Macht Karl Nehammer den Toni Pfeffer?

Es hatte etwas Anrührendes und gleichzeitig Schauriges an sich, als die Delegierten des ÖVP-Parteitages Karl Nehammer mit Standing Ovation zur 100 Prozent-Wahl gratulierten. Auch der Kanzler war happy und strahlte jene naive Zuversicht aus, die die gebeutelten Schwarzen wie einen Bissen Brot brauchen. Die unter Sebastian Kurz von Erfolg zu Erfolg rasenden Türkisen sind (zumindest vorerst) auf der Müllhalde der Geschichte entsorgt, während der Erfolg der neuen Schwarzen nach aktuellem Stand eher in einer fernen Zukunft liegt. Zurzeit ist man in den Umfragen deutlich hinter der SPÖ und nicht wesentlich besser als in den dunkelsten Zeiten unter Reinhold Mitterlehner. Diese Umfragen kennen auch die Delegierten, man spürt trotz der vordergründigen Begeisterung ihre innere Zerrissenheit. Die Wahlsiege des Sebastian Kurz hat man nämlich schon wohlwollend zur Kenntnis genommen.

Rechte Flanke offen

Die ÖVP hat neben der mäßigen Strahlkraft ihres Obmannes und den ständig aufpoppenden Skandalen auch ein inhaltliches Problem. Es wird den Hausmannskost-Schwarzen nur schwer gelingen, glaubwürdig die rechte Flanke zu schließen. Letztlich hat nämlich genau dieser Schritt nach rechts Sebastian Kurz die Wahlerfolge gebracht. Mit seinem Rechtskurs á la CSU konnten die gemäßigten FPÖler ins Boot geholt werden. Es fehlt einem der Glaube, dass die aktuelle schwarze Regierungsmannschaft jene Geschmeidigkeit mitbringt, die den Bürger glauben lässt, die ÖVP wäre ähnlich latent ausländerfeindlich wie er selbst.

Zweite Halbzeit

Denkt man über die ÖVP und ihre Zukunftsaussichten nach, fällt einem unwillkürlich Toni Pfeffer und sein legendärer Pausen-Spruch im Spiel gegen Spanien ein: „Naja, hoch wea ma´s net mehr gwinnen“. Pfeffer sollte Recht behalten. Aus dem Pausenergebnis von 0:5 wurde am Ende ein 0:9. Nun, auch die Bundesregierung hat Halbzeit. Wir werden sehen, wie hoch die Niederlage der ÖVP am Ende ausfallen wird.

Autor: Robert Eichenauer, 14.05.2022