2-0-3-0: Der Code der Zukunft?

Können Sie sich noch an das Jahr 2000 erinnern bzw. den Hype, den es um dieses Datum gab? In den 60er-, 70er- und 80er-Jahren wurde alles mit dem Kürzel „2000“ versehen, um Moderne vorzugaukeln. Bodenreiniger die zu „Glänzer 2000“ mutierten, Zahnbürsten namens „Ultrabrush 2000“ oder Stereoanlagen, die unter „Universum 2000“ verkauft wurden. Allein diese magische Zahl hat das Produkt um gefühlte Jahrzehnte in die Zukunft gepuscht. Dann kam der 1.1.2000 und nichts passierte, sogar der gefürchtete „Millennium Bug“, der all unsere Computer zum Absturz bringen sollte, blieb harmlos. Nun scheint es eine neue Schallmauer zu geben, an der alles schlagartig anders werden soll: 2030.

Leben wir im Metaverse, wird Krebs heilbar und kommt das Ende der „Tschicks“?

Kaum ein Zukunftsvorhaben, das nicht mit 2-0-3-0 datiert ist. Dabei wird eines scheinbar übersehen: 2030 beginnt bereits in acht Jahren, ist also in greifbarer Nähe. Was soll bis dahin geschehen? Ein paar Beispiele: Die Briten werden 2030 keine herkömmlichen Zigaretten mehr kaufen können, in Deutschland übernehmen die Konfessionslosen die Mehrheit beim Religionsbekenntnis, Elon Musk will am Mars gelandet sein und eine Milliarde Menschen sollen sich laut Mark Zuckerberg als virtuelle Avatare im dreidimensionalen Metaverse bewegen. Künstliche Intelligenz wird unseren Alltag bestimmen, Krebs und zahlreiche andere bisher unheilbare Krankheiten werden mit Stammzellenmedizin und OP-Robotern heilbar. Während die einen glauben, dass der technologische Fortschritt die Menschheit retten wird, glauben die anderen, dass 2030 Umweltkatastrophen, Kriege und Konflikte an der Tagesordnung stehen. Tatsächlich ist die Klima­krise so virulent wie noch nie. Und selbstverständlich steht sie im Fokus. Willkommen in der „Agenda 2030“.

Agenda 2030: Die Mutter aller Zukunftsprogramme

Geht es nach der UN, sollten wir 2030 die „Transformation unserer Welt“ beginnen, so der offizielle Titel des ambitionierten Programms mit dem Zusatz: „Die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“. Diese „Agenda 2030“ gilt übrigens für alle Staaten. Überspitzt gesagt, sollten wir in acht Jahren den Lebensstandard der Weltenbürger erhöht, die Menschenrechte verbessert und gleichzeitig die Umwelt gerettet haben. Im Fokus steht die Nachhaltigkeit, etwa beim Umgang mit natürlichen Ressourcen. Aktuell zeigt sich gerade das Gegenteil. Noch nie wurde so viel Regenwald abgeholzt wie derzeit, Menschenrechtsverletzungen sind an der Tagesordnung und die Schere zwischen Arm und Reich klaffte seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch nie so weit auseinander. 169 Unterziele wurden zum Erreichen der Agenda 2030 definiert. Doch wo stehen wir aktuell? Peter Messerli, Professor für Nachhaltige Entwicklung an der Universität Bern, wird seinem Namen gerecht. Er hat das im ersten Weltnachhaltigkeitsbericht 2019 im Auftrag der UNO bereits gemessen. Seine Conclusio: „Eine Welt ohne Armut, in der das Wohlergehen aller Menschen gesichert ist: Dieses Ziel für das Jahr 2030 sei nur erreichbar, wenn das Verhältnis zwischen Menschen und Natur grundlegend verändert und Ungleichheiten reduziert würden.“ Messerlis Bericht sieht aktuell keinen Fortschritt, im Gegenteil: Die Agenda 2030 sei nur noch mit einem tiefgreifenden Wandel umsetzbar. Der Bericht erhebt aber nicht nur den Zeigefinger, sondern legt diesen gleich in die Wunden. 20 Maßnahmen zeigen Messerli und sein Team auf, wie der Wandel doch noch gelingen könnte. Die Wichtigste: Die Transformation unseres Ernährungs- und Energiesystems. Die derzeitigen Systeme würden die Welt an einen „Kipppunkt“ bringen. „Wir haben Systeme definiert, die heute dysfunktional sind und die gleichzeitig so potent sind, dass sie die ganze Welt in die richtige Richtung lenken können, wenn wir es schaffen, sie neu zu konfigurieren“, macht Messerli Mut.

 

Dieses Ziel für das Jahr 2030 ist nur erreichbar, wenn das Verhältnis zwischen Menschen und Natur grundlegend verändert und Ungleichheiten reduziert werden.

(Peter Messerli, Professor für Nachhaltigkeit, Universität Bern)

Liegt in einem kleinen Königreich unser aller Zukunft?

Dabei gäbe es bereits ein echtes „Role Model“. Das kleine Königreich Bhutan ist der einzige Staat der Welt, der nicht nur klimaneutral ist, sondern sogar CO2-negativ. Die Wälder des 770.000-Einwohner-Staates schlucken dreimal mehr CO2, als im Land verursacht wird. Außerdem ist es der einzige Staat in dem ausschließlich Bio-Landwirtschaft betrieben wird. Möglich machte das eine Staatsdoktrin, welche den Schutz der Natur und Nachhaltigkeit als wichtigsten Baustein des „Bruttonationalglücks“ definiert. Kleiner Sidestep: In ganz Bhutan gab es nur etwas mehr als 4.500 Coronafälle und nur vier Coronatote. Zwar mag uns Westlern der Lebensstil karg erscheinen, dennoch lebt im Königreich nach dem World Happiness Report 2021 die glücklichste Bevölkerung in Asien. Bhutan hat die Ziele der „Agenda 2030“ bereits umgesetzt. Zugegeben: Bhutan war nie industrialisiert, hat nie Massentourismus zugelassen und setzte nie auf extensive Landwirtschaft, dennoch zeigt es, dass Lebensfreude und Konsumverzicht kein Widerspruch sein müssen.

Ausgepufft: Wird es 2030 keine Verbrenner mehr geben?

Und wie sieht es in Österreich aus? Hierzulande wird ebenfalls eifrig das ominöse Datum 2030 beschworen. So sollen laut Umweltministerin Leonore Gewessler in diesem Jahr ausschließlich Elektroautos neu zugelassen werden. Ihr „Mobilitätsplan 2030“ sieht unter anderem 1.000 neue Ladestationen an Österreichs Autobahnen vor. Ob das reichen wird, den CO2-Ausstoß wie versprochen bis 2030 um 36 Prozent gegenüber 2005 zu senken? Die Richtung stimmt jedenfalls. 2005 betrug der Pro-Kopf-Ausstoß an CO2 9,27 Tonnen, 2021 lag er bei 8,2 Tonnen. Zu einem deutlichen Rückgang kann der größte CO2-Emittent des Landes beitragen, die voestalpine. Bis 2030 will man 30 Prozent an Emissionen einsparen, bis 2050 gar CO2-neutral produzieren. Der Einsatz von Ökostrom und grünem Wasserstoff soll fossile Energieträger wie Koks und Gas schrittweise ersetzen.

Nur noch jeder zweite Österreicher erwerbstätig

Und noch eines lässt sich mit mathematischer Präzision voraussagen: Die demografische Entwicklung. Diese hat konkrete Auswirkungen auf unser Leben. So wird die Bevölkerung bis 2030 – moderat, aber doch – auf neun Millionen Österreicher anwachsen. Dazu trägt die steigende Lebenserwartung bei: Männer könnten 2030 im Schnitt 81,7 Jahre alt werden (2020: 78,9), Frauen gar 86 (2020: 83,7). Im Klartext: 2030 wird nur noch jeder zweite Österreicher im Erwerbsleben stehen. Diese Daten ermöglichen eine Vorschau auf die künftig benötigten Skills: Aufgrund von Pensionierungen und der steigenden Lebenserwartung braucht Österreich bis 2030 rund 100.000 neue Pflegekräfte. Ein ähnliches Bild zeigt sich beim Lehrpersonal, bei Handwerksberufen und IT-Fachkräften. Noch hätte man ein wenig Zeit, mit Maßnahmen gegenzusteuern, um diesen prognostizierten Mangel zu beheben, nämlich sieben Jahre und zehn Monate, denn dann soll die Zukunft beginnen.

Autor: Jürgen Philipp, 07.03.2022