Corona-Demos: Aufstand der gelangweilten Kleinbürger

Kein Weltkrieg, keine Revolution, ja nicht einmal eine kleine Hungersnot. Seit den frühen 70er-Jahren ist Europa und speziell Österreich ein Hort der Langeweile. Die Ungnade der Spätgeborenen. Wogegen soll man heutzutage protestieren? Vielleicht gegen die Unzumutbarkeit einer 38-Stunden-Woche? Oder dass zweimal im Jahr die Uhren umgestellt werden? Dass am Sonntag die Geschäfte nicht offen haben? Uns fehlen seit Jahrzehnten die Ungerechtigkeiten und die Unterdrückung. Man muss es einfach so sagen: Nicht alles ist positiv an der Demokratie.
Nichts haben sie uns übriggelassen. Ja, vielleicht ein bisserl was an Diskriminierung gegenüber Frauen und a bisserl Alltags-Rassismus. Dazwischen gab´s mal einen kleinen Aufstand gegen Zwentendorf und ein paar aufgeregte Studenten, die in der Hainburger Au campiert haben. Kinkerlitzchen.

Sch... Freiheit

Die Nachkriegsgeneration hatte wenigstens mit Armut zu kämpfen. Damals gab es das Schnitzel nur am Sonntag. Als man sich dann das Schnitzel täglich leisten konnte, kümmerte man sich um die Gesellschaft. Im Eiltempo. In den 50ern kochte die Wut gegenüber den Altvorderen hoch, in den 60igern erlangte man Befreiung und Anfang der 70iger wurden die letzten Relikte der Vergangenheit beseitigt. Von da an ging es bergab. Sch… Freiheit! Ab den 80ern haben wir uns dann aus lauter Frust dem Konsum hingegeben. Seither geht es ausschließlich um die Frage: Was habe ich, was hat er und warum hat er mehr? Das funktionierte ziemlich lange ziemlich gut.

Gott sei dank gibt´s Corona

Ab den 2000ern aber spürte man in der Gesellschaft eine stetig anwachsende Unzufriedenheit. Der Wohlstand war in dieser Zeit schon fast unerträglich. Ein Haus, zwei Autos und absurd teure Urlaube standen an der Tagesordnung. Und doch war da dieses ungute Gefühl. Ist das alles gewesen? Ist es der Sinn des Lebens über Autos, Häuser und Urlaube nachzudenken? Aber jetzt ist eh alles anders. Jetzt gibt es endlich ein Unrecht, gegen das man sich auflehnen kann. Wir leben in einer Diktatur. Ihr beschränkt unsere Freiheit. Mein Körper, meine Entscheidung. Gegen Impfzwang. Das sind die Parolen, die Woche für Woche durch die Gassen der Städte hallen. Endlich kann man Trägheit und Langeweile überwinden. Endlich dem Leben einen Sinn geben. Und eine Hetz ist es auch. Wen man da nicht alles trifft bei so einer Corona-Demo. Ein paar Rechtsradikale, deutlich mehr nahezu Rechtsradikale, schon ein Leben lang Grandawasser trinkende Esoteriker, einige Arbeitslose und jede Menge gelangweilte Kleinbürger, die die Chance wittern, endlich bei etwas Großem dabei zu sein. Ganz normale Leute also.

Autor: Robert Eichenauer, 08.01.2022