot gegen Masken und Impfpflicht

Seit die Vielschreiberin jedoch im Zuge der Corona-Pandemie eine „maßnahmenkritische“ Position eingenommen hat, ist ihr Stern im Sinken. Guérot kritisierte den Lockdown in Deutschland und unterschrieb diverse Anti-Maßnahmen-Aufrufe. In einem ORF-Interview im Jahr 2021 lehnte sie die Nutzung von FFP2-Masken ab und erteilte auch einer Impfpflicht eine Absage.

Ulrike Guérot

Ein Sound wie Herbert Kickl

Wirklich peinlich fiel allerdings ihr Buch „Wer schweigt, stimmt zu“ auf, das passagenweise klingt wie Herbert Kickls Brandreden auf den Corona-Demos. Kostprobe: „Zuerst räumen wir auf, jeder in seinem Land. Wir überantworten die Verantwortlichen dem Internationalen Strafgerichtshof, sollte sich herausstellen, dass es nicht die Fledermaus war, sondern doch ein Labor, das uns das Virus beschert hat. (…) Wir schließen die WHO und durchforsten ihre finanziellen Verstrickungen mit der Pharmaindustrie. Wir lassen die dunklen Gestalten von Pfizer und Co nicht entkommen.“

Wie oft wurde plagiiert?

Einer der größten Guérot-Kritiker ist ein Fachkollege, der Trierer Politikwissenschaftler Markus Linden. Einen Tag nach dem Lanz-Auftritt warf er Guérot in der FAZ vor, in ihrem neuesten Buch abgeschrieben zu haben, unter anderem aus „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ des Psychologie-Altmeisters Paul Watzlawick. Pikant: die mit Preisen und Auszeichnungen überhäufte Autorin ist Trägerin des „Paul Watzlawick-Rings“. Der Verlag bezeichnete die fehlenden Quellenangaben umgehend als „Flüchtigkeitsfehler“, den man in der nächsten Auflage korrirgieren werde. Kurz darauf präsentierte Linden aber noch einen weiteren Verdacht: Guérots bei J. H. W. Dietz erschienener Bestseller „Warum Europa eine Republik werden muss!“ enthalte „Plagiat aller Art“. Diese ließen den Schluss zu, dass der Ideenklau bei Guérot „methodisch“ sei.