Russland beruft Tote und Autisten ein

Im Zuge der „Teilmobilisierung“ in Russland kommen alle dran: Familienväter, Studenten, ehemalige Grundwehrdiener und Kranke. Auch Verstorbene verschont man nicht.

Autor: Gert Damberger, 04.10.2022 um 09:45 Uhr

Eigentlich hatte es geheißen, nur Männer mit „militärischer Erfahrung“ würden eingezogen (ob man darunter Kampferfahrung verstand oder eine längere Dienstzeit bei den Streitkräften wurde nicht erklärt). Leute, die nur den Grundwehrdienst geleistet hätten, nicht. Niemand müsse Studium oder Ausbildung unterbrechen, das erklärte Verteidigungsminister Sergej Shoigun sogar persönlich. Selbstverständlich würde der Einsatz ordentlich bezahlt und niemand werde ohne militärische Nachschulung an die Front geschickt. Russen wissen, was von derartigen staatlichen Ankündigungen zu halten ist – nämlich wenig bis gar nichts. Sofort nach der Rede Putins zur Teilmobilisierung begann die große Absetzbewegung Richtung Finnland, Georgien und Kasachstan per Auto. Glücklich war, wer ein Flugticket ergattern konnte. Die Preise für Flüge nach Dubai, Istanbul, Jerewan und Belgrad stiegen binnen Stunden rasant an.

Teilmobilisierung in Russland | Credit: AP / picturedesk.com

Von der Straße weg rekrutiert

Mittlerweile sind Details zu der blitzschnell angelaufenen Mobilisierungskampagne bekannt. Die Behörden verfrachten Männer direkt von der Straße weg in die Kaserne, wo sie eingekleidet und mit unbekanntem Ziel mit Bussen weggebracht werden. Auch Studenten und Männer, die nie Militärdienst geleistet haben, müssen einrücken, ebenso Familienväter mit mehreren Kindern, die laut Gesetz ausdrücklich von Militär- und Kriegsdienst befreit sind. In den sozialen Medien beschweren sich Angehörige von Reservisten, dass diese ohne jegliche militärische Unterweisung direkt in die Ukraine geschickt werden.

… auch die Untauglichen

Auch Untaugliche werden einberufen und an die Front geschickt. Der in Lettland sitzende regierungskritische TV-Kanal „Doschd“ berichtete von einem schizophrenen Autisten in Moskau, der zur Stellung befohlen wurde und laut einem regionalen Nachrichtenkanal erwischte es einen schweren Diabetiker in Sachalin. „Doschd“ brachte ein Interview mit Alexej Tabalow, dem Leiter einer NGO zum Schutz der Rechte von Wehrpflichtigen. Tabalow sagte, dass ihm eindeutige Beweise vorliegen, dass nur sehr oberflächlich kontrolliert werde, ob jemand tauglich sei oder nicht. Auch Tote ruft das Vaterland zu den Waffen. Laut einem Bericht des deutschen „Stern“ wurde in Burjatien der Bruder einer sozialliberalen Lokalpolitikerin eingezogen, der vor zwei Jahren verstorben war.

Russische "Deserteure" in Georgien | Credit: Shakh Aivazov / AP / picturedesk.com

Chaotische Schnellsiedeausbildung

Mit der militärischen Schulung dürfte es nicht weit her sein. Das auf Englisch und russisch (und ebenfalls im Exil) erscheinende Internetportal „Mediazona“ hat kürzlich den Bericht eines am 24. September rekrutierten jungen Mannes aus Kaliningrad veröffentlicht. Das Sturmgewehr, das ihm bei in die Hand gedrückt wurde, stammte aus den 1980er-Jahren, ebenso wie die Schnürstiefel. Die militärische Unterweisung beschränkte sich auf jeweils 15 Minuten Erste Hilfe, Taktik, Funken und Minenlegen – und war rein theoretisch. Man durfte nur zusehen. Auch die militärischen Vorkenntnisse der zusammengewürfelten Truppe hätten niemanden gekümmert. Er sei zum Beispiel während seiner Militärzeit zum Scharfschützen ausgebildet worden, werde jetzt aber trotzdem als einfacher Infanterist in die Ukraine geschickt. Sein Urteil über die „Teilmobilisierung“ lautete in englischer Übersetzung „Total Clusterfuck“.  

Diesen Bericht gibts hier.