Peter Filzmaier: "Neutralität ist ein Mythos"

Als "Erklärbär der Nation" ist der Politikwissenschaftler Peter Filzmaier einem großen Publikum als pointierter Analyst bekannt. Ob Ibiza, Wahlwiederholung oder politischer Hintergrund: Filzmaiers Liebe stets fehlerfreien Schachtelsätzen haben längst Kultstatus erreicht. Weniger bekannt ist die große Hingabe, mit der sich der gebürtige Wiener abseits der Politik dem Sport verschrieben hat.

Fußball, Team-Chefs und der FC Barcelona

Noch schlimmer wäre nur Real Madrid.

weekend: Ihre große Passion neben der Politik ist der Sport. Steigen wir also gleich mit einem wirklich wichtigen Thema ein. Wer soll Fußball-Teamchef werden?
Peter Filzmaier: Dazu kann ich keinen konstruktiven Beitrag leisten, weil die Antwort eines jahrzehntelangen Barca-Fans nur Pep Guardiola lauten kann. Aber der hat schon einen Job – und wahrscheinlich zahlt Manchester City etwas besser als der ÖFB.

weekend: Als eingefleischter FC Barcelona-Fan hätten Sie ihn wahrscheinlich gerne wieder zurück.
Peter Filzmaier: So sehr ich es als Analytiker verstehe, dass Guardiola neue Herausforderungen gesucht hat, sehe ich  bei Bayern-München und Manchester City geistige Verirrung. Ich würde es bei keinem Club verstehen, vor allem nicht bei diesen zwei. Noch schlimmer wäre nur Real Madrid.

weekend: Das wäre wohl nicht möglich gewesen – von Barca direkt zu Madrid wechseln.

Peter Filzmaier: Das hat es bei einem Fall gegeben, und zwar bei Luis Figo. Er wurde mit einem Schweinekopf beworfen bei einem Classico zwischen Real und Barcelona. Da kann man sich nur noch auf die Seite des Beschimpften stellen – auch wenn ich den Wechsel nicht nachvollziehen konnte.

weekend: Auch wenn Barcelona einen Mist spielt, stehen Sie hinter ihnen?
Peter Filzmaier: Ich bin Barca-Fan, in guten wie in schlechten Zeiten. Es hat in der jüngeren Vergangenheit viele Spiele gegeben, wo ich wie ein Hund gelitten habe.

Filzmaiers Versuche als Sportreporter

Hans Krankl hat eine viel schlechtere Bilanz und ist trotzdem Nationalheld.

weekend: Bitte analysieren Sie für uns die Ära Franco Foda.
Peter Filzmaier: Da ich kein eingefleischter Fan bin, sehe ich das österreichische Team wahrscheinlich realistischer. Dadurch bin ich nicht bei jeder Niederlage so fürchterlich enttäuscht, wenn sich wenig überraschend herausstellt, dass wir doch nicht die Weltbesten sind. Der Analytiker denkt in Zahlen und da war die Erfolgsquote Fodas ziemlich gut. Unabhängig von den Zahlen hat er aber nie die Herzen der Fans erreicht. Hans Krankl hat eine viel schlechtere Bilanz und ist trotzdem Nationalheld.

weekend: Ihre zweite sportliche Leidenschaft ist der Laufsport …
Peter Filzmaier: Ich denke, das ist die einzige Sportart, von der ich wirklich etwas verstehe. Das habe ich doch bis Mitte vierzig sehr engagiert betrieben. Es mögen mir alle Nachrichtenredaktionen verzeihen, aber der Höhepunkt meiner Kommentatoren-Karriere war keine politische Sendung, sondern dass ich den Linz-Marathon live kommentieren durfte. Mein Beruf ist aber natürlich die Politik. Der Traum vom Sportreporter war eher so wie bei anderen der Traum vom Feuerwehrmann.

Peter Filzmaier vor einer Wand mit der Aufschrift: "Heimspiel. Europa am Ball." In der Hand hält er einen Fußball

Nicht das Zeug zum Politiker

An Quereinsteiger geht oft eine Erwartungshaltung, die gar nicht erfüllt werden kann.

weekend: Gut, lassen Sie uns über Politik reden. Wenn sich jemand so intensiv und so viele Jahre mit Politik beschäftigt, hat man da nicht den Wunsch, selbst auf der Bühne zu stehen?
Peter Filzmaier: Nein. Und das sage ich mit vollem Respekt vor dem Politikerberuf. Ich weiß, was ich kann und was noch viel wichtiger ist: ich weiß, was ich nicht kann. Es gibt unter den mehr als 10.000 österreichischen Politikern sehr viele, die eine engagierte und wertvolle Arbeit leisten. Man darf sich nicht immer die Negativbeispiele herausnehmen.

weekend: Man hat das Gefühl, dass es viele Quereinsteiger gibt. Glauben Sie, dass das nötige Wissen von Anfang an mitbringen?
Peter Filzmaier: Es gibt eine Doktorarbeit von Armin Wolf, die ich zitieren kann: "Quereinsteiger sind meistens nur eine 'Behübschung' als vermeintlicher Stimmenbringer in Wahlkämpfen." Später sind sie oft auf verlorenen Posten, weil sie auch Mehrheiten bilden müssen. An Quereinsteiger geht oft eine Erwartungshaltung, die gar nicht erfüllt werden kann.

Filzmaier und sein privates Verhältnis zu Politikern

Viele Politiker sind interessante Persönlichkeiten.

weekend: Sie sagen, Sie hätten noch nie einen Politiker privat getroffen …
Peter Filzmaier: Eine gewisse Äquidistanz halte ich für sehr wichtig. Die Grenze ist für mich ein Kaffee an einem öffentlichen Ort. Eine Lokaltour oder gar eine gemeinsame Urlaubsreise mit einem Politiker kommt für mich nicht in Frage.

weekend: Gibt es überhaupt Politiker, mit denen Sie gerne ein Bier trinken würden?
Peter Filzmaier: Selbstverständlich. Viele Politiker sind ja sehr interessante Persönlichkeiten. Von Joe Biden abwärts gibt es viele, mit denen ich mich auch privat treffen würde.

weekend: Ein Blick auf den aktuellen Apa-OGM-Vertrauensindex zeigt, dass es momentan eher nicht so viele interessante Politiker zu geben scheint …
Peter Filzmaier: Zu Beginn der Corona-Krise gab es ein All-Time-High, weil Menschen in Krisensituationen nach Orientierung suchen. Dieser Orientierungsprozess ist aber oft nur kurzfristig und geht dann in einen Desillusionierungsprozess über. Dazu beigetragen hat auch der Zick-Zack-Kurs der Regierung. Mittlerweile misstrauen acht von zehn Menschen dem Corona-Krisenmanagement der Regierung. Das Dilemma ist, dass wir wissen, das mittlerweile eine Mehrheit der Wähler sagt: Ich habe das kleinere Übel gewählt.

Peter Filzmaier mit einem ORF-Moderator im Rathaus. Auf einem Bildschirm die vorläufigen Ergebnisse der Wien Wahl 2020

Direkte Demokratie könnte Ausweg sein

Man hört immer öfter den Satz, dass in manchen Situationen ein starker Mann doch nicht schlecht wäre.

weekend: Halten Sie diese Entwicklung für demokratiegefährdend?
Peter Filzmaier: Wenn Menschen einen mehrstufigen Enttäuschungsprozess durchlaufen, sind sie anfällig für nichtdemokratische politische Rattenfänger – ganz egal, ob von links oder rechts kommend. Es gibt eine steigende Anzahl jener, die Demokratie nicht gänzlich ablehnen, aber latent Zweifel äußern, ob sie wirklich die beste Staats- und Regierungsform ist. Man hört immer öfter den Satz, dass in manchen Situationen ein starker Mann doch nicht schlecht wäre.

weekend: Gleichzeitig nimmt die Polarisierung zu. Könnte da die direkte Demokratie ein Ausweg sein?
Peter Filzmaier: Die Polarisierung wird zum Problem, wenn sie von Unsachlichkeit geprägt wird. Auf emotionaler Ebene hat sie sich extrem verschärft. Dass wir wenig direkte Demokratie haben, ist ein „Relikt“ der Nachkriegszeit. Es schien nach sieben Jahren gleichgeschalteten Medien und 98 Prozent NSDAP-Mitgliedern unter der Lehrerschaft kein geeignetes Mittel für einen neu entstehende Demokratie zu sein. Heute sollte man darüber nachdenken. Ich glaube, dass wir auch Systemreformen brauchen, was ein Umschreiben der Verfassung bedeutet. Ich könnte mir vorstellen, dass es bei einer bestimmten Unterschriftenanzahl verpflichtende Volksabstimmungen gibt.
weekend: Viele meinen, das Volk sei zu dumm …
Peter Filzmaier: Nein, nicht zu dumm. Aber man muss sich natürlich überlegen, wie viel Vorinformation braucht man, um eine Sachfrage entscheiden zu können. Natürlich kann man nicht spontan entscheiden, ob man für oder gegen die Neutralität ist.

Neutralität: Die heilige Kuh der Nation

Das ist ein reiner Mythos – wir waren zwischen Marktwirtschaft und kommunistischer Planwirtschaft nie neutral.

weekend: Ist die Neutralität ein Thema, das man über eine Volksabstimmung entscheiden sollte?
Peter Filzmaier:Die Neutralität wurde in Österreich zur heiligen Kuh erklärt. Sie war lange Zeit ein zentraler Bestandteil der zweiten Republik. Dennoch weiß der Parteichef der drittgrößten Partei nicht, dass im Staatsvertrag das Wort „Neutralität“ nicht vorkommt. Sie wird auch von vielen als Garant für das Wirtschaftswunder angesehen. Das ist ein reiner Mythos – wir waren zwischen Marktwirtschaft und kommunistischer Planwirtschaft nie neutral. Wir waren immer klar für die Marktwirtschaft. Aber ja, wenn man an der Neutralität etwas ändern will, müsste das nach meinem Dafürhalten über eine Volksabstimmung erfolgen.

weekend: Eine scheinheilige Neutralität?
Peter Filzmaier: Wir haben zum Beispiel Beistandspflichten für andere uns gegenüber, aber wir beteiligen uns nicht daran. Das hatte man beim EU-Beitritt gut ausgehandelt. Man muss aber auch verstehen, dass es von anderen Staaten als nicht ganz fair angesehen wird, "weil wir müssen dir helfen und du hast einen Neutralitätsvorbehalt und hilfst uns in der genau gleichen Situation nicht“.

weekend: Zum Schluss noch eine persönliche Frage: gibt es Tage, an denen Sie keine Nachrichten hören?
Peter Filzmaier: Nein, ich bin bekennender Nachrichtenjunkie.

Das Interview führten Robert Eichenauer und Stefanie Hermann.

Autor: Stefanie Hermann, 14.04.2022