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Christian Stocker bei einem politischen Gespräch vor Österreich- und EU-Flagge
Christian Stockers Aussage „Kinder sind keine Arbeit“ hat heftige Kritik ausgelöst. Doch ist die Empörung wirklich gerechtfertigt?
Christian Stockers Aussage „Kinder sind keine Arbeit“ hat heftige Kritik ausgelöst. Doch ist die Empörung wirklich gerechtfertigt?
APA-Images / APA / GEORG HOCHMUTH

Kinder sind keine Arbeit: Hat Stocker am Ende recht?

17.08.2026 um 13:34, Stefanie Hermann
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Christian Stockers Satz „Kinder sind keine Arbeit“ sorgt für Empörung. Doch was, wenn er im Kern recht hat? Die Debatte über Kinderbetreuung und Care-Arbeit.

Dieser Artikel ist ein Meinungsbeitrag. Ausgangspunkt ist die Debatte über Christian Stockers Aussage zur Kinderbetreuung und die Frage, ob unbezahlte Care-Arbeit gesellschaftlich wertvoll sein kann, ohne deshalb wie Erwerbsarbeit behandelt zu werden. Fakten und statistische Angaben werden davon unabhängig ausgewiesen.

Seit Wochen wird darüber gestritten, ob Christian Stocker mit vier Wörtern das Familienbild einer ganzen Regierung entlarvt hat: Kinder sind keine Arbeit. Nun stellt „Presse“-Kolumnist Franz Schellhorn, Direktor des neoliberalen Think Tanks Agenda Austria, die Debatte auf den Kopf. Nicht Stockers Familienbild sei das eigentliche Problem, sondern der Empörungskult des Landes. Wer den Auftritt des Kanzlers gehört habe, habe gewusst, was gemeint war: Familie sei kein „Business Case“, Elternschaft keine Erwerbsarbeit mit geregelten Arbeitszeiten, Überstundenzuschlägen, 14 Gehältern und fünf Wochen bezahltem Urlaub.

Nur: Vielleicht lässt sich die Sache noch weiter treiben. Denn in der Empörung um den viel gescholtenen Satz geht eine Möglichkeit unter: Stocker hat recht. Zumindest dann, wenn man seine Aussage konsequent zu Ende denkt.

Eines aber vorweg: Ist Kinderbetreuung anstrengende und gesellschaftlich wertvolle Arbeit? Natürlich. Muss der Staat diese Arbeit deshalb wie Erwerbsarbeit behandeln und bezahlen? Keineswegs. Genau zwischen diesen beiden Annahmen verläuft eine Grenze, über die zu reden eigentlich weit interessanter wäre als über vier missglückte Wörter.

„Kinder sind keine Arbeit“: Darum geht es in der Debatte

  • Bundeskanzler Christian Stocker hat erklärt, Kinderbetreuung für sich nicht als unbezahlte Arbeit zu sehen.
  • Seine Aussage hat eine Debatte über Care-Arbeit, Kindererziehung und die gesellschaftliche Anerkennung von Elternschaft ausgelöst.
  • Kinderbetreuung bedeutet erheblichen zeitlichen, körperlichen und mentalen Aufwand.
  • Die politische Streitfrage lautet: Muss gesellschaftlich wertvolle unbezahlte Arbeit deshalb wie Erwerbsarbeit behandelt und bezahlt werden?

Nehmen wir mal das Gegenteil an

Denken wir das Gegenteil von Stockers Skandalaussage radikal zu Ende. Kindererziehung ist Arbeit. Nicht nur im Sinne von Aufwand und unbezahlter Care Arbeit, sondern Arbeit, deren gesellschaftlicher Wert nach den Regeln der Erwerbsarbeit auch finanziell abgegolten werden soll.

Dann entstehen zwangsläufig politische Fragen: Wer bezahlt diese Arbeit? Nach Stunden oder Zahl der Kinder? Entstehen Pensions-, Urlaubs- und Krankenstandsansprüche? Und wann endet dieses Arbeitsverhältnis?

Aus einem staatlich finanzierten Arbeitsverhältnis entspringen normalerweise auch Anforderungen, Regeln und Kontrollmechanismen: Was darf derjenige, der bezahlt, im Gegenzug verlangen?

Natürlich ist es Arbeit, aber keine Arbeit

Kinder müssen gewickelt, gefüttert, getröstet, zum Arzt gebracht, beaufsichtigt und erzogen werden. Später kommen Hausaufgaben, Taxidienste, Termine, Sorgen und organisatorische Arbeit dazu. Bezahlt man eine Person dafür, auf ein fremdes Kind aufzupassen, zweifelt niemand daran, dass sie arbeitet. Macht ein Elternteil dieselbe Tätigkeit, verschwindet die Arbeit deswegen nicht.

Kein Wunder also, dass beide Seiten (Arbeit, keine Arbeit) mit Leidenschaft und aus voller Überzeugung aneinander vorbeireden können. Wer sagt „Kinder sind Arbeit“, bezieht sich mehrheitlich auf den enormen zeitlichen, körperlichen und mentalen Aufwand von Elternschaft. Wer „Arbeit“ im politischen und ökonomischen Sinn hört, denkt hingegen an Erwerbstätigkeit, Einkommen und soziale Absicherung.

Und was macht eine Tätigkeit über Bezahlung hinaus überhaupt zur Arbeit? Ist etwas keine Arbeit, weil wir es gerne machen? Wohl kaum. Ein Koch kann leidenschaftlich gerne kochen und trotzdem arbeiten. Ist umgekehrt alles Arbeit, was anstrengend ist? Ebenfalls nicht. Ein Marathon kann extrem anstrengend sein, ohne Erwerbsarbeit zu sein. Anstrengung definiert Arbeit nicht, Freude schließt Arbeit nicht aus.

Wertvoll heißt nicht automatisch bezahlt

"Aber Kinder sind unsere Zukunft, ohne Familien hätte die Gesellschaft und letztlich auch der Staat keinen Bestand." Ja, völlig, richtig – aber: Sozialer Wert und staatliche Vergütung sind zwei unterschiedliche Kategorien – gesellschaftlicher Nutzen macht eine Tätigkeit noch nicht zur Erwerbsarbeit und gesellschaftliche Anerkennung lässt sich nicht ausschließlich in Gehaltszetteln messen.

Unsere Gesellschaft funktioniert überhaupt nur, weil Menschen unzählige Dinge tun, für die sie keine Rechnung stellen. Rund 48 Prozent der Bevölkerung über 15 sind ehrenamtlich aktiv. Besonders eindrucksvoll ist die Feuerwehr: Rund 99 Prozent der österreichischen Feuerwehrmitglieder versehen ihren Dienst ehrenamtlich und ohne Bezahlung. Niemand würde deshalb behaupten, ihre Tätigkeit sei keine Arbeit. Ihr gesellschaftlicher Wert begründet aber nicht automatisch einen staatlichen Lohnanspruch.

Wie viel Staat wollen wir in der Familie?

Wer fordert, dass der Staat Elternschaft finanziell stärker anerkennt, stellt eine durchaus legitime politische Forderung. Gleichzeitig sollte man fragen, welche Rolle der Staat überhaupt spielen soll. Er kann Betreuung und Bildung finanzieren, Familien unterstützen und Kinder vor Armut schützen. Aber daraus folgt nicht, dass er Eltern für jede Stunde familiärer Sorgearbeit bezahlen muss. 

Eltern kümmern sich schließlich nicht deshalb um ihre Kinder, weil die Gesellschaft sie damit beauftragt hat. Sie tun es zunächst, weil es ihre Kinder sind. Die gesellschaftliche Bedeutung dieser Tätigkeit tritt zu einer Verantwortung hinzu, die nicht erst der Staat geschaffen hat. Ein Vater ist nicht nur dann Vater, wenn er gerade eine konkrete Betreuungsleistung erbringt. Eine Mutter beendet ihre Elternschaft nicht nach acht Arbeitsstunden. Elternschaft lässt sich weder sinnvoll in Arbeitszeit zerlegen noch auf einzelne Leistungen reduzieren. Sie ist ein dauerhaftes Verantwortungsverhältnis.

Der Staat finanziert Rahmenbedingungen für Familie. Er kauft Eltern ihre Elternschaft nicht ab. Ein Sozialstaat muss Kinder vor Armut schützen und Eltern ermöglichen, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Er muss deshalb aber nicht jede ökonomische Konsequenz einer privaten Lebensentscheidung kollektiv übernehmen. Die eigentliche Gerechtigkeitsfrage liegt innerhalb der Familien.

Die eigentliche Gerechtigkeitsfrage liegt innerhalb der Familien

Dass unbezahlte Kinderbetreuung zwischen Männern und Frauen ungleich verteilt ist, ist unbestritten. Das belegen auch die aktuellsten verfügbaren Zeitverwendungsdaten deutlich: Frauen übernehmen in österreichischen Paarhaushalten 67,2 Prozent der Kinderbetreuung, Männer 32,8 Prozent. Selbst bei gleichem Erwerbsausmaß entfallen noch 63,8 Prozent auf die Frauen. Die Folgen sind auch in aktuelleren Arbeitsmarktdaten sichtbar: 2025 arbeiteten 49,1 Prozent der Frauen, aber nur 14 Prozent der Männer Teilzeit. Betreuungspflichten waren bei Frauen wesentlich häufiger der Grund dafür.

Der Staat kann Gleichberechtigung innerhalb einer Beziehung ermöglichen. Herstellen kann er sie nicht. Wenn ein Paar entscheidet, dass die Mutter 80 Prozent der Kinderbetreuung übernimmt und der Vater 80 Prozent der Erwerbsarbeit, kann der Staat diese Entscheidung nicht sinnvollerweise täglich korrigieren. Was er sehr wohl beeinflussen kann, sind die Bedingungen, unter denen diese Entscheidung getroffen wird. Dazu gehören faire Erwerbschancen, Karenzmodelle für beide Eltern und leistbare, flächendeckende Kinderbetreuung.

Aufgabe des Staates ist nicht, die Windeln innerhalb einer Familie gerecht aufzuteilen, sondern sicherzustellen, dass niemand Windeln wechseln muss, weil die Alternative wirtschaftlich unmöglich ist.

Kinderbetreuung in Österreich: Frauen übernehmen den Großteil

  • 67,2 Prozent der Kinderbetreuung in österreichischen Paarhaushalten entfallen laut den im Artikel angeführten Zeitverwendungsdaten auf Frauen.
  • Männer übernehmen demnach 32,8 Prozent.
  • Selbst bei gleichem Erwerbsausmaß entfallen noch 63,8 Prozent der Kinderbetreuung auf Frauen.
  • Im Jahr 2025 haben 49,1 Prozent der Frauen, aber nur 14 Prozent der Männer Teilzeit gearbeitet.
  • Betreuungspflichten sind bei Frauen wesentlich häufiger der Grund für Teilzeitarbeit.

Kinder sind keine Arbeit, aber Arbeit

Lassen Sie uns also festhalten: Natürlich machen Kinder Arbeit. Sehr viel sogar. Und trotzdem hat Stocker recht, wenn man „Arbeit“ hier als Erwerbsarbeit versteht, aus der entsprechende Ansprüche gegenüber dem Staat entstehen.

Kinder zu haben bedeutet Verantwortung, die sich nicht vollständig an die Gesellschaft delegieren lässt. Ja, der Sozialstaat muss Eltern dabei unterstützen. Er muss Kindern Chancen eröffnen. Er muss verhindern, dass Elternschaft in Armut führt und Rahmenbedingungen schaffen, unter denen Männer und Frauen Familie und Erwerbsleben miteinander vereinbaren können. Aber unterstützen ist etwas anderes als übernehmen.

FAQ: Christian Stocker, Kinderbetreuung und Care-Arbeit

Was hat Christian Stocker über Kinderbetreuung gesagt?

Bundeskanzler Christian Stocker hat erklärt, Kinderbetreuung sei für ihn keine unbezahlte Arbeit und er würde sie nicht als Arbeit sehen. Seine Aussage hat eine breite Debatte über Kinderbetreuung und Care-Arbeit ausgelöst.

Ist Kinderbetreuung Arbeit?

Kinderbetreuung umfasst zahlreiche zeitintensive, körperlich und mental fordernde Tätigkeiten. Sie kann deshalb als unbezahlte Care-Arbeit verstanden werden. Davon zu unterscheiden ist die politische Frage, ob Kinderbetreuung wie Erwerbsarbeit behandelt und entsprechend bezahlt werden soll.

Was bedeutet Care-Arbeit?

Care-Arbeit bezeichnet Sorge-, Pflege- und Betreuungsarbeit für andere Menschen. Dazu gehören unter anderem Kinderbetreuung, Erziehung und die Betreuung oder Pflege von Angehörigen.

Wer übernimmt in Österreich mehr Kinderbetreuung?

Nach den im Artikel angeführten Zeitverwendungsdaten übernehmen Frauen in österreichischen Paarhaushalten 67,2 Prozent der Kinderbetreuung, Männer 32,8 Prozent. Selbst bei gleichem Erwerbsausmaß liegt der Anteil der Frauen demnach bei 63,8 Prozent.

Soll der Staat Eltern für Kinderbetreuung bezahlen?

Ob der Staat Eltern für Kinderbetreuung wie für Erwerbsarbeit bezahlen soll, ist eine politische Frage. Der Kommentar argumentiert, dass staatliche Unterstützung von Familien nicht automatisch bedeutet, Elternschaft zu einem staatlich finanzierten Arbeitsverhältnis zu machen.

Warum ist unbezahlte Kinderbetreuung eine Gleichberechtigungsfrage?

Weil Frauen laut den im Artikel angeführten Daten einen deutlich größeren Anteil der unbezahlten Kinderbetreuung übernehmen. Das kann Auswirkungen auf Erwerbsarbeitszeit, Einkommen und soziale Absicherung haben. Der Kommentar sieht deshalb Kinderbetreuung, Karenzmodelle und bessere Bedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf als wichtige staatliche Hebel.

Quellen und weiterführende Informationen

Statistik Austria – Zeitverwendung: Zeitverwendungserhebung 2021/22 mit Daten zur unbezahlten Arbeit sowie zur Verteilung von Hausarbeit und Kinderbetreuung zwischen Frauen und Männern.
Statistik Austria: Zeitverwendung

Statistik Austria – Freiwilligentätigkeit: Aktuelle Daten zur Freiwilligentätigkeit in Österreich. Die Erhebung 2025 weist rund 3,73 Millionen freiwillig engagierte Menschen aus.
Statistik Austria: Freiwilligentätigkeit

ORF Salzburg: "Stocker-Aussage zu Kinderbetreuung sorgt für Aufsehen"
ORF Salzburg

OECD – Gender gaps in paid and unpaid work persist (15.09.2025): Policy Brief zu geschlechtsspezifischen Unterschieden bei bezahlter und unbezahlter Arbeit sowie deren Auswirkungen auf Erwerbstätigkeit, Einkommen und soziale Absicherung.
OECD: Gender gaps in paid and unpaid work persist

Bundeskanzleramt Österreich – Frauen leisten derzeit Großteil der Kinderbetreuung und Hausarbeit, aber es zeigt sich Generationenwandel (12/2023): Informationen zur Verteilung unbezahlter Kinderbetreuung und Hausarbeit zwischen Frauen und Männern in Österreich.
Bundeskanzleramt: Frauen leisten derzeit Großteil der Kinderbetreuung und Hausarbeit, aber es zeigt sich Generationenwandel

Die Presse – „Der eigentliche Fehler von Kanzler Stocker war seine Entschuldigung“: Gastkommentar von Franz Schellhorn zur Debatte um Christian Stockers Aussagen über unbezahlte Kinderbetreuung, dessen anschließende Entschuldigung und die politische Positionierung der ÖVP. Zum Beitrag bei Die Presse

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