7 Gründe, warum Putin den Krieg verliert

Immer mehr westliche Experten kommen zur Ansicht, dass der russischen Armee mittelfristig eine Niederlage droht.
Autor: Gert Damberger, 19.08.2022 um 12:00 Uhr

„Ich glaube, dass ihnen bald die Luft ausgeht“, sagte der britische Geheimdienstchef Richard Moore auf einer internationalen Sicherheitskonferenz in den USA vor etwa zwei Wochen. Der M16-Chef bezog sich vor allem auf die hohen Verluste der russischen Armee seit Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine. Vorsichtigen Schätzungen zufolge hätten die Streitkräfte des Aggressors bisher rund 15.000 Mann verloren - schwer zu ersetzende Berufs- und Zeitsoldaten, meinte Moore. Die russische Armee werde demnächst gezwungen sein, alleine schon zur Personalaufstockung eine Einsatzpause einzulegen, die von den Ukrainern zu Gegenschlägen genutzt werden kann.

Angriff auf bis zu 80 km Distanz

Seit kurzem setzt die ukrainische Armee die ersten von den USA gelieferten „Himars“-Mehrfachraketenwerfer ein. Himars steht für „High Mobility Artillery Rocket System“ und kann mit einer Reichweite bis zu 80 Kilometer hochpräzise Lenkraketen abfeuern. Es ist möglicherweise kriegsentscheidend, weil es den Verteidigern der Ukraine ermöglicht, aus sicherer Deckung „hochwertige Ziele“ wie Kommandoposten, Artilleriestellungen oder Munitionsdepots des Feindes anzugreifen.

Schlechte Trefferquote

Während die ukrainische Armee dank Himars und anderer westlicher Waffen immer präziser schießt, scheinen den russischen Angreifern die treffgenauen Flugkörper (Raketen, Marschflugkörper, Hyperschallraketen) auszugehen. In Ermangelung von Präzision setzen die Russen auf klassische Abwurfbomben, „normale“ Luft-Boden-Raketen und Artilleriegranaten. Die Folge ist eine miserable Trefferquote – da wird statt eines Checkpoints ein Trafohäuschen bombardiert, statt einer Kommandozentrale eine Schule und statt den Schützengraben zu treffen, wühlen die Granaten ein Rübenfeld um.

7 Gründe für die Niederlage

Nicht nur westliche Geheimdienste und Militärexperten sehen die russischen Siegeschancen dahinschwinden. Der Historiker, Ukraine-Kenner und Bestsellerautor („Bloodlands“) Timothy Snyder von der Yale University hat unlängst in einem Blog sieben Faktoren aufgezählt, die seiner Meinung nach fast zwangsläufig zu einer Niederlage Russlands führen werden. Diese sind:

1.  Zeit

Russland hat einen schnellen Sieg angekündigt, der nicht eingetreten ist. Jetzt geht die „Spezialoperation“ in einen verlustreichen Abnutzungskrieg über, was auf Dauer auch in Russland nicht sonderlich populär ist.

2. Wirtschaft

Dank westlicher Waffenlieferungen wird die Ukraine eine technologische Überlegenheit entwickeln. Damit könne Russland aufgrund der internationalen Sanktionen nicht mithalten, sagt Snyder. 

3. Logistik

Die Ukraine kämpfe auf ihrem eigenen Gebiet, weshalb sie auch einen riesigen logistischen Vorteil hat. Die Russen haben lange Nachschubwege, die von den Ukrainern mit Distanzwaffen unterbrochen werden können.

 

Timothy Snyder | Credit: ALEX HALADA / picturedesk.com

4. Topografie

Die Ukrainer verteidigen ihr eigenes Land und hätten genaueste Ortskenntnisse. Anders die Russen. „Ich komme nicht umhin festzustellen, dass Russland im Mai und Juni kaum in der Lage war, das vergleichsweise günstige Gelände im Südosten der Ukraine zu nutzen, schreibt Snyder.

5. Kriegsführung

Kern der russischen Strategie ist wie im zweiten Weltkrieg der Vormarsch von Panzerkolonnen. Das hat – wie rund 1.000 zerstörte russische Kampfpanzer – eindrucksvoll belegen, nicht funktioniert.  Und so haben sich die Russen auf massiven Artilleriebeschuss verlegt. Damit kommen sie aber nur sehr langsam vorwärts und sitzen dann in Gebieten mit von ihnen selbst zerstörter Infrastruktur.

6. Ethos

Während die Ukrainer ihr Land, ihre Familie, ihr Hab und Gut und ihre Freiheit verteidigen, wüssten die russischen Soldaten oft gar nicht, weshalb man sie in die Ukraine gebracht habe.

7. Strategie

Russland verfolgte das Ziel der „Denazifizierung“ und „Demilitarisierung“ der Ukraine, was nicht einmal ansatzweise erreicht wurde. Jetzt habe man sich darauf verlegt, die ukrainische Wirtschaft zu zerstören, die Zivilbevölkerung zu terrorisieren, Europa von Gaslieferungen abzuschneiden und in Afrika eine Hungersnot zu erzeugen – eine Strategie nach dem Strickmuster „ein Land gegen den Rest der Welt“, was laut Synder auf Dauer nicht sehr erfolgreich sein kann.