Khols Sehnsucht nach Kurz

Niemand in der ÖVP steht so für Machtpolitik wie der unermüdliche Andreas Khol.
Autor: Robert Eichenauer, 23.04.2022 um 10:55 Uhr

Dieser Tage gab der ewige Mann fürs Grobe zu Protokoll, Sebastian Kurz habe nur einen Fehler gemacht, nämlich jenen zurückzutreten. Seiner Ansicht nach hätte Kurz in Neuwahlen gehen müssen, um diese dann mehr oder weniger souverän zu gewinnen. Khol hat das Credo des Machterhalts um jeden Preis aus der Schüsselschen Ära bis in die Welt des Karl Nehammer herübergerettet. Egal, wie Wahlen ausgehen, egal, wie viele Skandale anhängen, egal, wie die Stimmung in der Bevölkerung ist: die ÖVP hat immer das Recht, in der machiavellistischen Gedankenwelt Andreas Khols sogar die verdammte Pflicht, den Führungsanspruch in diesem Land zu stellen.

Nahe an der Vor-Kurz-Ära

Die Umfragen der letzten Wochen haben dieses Credo gefährlich ins Wanken gebracht. Prozentpunkt um Prozentpunkt wird zähneknirschend eingebüßt. Fehlt nur noch, dass die SPÖ einen charismatischen Kandidaten ins Rennen schickt. Die schlechten Umfragen lassen sich auch nicht mit spektakulären Auslandsreisen kompensieren. Allmählich nähert sich die ÖVP an die Werte der Vor-Kurz-Ära an – egal ob von Karmasin oder einem seriösen Institut abgefragt.

Mangelnde Strahlkraft

Karl Nehammer hat zu Beginn bei den Österreichern eine „ich bin positiv überrascht“-Reaktion ausgelöst, allerdings auch nur deshalb, weil die Erwartungshaltung gering war. Der Kanzler punktet zwar mit Seriosität, nach der sich viele Menschen nach Sebastian Kurz gesehnt haben, erinnert dabei aber auch an die Langeweile, die ein Michael Spindelegger oder ein Reinhold Mitterlehner versprühten. Kurz gesagt: es fehlt ihm an Strahlkraft, um die ÖVP wieder nach vorne zu bringen. Darum wächst bei den Andreas Khols der Volkspartei die Sehnsucht nach einem neuen Sebastian Kurz. Nicht weil der Politikstil, den der Altkanzler verkörperte, Khols Vorstellungen und Werten entspricht, sondern weil er weiß, man braucht Politiker wie Kurz, um den Machterhalt der Partei abzusichern.