Wenn eine Lüge groß genug ist

Besonders bibliophil waren sie anscheinend nie, die Niederösterreicher. Zumindest nicht deren Repräsentanten. So gab ein gewisser Erwin Pröll schon vor Jahren zu Protokoll, in seinem Leben nur ein Buch zu Ende gelesen zu haben. Zur Ehrenrettung des Alt-Landeshauptmannes muss an dieser Stelle angemerkt werden, dass es sich dabei nicht um irgendein Buch handelte, sondern immerhin um den Literaturklassiker „Der Schatz im Silbersee“.

Als ähnlich belesen outete sich dieser Tage ein anderer Repräsentant jenes Bundeslandes, das man durchaus als Vorhof der Macht bezeichnen darf und auch soll. Die Rede ist vom FPÖ-Spitzenkandidaten der Gemeinde Waidhofen an der Ybbs. In einem Zeitungsinterview bekannte Josef Gschwandegger freimütig, sein letztes Buch, das er gelesen habe, müsse wohl „Mein Kampf“ gewesen sein. Ob es auch sein einziges war, ist nicht überliefert, vieles deutet aber darauf hin.

Verteidiger der Demokratie

Zunächst einmal meine Bewunderung für die Geduld des eifrigen Lesers Gschwandegger. Dieses Buch ist nämlich nahezu unlesbar, weil in wirklich fürchterlichem Deutsch verfasst. Eine solche Willensleistung setzt demgemäß ein gerüttelt Maß an unerschütterlichem Glauben an die Bedeutung der Geschichtswissenschaft voraus.
Natürlich könnte man nun daran zweifeln, dass der Waidhofen-Mandatar „Mein Kampf“ aus rein historischem Interesse gelesen hat. Das käme jedoch einer bösartigen Unterstellung gleich, zumal ja dieser Tage einmal mehr klar wird, dass die FPÖ die einzige Partei ist, die unsere Grund- und Freiheitsrechte im Besonderen und unsere Demokratie im Allgemeinen bis zum letzten Blutstropfen verteidigt. Sagt zumindest Herbert Kickl Woche für Woche anlässlich verschiedener Volkserhebungen. Jeder Zweifel daran wäre unberechtigt und müsste mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen werden.
Es sei denn sowohl der Waidhofener Gemeinderat als auch sein Chef erinnern sich noch an ein anderes Zitat des Unaussprechlichen: „Wenn Sie eine Lüge erzählen, die groß genug ist und die Sie häufig genug erzählen, wird man sie glauben.“ Bei der historischen Vorbildung der beiden zweifle ich keine Sekunde daran, dass dieses Zitat bekannt ist.

Autor: Robert Eichenauer, 23.01.2022