Chance für Exporteure
Der Motorradhersteller KTM hat angekündigt, weitere 500 Mitarbeiter:innen zu entlassen. Bleibt die Industrie das Sorgenkind?
Der angekündigte Personalabbau bei KTM ist für die Betroffenen natürlich sehr schmerzlich, kam aber nicht unerwartet. Denn der neue Eigentümer Bajaj hatte schon bei der Übernahme der Mehrheit angekündigt, den Verwaltungsbereich auf Effizienz- und Sparpotenziale zu durchleuchten. Zugleich hat Bajaj ein klares Bekenntnis zu KTM als österreichische Marke und zum Produktionsstandort Mattighofen abgegeben. Klar ist aber auch, dass die internationalen Entwicklungen gerade auf Oberösterreich als führendes Export- und Industrieland besonders starke Auswirkungen haben. Umso wichtiger ist daher, dass die Bundesregierung mit der neuen Industriestrategie ein klares Bekenntnis zur heimischen Industrie abgelegt hat – verknüpft mit konkreten Entlastungs- und Unterstützungsmaßnahmen.
Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage am Arbeitsmarkt?
Der Arbeitsmarkt hat sich in den drei Krisenjahren als robust erwiesen. Im Dezember 2025 lag die Arbeitslosigkeit bei 6,3 Prozent – deutlich unter dem Österreich-Schnitt. Oberösterreich war sogar das einzige Bundesland mit rückläufiger Quote. Für 2026 erwarten wir weiter sinkende Zahlen, getrieben durch die Konjunkturerholung und den demografischen Wandel. Bei den Unternehmen gab es zwar mehr Insolvenzen (842 im Vorjahr), gleichzeitig aber 6.338 Neugründungen: Das sind um elf Prozent oder 608 Unternehmen mehr. Das zeigt: Der Trichter an Neugründungen ist stark gefüllt – eine sehr positive Botschaft.
Ist die von der Bundesregierung präsentierte Industriestrategie der große Wurf, der uns den Aufschwung bringt?
Die Industriestrategie ist ein wichtiges Signal und umfasst richtige und wichtige Maßnahmen seitens der Bundesregierung: Denn Themen wie Industriestrom, Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und die gezielte Förderung von Stärkefeldern und Schlüsseltechnologien sind entscheidend für den Standort, insbesondere auch für Oberösterreich. Was unsere Betriebe jetzt brauchen, sind leistbare Energie, faire Arbeitskosten und weniger Bürokratie statt immer neuer Hürden. Die Industriestrategie soll entsprechende Impulse dafür setzen.
Beim Wachstum zählte Österreich zu Europas Schlusslichtern. Was erwarten Sie für 2026?
Nach drei Jahren Rezession – der längsten konjunkturellen Durststrecke seit dem Zweiten Weltkrieg – zeichnet sich endlich eine Erholung ab. Wir sehen echte Chancen am Horizont und wollen diese aktiv nützen. Das geht nur mit gezielten Maßnahmen und Impulsen auf allen Ebenen – von Europa über den Bund bis hier in Oberösterreich. Entscheidend ist auch die Stimmung in der Wirtschaft. Es gibt derzeit deutlich mehr positive Signale, als manche wahrhaben wollen, und genau diese wollen wir stärker in den Vordergrund rücken.
Welche eigenen Impulse setzt das Land Oberösterreich aktuell, um den Standort zu stärken?
Wir setzen massiv auf Investitionen: Fast 800 Millionen Euro Investitionen sind im Landeshaushalt 2026 vorgesehen, insbesondere ein eigenes Impuls-Programm mit 100 Millionen. Das Standortbudget liegt bei 451 Millionen – das ist fast die Hälfte mehr als 2018. Forschung wurde noch einmal kräftig aufgestockt auf 113,8 Millionen Euro. Der Tourismus feiert Rekorde, die Ansiedlungen boomen mit einem Investitionsvolumen von 760 Mio. Euro im Vorjahr, unsere Cluster sind hochaktiv. Kurz gesagt: Wir gehen auf Landesebene mit gutem Beispiel voran: Investitionen in die Zukunft, Abbau von Bürokratie und klare Fokussierung auf Stärkefelder wie KI und Innovation.
Ein Lichtblick ist das kürzlich abgeschlossene EU-Mercosur-Freihandelsabkommen?
Das ist ein historischer Meilenstein nach 25 Jahren Verhandlungen. Es entsteht die größte Freihandelszone der Welt mit mehr als 700 Millionen Menschen. Mehr als 90 Prozent des Warenhandels werden zollfrei – das bringt unseren Industriegütern deutlich besseren Marktzugang. Für einen exportstarken Standort wie Oberösterreich ist das enorm wichtig. Gleichzeitig ist die Marktöffnung mit umfassenden Schutzmechanismen für unsere Landwirtschaft verknüpft. Insgesamt ist das ein sehr ausgewogenes Paket. Es sollte daher rasch ratifiziert werden. Denn die richtige Antwort auf disruptive Zollpolitik der USA sind offene Märkte und der Abbau von Handelshemmnissen.
Wo sehen Sie weitere Chancen für unsere Exporteure?
Ganz vorn steht Indien. Das aktuell abgeschlossene Handelsabkommen ist eine riesige Chance. Ich war selbst im Herbst mit einer großen Delegation dort – ein boomender Markt mit 1,45 Milliarden Menschen. Im ersten Halbjahr 2025 sind unsere Exporte nach Indien um 36,8 Prozent gestiegen – der stärkste Zuwachs aller unserer Exportmärkte! Daneben laufen Verhandlungen mit Australien und bilateral mit verschiedenen asiatischen Staaten. Ein ganz wichtiger Punkt dabei ist auch die Diversifizierung der Lieferketten weg von China – das verbindet Indien und die EU sehr stark.