Der große Verlierer heißt Werner Kogler

Begeben wir uns für einen kurzen Moment in den Konjunktiv und vertauschen die Rollen. Nehmen wir an, nicht Sebastian Kurz, sondern Werner Kogler würde wegen bekannter Verfehlungen belangt werden. Und der Vizekanzler würde sich mit Händen und Füßen gegen einen Rücktritt wehren. Wie wäre also die Geschichte mit umgekehrten Vorzeichen ausgegangen? Ganz einfach. Die ÖVP hätte wohl sofort erkannt, dass man ihr einen Elfmeter aufgelegt hat und hätte zielsicher ins Kreuzeck verwandelt. Niemals hätte man die Verfehlungen an die Person Kogler geknüpft, sondern immer von einem „System der Grünen“ gesprochen. Mit einer solchen Partei könne man keineswegs weiter regieren, egal wer an der Spitze steht. Die Folge wären Neuwahlen und wohl ein großer Sieg der ÖVP gewesen.

Eigentor

Zurück in die wirkliche Welt. Die Grünen sind den anderen, taktisch gesehen falschen Weg gegangen. Und sie werden diesen noch bitter bereuen. Sie haben nämlich nicht ins Kalkül gezogen, dass Sebastian Kurz nur einen kleinen Schritt zurück machen würde, sich aber nicht aus der Politik zurückzieht. Und weil Werner Kogler immer nur davon gesprochen hat, eine „untadelige Person“ müsse ins Kanzleramt einziehen, konnte er nach der Nominierung Schallenbergs keinen Rückzieher mehr machen. Auch ein Schuss ins Kreuzeck, aber ins eigene.

Stück für Stück filetiert

Der Punkt ist, dass das Verhältnis zwischen Kurz und Kogler nachhaltig zerrüttet ist. Der zweifache Altkanzler wird dem Vizekanzler niemals verzeihen, dass dieser sich nicht nibelungentreu hinter ihn gestellt hat. Und er wird auch als Klubobmann weiterhin in der Koalition die Richtung vorgeben. Schließlich ist es Sebastian Kurz völlig egal, wer unter ihm Kanzler ist. Und die Grünen? Ihnen wird die ÖVP noch weniger Erfolge zubilligen, sie werden Stück für Stück filetiert. Am Ende kehrt Kurz dann als strahlender Sieger ins Kanzleramt zurück. Es sei denn…

Autor: Robert Eichenauer, 10.10.2021