Innenminister Karner unter Plagiatsverdacht

Gutachter und „Plagiatsjäger“ Stefan Weber hat in der Diplomarbeit von Gerhard Karner jede Menge abgeschriebene Stellen entdeckt.
Autor: Gert Damberger, 05.10.2022 um 15:37 Uhr

Ungemütliche Tage für Innenminister Gerhard Karner (ÖVP). Heute musste er vor dem Korruptions-U-Ausschuss erklären, warum er als Innenminister gezögert hat, den sich seit Monaten entziehenden Thomas Schmid polizeilich vorführen zu lassen. Seit Dienstag steht er außerdem unter Plagiatsverdacht. Ja – es ist wieder einmal der akademische Abschluss, dessen Rechtmäßigkeit angezweifelt wird. Und ja – es ist wieder der „Plagiatsjäger“ Stefan Weber, der die Vorwürfe erhebt, und zwar auf seinem „Blog für wissenschaftliche Redlichkeit“, den der Salzburger Privatdozent seit 2010 betreibt.

Diplomarbeit über Entscheidungsprozesse

Gerhard Karner, geboren 1977 in Melk, hat 1995 seinen Magistertitel im Fach Betriebswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuni Wien erworben. Seine Diplomarbeit trägt den Titel „Qual der Wahl. Entscheidungsfindung bzw. Entscheidungsverhalten bei der Wahl der Speziellen Betriebswirtschaftslehren an der Wirtschaftsuniversität Wien“. Laut Stefan Weber hat Karner damals den Theorieteil aus dem Werk "Information und Kaufentscheidung" von Alfred Kuß (das ist ein Wirtschaftswissenschaftler der FU Berlin) zu großen Teilen wörtlich abgeschrieben.

Weber-Gutachten über Karner | Bildschirmfoto

Karner weist Vorwürfe zurück

Und zwar ohne Verwendung von Gänsefüßchen und Quellenangabe, wie es die wissenschaftliche Redlichkeit gebietet. Kuß wird zwar im Literaturnachweis angegeben und auch einige Male richtig zitiert, aber halt nicht durchgehend, sagt Weber. Laut standard.at hat Gerhard Karner die Vorwürfe zurückgewiesen. "Die gesamte Arbeit wurde nach guter wissenschaftlicher Praxis und nach bestem Wissen und Gewissen verfasst“, richtete Karner dem „Standard“ aus. Er habe „entsprechend den geltenden wissenschaftlichen Standards und den technischen Möglichkeiten der damaligen Zeit" gearbeitet. Nachsatz: Der Verfasser dieses Berichts hat selbst in den 1990-er Jahren seine Diplomarbeit geschrieben und kann bestätigen, dass die damals „geltenden wissenschaftlichen Standards“ des korrekten Zitierens keine anderen waren als die heutigen.