Österreich: Land der Femizide

Durchschnittlich brauchen Frauen bis zu sieben Versuche, um sich aus gewalttätigen Beziehungen zu befreien. Doch viele haben keine sieben - sie überleben vielleicht nicht einmal den ersten, zweiten oder dritten Versuch. Häusliche Gewalt ist ein Thema, das gerne und oft unter den Teppich gekehrt wird, schließlich handelt es sich um private Angelegenheiten, die hinter verschlossenen Türen stattfinden. Und genau das ist das Problem: Was nicht gesehen wird, wird meist ignoriert. Und die Hilferufe der Opfer werden erst dann gehört, wenn sie bereits verstummt sind. 

Was ist ein Femizid?

Hierzulande wurden seit Jahresbeginn bereits 28 Femizide verübt. Kurz zur Erklärung: Als Femizid bezeichnet man den Mord an Frauen und Mädchen aufgrund ihres Geschlechts. Heißt: Frauen werden getötet, weil sie Frauen sind. Österreich erlangt damit übrigens einen traurigen Rekord: Im europaweiten Vergleich stehen wir derzeit an der Spitze. Fast wöchentlich wird von einem Mord oder versuchten Mord an einer Frau berichtet. Fast immer stand der Täter dem Opfer nahe, war sogar der Partner oder Ex-Partner. 

Frage nach dem Warum

Was ist also los in Österreich? Wieso häufen sich Femizide, Übergriffe und Gewalttaten an Frauen? Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin der Autonomen Österreichischen Frauenhäuser sowie Frauenrechtlerin sieht das Problem in der Justiz: "Sie geht zu nachlässig mit gefährlichen Tätern um. In Österreich haben wir eine hohe Anzeigenrate, was häusliche Gewalt betrifft. Acht von zehn Anzeigen werden eingestellt." Und dann beginnt die gefährlichste Zeit für Frauen. Die Täter sind auf freiem Fuß und merken, dass die Frauen sich zu wehren beginnen. Viele Taten passieren dann genau in diesem Zeitraum. "Auffällige und gewalttätige Täter sollten in U-Haft genommen und bezüglich ihrer Gefährlichkeit eingeschätzt werden. Es braucht bessere Ermittlungen. Alles andere ist für die Frauen nur ein Schlag ins Gesicht", so Rösslhumer. 

Mann schreit mit seiner Partnerin

Hohe Dunkelziffer 

Wie viele Frauen tagtäglich mit Gewalt konfrontiert sind, ist nicht bekannt. Laut einer Erhebung der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte zu geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen ist jede fünfte Frau, also 20 Prozent, ab ihrem 15. Lebensjahr körperlicher und/oder sexueller Gewalt ausgesetzt. Jede siebte Frau ist ab dem 15. Lebensjahr von Stalking betroffen. Das sind erschreckende Zahlen. Während viele jedoch Gewalt nur mit physischen Misshandlungen assoziieren, beginnt sie schon weit früher - und zwar mit psychischen. "Es beginnt vor der körperlichen Gewalt. Der Partner kann beispielsweise kein 'Nein' akzeptiere, wird schnell zornig, ist kontrollierend oder krankhaft eifersüchtig", erklärt die Expertin. Problematisch wird es auch, wenn der Partner plötzlich über Familienmitglieder oder enge Freunde schimpft, Kontakte verbietet und systematisch beginnt, die Partnerin zu isolieren. "Er versucht sie aus der Gesellschaft auszuschließen und somit ihre einzige Bezugsperson zu werden", sagt Rösslhumer. 

Hilfe holen

Wann sollten sich Frauen also Hilfe holen? "Sobald sie das Gefühl haben, dass der Partner nicht mehr guttut, sie eischließt oder verbal misshandelt. Gewalt beginnt vor Schlägen", rät die Frauenrechtlerin. Eine erste Anlaufstelle können die Polizei, die österreichische Frauenhelpline, Frauenhäuser oder Online-Beratungen sein. In Österreich gibt es eine Vielzahl an Einrichtungen, die Frauen vor gewalttätigen Männern schützen und ihnen trotzdem ein Leben ohne Angst bieten. 

Die Schuldtragende 

Viele Opfer schweigen jedoch aus den unterschiedlichsten Gründen. Manche aus Scham. Manche, weil sie nicht wissen, wie ihnen geschieht. Und manche, um den Mann zu schützen. Doch häusliche Gewalt ist nichts, wofür man sich schämen muss. Vielmehr ist es eine Situation, in die jede Person geraten kann. Wichtig ist nur folgendes: Es ist nicht die Schuld der Frau. Und Gewalt ist nichts, mit dem man leben muss. 

Hilfe bieten

Sollte man als Außenstehender bemerken, dass eine Person häuslicher Gewalt ausgesetzt ist, gibt es viele Wege, um zu helfen, wie zum Beispiel ein offenes und ehrliches Gespräch, in dem man der Betroffenen signalisiert, dass man vertrauenswürdig ist. Niemals sollte jedoch über den Willen der Frau hinweg entschieden werden. Wenn sie also beispielsweise nicht in ein Frauenhaus möchte, sollte man sie nicht dazu zwingen. So wird nur das Vertrauen geschmälert. Generell sollten Betroffene niemals unter Druck gesetzt werden, auch nicht, wenn sie nicht darüber reden wollen. Viele Opfer leiden unter Belastungsstörungen, sind verwirrt, ängstlich und leicht überfordert. 

Anzeichen erkennen

Und wie erkennt man eine Betroffene? Verhaltensauffälligkeiten wie plötzliches Schweigen, vermehrt auftretende blaue Flecken oder Selbstisolation sollten zum Nachdenken und Hinterfragen anregen. "Vielleicht holt er sie plötzlich jeden Tag von der Arbeit ab oder beantwortet Fragen an ihrer Stelle", meint Maria Rösslhumer. Gerade in Zeiten von Corona ist es oft schwer, solche Muster zu erkennen, dafür umso wichtiger. Denn mit Lockdowns und Co. steigen auch wieder die Fälle häuslicher Gewalt.

Gerettet durch TikTok-Zeichen

In den letzten Wochen wurde auf Social Media außerdem auf ein bestimmtes Handzeichen aufmerksam gemacht, das als Signal für Betroffene von häuslicher Gewalt dient. In den USA konnte damit sogar ein 16-jähriges Mädchen von ihrem Entführer gerettet werden. Das Mädchen kannte das Handzeichen von der Video-Plattform "TikTok" und wendetet es anderen Autofahrern gegenüber an, als sie im Auto des Entführers saß. Ein Verkehrsteilnehmer erkannte das Signal und rief die Polizei. 

Orange the world

Mit heute, dem Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, starten auch die 16 Tage gegen Gewalt. Bis zum 10. Dezember gibt es wieder vermehrt Aktionen zum Thema. Eine davon ist "Orange the world". Unter diesem Slogan werden weltweit Gebäude, wie beispielsweise die Allianz Arena in München, in die Farbe Orange gehüllt. Somit setzt man nicht nur ein Zeichen gegen Gewalt, sondern macht das Thema zu dem, was es ist - ein gesellschaftliches Problem. 

Autor: Cornelia Scheucher, 25.11.2021