Fall Baerbock: Haltung ist nichts Schändliches

Die deutsche Außenministerin macht etwas, das für viele verwirrend ist. Sie steht nämlich zu ihrem Wort.
Autor: Robert Eichenauer, 03.09.2022 um 18:20 Uhr

Das ist doch wirklich ungeheuerlich. Annalena Baerbock hat sich tatsächlich erdreistet, in einer Podiumsdiskussion zu ihrem gegebenen Wort und ihrer Überzeugung zu stehen. Dafür wird sie nun standesgemäß von den Putinverstehern durch Social Media geprügelt. Genau hat sie gesagt, dass sie der Ukraine das Versprechen gegeben habe, solange als nötig zu unterstützen. Egal was ihre Wähler denken.

Verwirrende Ansicht

Darf sie denn das? Politiker sind doch unsere Angestellten und haben gefälligst das zu tun, was wir denken. Und außerdem habe sie ja einen Eid geleistet. Das stimmt schon, aber kein Politiker leistet einen Eid auf die seltsame Gedankenwelt von irgendwelchen verwirrten Internettrollen, sondern darauf, dass er die Verfassung und die Gesetze seines Landes einhält. Außerdem fordern wir von Politikern doch immer wieder, dass sie zu ihrer Überzeugung stehen, ihr Wort halten und nicht beim leichtesten Gegenwind ihre Meinung ändern. Zugegeben, in Österreich mag diese Ansicht verwirrend sein, in Deutschland hat sie etwas mehr Gültigkeit.

Vom Populismus verseucht?

Wir wünschen uns doch mutige Politiker, die nicht nur dem Volk nach dem Mund reden. Oder sind wir tatsächlich schon so vom Populismus verseucht, dass wir Haltung als etwas Schändliches empfinden? Was auf Social Media gerne verschwiegen wird: Annalena Baerbock hat in dieser Diskussion auch gesagt, dass man niemanden zurücklassen werde, jenen helfe, die ihre Stromrechnung nicht mehr bezahlen können. Nun, die nächsten Wochen und Monate werden zur Nagelprobe. Sind wir tatsächlich ein vereintes Europa, das in der Bekämpfung eines Despoten und Kriegsverbrechers zusammensteht? Oder erreichen Putin und seine Trollarmeen ihr Ziel, nämlich die Spaltung und letztlich die Zerstörung der europäischen Demokratien. Dafür wird´s Haltung brauchen.