Der zweifelhafte Aufstieg der Spaßkandidaten

Der Bundespräsident ist das einzige Amt im Staat, das weder frischen Wind noch Selbstdarsteller braucht.
Autor: Klaus Schobesberger, 07.07.2022 um 11:28 Uhr

"Mei Bier is net deppert!" Der legendäre Ausspruch von Edmund „Mundl“ Sackbauer aus der Kultserie „Ein echter Wiener geht nicht unter“ könnte der perfekte Wahlslogan von Marco Pogo bei der Bundespräsidentenwahl am 9. Oktober 2022 sein. Marco Pogo, der eigentlich Dominik Wlazny heißt, ist derzeit der ernsthafteste Konkurrent von Amtsinhaber Alexander Van der Bellen im Rennen um die Hofburg. Wobei „ernsthaft“ es nicht genau trifft. Denn Marco Pogo, ein Arzt und Rockmusiker, ist Spaßpolitiker und Vorsitzender der „Bierpartei“. Viele Leute finden ihn sympathisch und geben an, ihn zu wählen. Ihr Argument: Es braucht endlich frischen Wind in der Hofburg. Und war nicht der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj vorher auch ein Komiker?

Clownnasen für Manager

Tatsächlich sind Spaßpolitiker nichts Neues. Sie sind ein Medienphänomen. Neben Schauspielern genießen nur Politiker eine derart hohe öffentliche Aufmerksamkeit. Die beiden Berufsgruppen sind blutsverwandt. Als 1980 der Hollywoodschauspieler Ronald Reagan zum US-Präsidenten gewählt wurde, sahen Meinungsbildner in Europa den Untergang des Abendlands bereits heraufdräuen. Wirklich gefährlich wurde es dann mit dem „Spaßvogel“ Donald Trump im Weißen Haus. Ein direkter Vorläufer Marco Pogos ist Punkmusiker Jello Biafra. Der Sänger der „Dead Kennedys“ kandidierte 1979 als Bürgermeister von San Francisco. Sein Wahlprogramm war gespickt mit skurillen Forderungen. So sollten Manager gesetzlich verpflichtet werden, Clownnasen aufzusetzen. Außerdem sollte die Millionenstadt zur autofreien Zone werden. Damals Sakrileg, heute Mainstream. Auf die Spitze getrieben hat das Genre Hape Kerkeling in „Horst Schlämmer – Isch kandidiere!“. Viele Leute hielten Schlämmer, der als Kunstfigur öffentlich in Wahlkampfreden aufgetreten ist, für einen echten Politiker.

Hopfen und Malz verloren

Einige politische Köpfe warnen, dass der Aufstieg von Spaßkandidaten wie Marco Pogo ­unsere Demokratie gefährden ­könne. Das ist übertrieben. Gerade Demokratien zeigen im Unterschied zu Diktaturen und Monarchien eine innovative Selbstreinigungskraft. Siehe aktuell die Demontage von Boris Johnson in Großbritannien. Andererseits sind Komiker ein Weckruf für mehr ernsthafte, solide Sachpolitik. Wenn zwischen gewählten Mandataren und Spaßparteien mit dem freien Auge kein Unterschied mehr zu erkennen ist, braucht es zumindest einen, der warnend eingreift: den Bundespräsidenten. Dieses Amt mag vieles benötigen, aber  keine innovativen Selbstvermarkter vom Zuschnitt eines Marco Pogo oder Gerald Grosz.