Der Wald hat Fieber

Wenn ein Borkenkäfer eine Fichte angreift, ist das eigentlich ein Himmelfahrtskommando. Es ist nämlich gut möglich, dass es der Baum schafft, den Krabbler umzubringen. Mit Harz etwa oder einer anderen natürlichen Schädlingsabwehr. Schwächelt der Baum allerdings, leidet er unter Trockenheit oder ist er krank, dann kann er sich nicht mehr wehren. Überlebt der Käfer, alarmiert er hunderte Artgenossen, die sich anschließend an der saftigen Wachstumsschicht des Baumes laben und dort ihre Larven ablegen. Abertausende wohlgenährte Schädlinge schaffen es schließlich, den Baum nach und nach so anzufressen, dass er kein Wasser mehr aufnehmen kann und vertrocknet. 

Nicht nutzbares Totholz

3,33 Millionen Festmeter kaputtes „Borkenkäferholz“ musste man 2020 aus Österreichs Wäldern entfernen. Zum Vergleich: der jährliche Nettozuwachs an Holz liegt bei rund 4 Millionen Festmeter. Das so genannte „Käferholz“ bildete zusammen mit dem Sturm-, Eis- und sonstigen Schadholz eine gigantische Menge von 8,9 Millionen Festmetern an Holz, dessen Ernte eigentlich nicht vorgesehen war. Das ist mehr als die Hälfte des 2020 erzielten Einschlags von 16,7 Millionen Festmetern. 

Schädling Borkenkäfer | Credit: Jonas Güttler / dpa / picturedesk.com

 

Wirtschaftsbaum Fichte

Die immergrüne Fichte ist die dominierende Baumart in Österreichs Wäldern. Laut der Inventur des Bundesforschungszentrums für Wald erreicht ihr Anteil an der Gesamtwaldfläche satte 57,4 Prozent. Dieser hohe Anteil hat in erster Linie ökonomische Gründe. Ende des 19. Jahrhunderts erkoren Mitteleuropas Waldbesitzer die Fichte zum Wirtschaftsbaum schlechthin. Aus Fichtenholz ließ sich nicht nur vom Zahnstocher bis zum Dachstuhl, von der Violine bis zum Telefonmasten verdammt viel herstellen, es brannte auch noch gut, wuchs vergleichsweise schnell heran und benötigte wenig Nährstoffe. Und so kann man davon ausgehen, dass es in Österreich fast keine natürlichen Fichtenbestände mehr gibt, sondern in erster Linie Wirtschaftsreviere.

Klima: Kühl & feucht

Diese geraten immer mehr unter Druck. Steigende Temperaturen und lange Trockenperioden schwächen die Fichten so, dass sie sich nicht mehr gegen Borkenkäfer und Pilzbefall wehren können. Eigentlich lieben sie das kühle und feuchte Klima im Norden oder die Berghänge bis 1.000 Meter, mit den Hitzeperiode in den Tieflagen kommen sie nicht zurecht. Außerdem halten sie als Flachwurzler starkem Wind nicht stand, wie etwa 2018 dem Sturm „Vaia“, der im Süden des Alpengebiets die Nadelbäume zu Hunderttausenden umlegte. 

Wälder besser durchmischen

Um sich gegen heiße und trockene Sommer abzufedern (im Alpenraum könnte ein Temperaturanstieg weitaus drastischer ausfallen als im globalen Mittel), empfehlen Forstwissenschaftler die Schaffung von artenreichen und stabilen Wäldern. In tieferen Lagen müssten in Zukunft Bäume wachsen, die Hitze und Wind besser standhalten können, wie etwa Buche und Ahorn. Als Alternative zur Fichte in Schutzwaldzonen bieten sich einerseits die Tanne und andererseits die als besonders sturmresistent geltende Lärche an.

Waldarbeit | Credit: Christian Vorhofer / Westend61 / picturedesk.com

Wälder stilllegen?

Diese Wiederherstellung des natürlichen Bestandes ist auch eine Säule der EU-Waldstrategie, die sich die Erhaltung der Wälder als Kohlendioxyd-Speicher auf die Fahnen geschrieben hat. Die EU-Kommission will allerdings nicht nur wiederaufforsten, sondern auch strikt konservieren, also bestehende Wälder für lange Zeit sich selbst überlassen, was in etwa auch den Vorschlägen des populären deutschen Försters und Autors Peter Wohlleben entspricht. Bei Österreichs Waldbesitzern – zusammengefasst im Interessensverband „Land- und Forstbetriebe Österreich (LFBÖ)“ löste dieser Plan einen heftigen Protest aus. „Undifferenzierte, großflächige Schutzgebiete ohne Nutzung sind ebenso abzulehnen wie überhöhte Auflagen“, schreibt LFBÖ-Präsident Felix Montecuccoli in einer aktuellen Aussendung. Nicht bewirtschaftete Wälder würden nur zu einer „Zerstörung der heimischen Wertschöpfung“ und „Steigerung bedenklicher Importe“ führen.

Der Wald in Zahlen

  • 48 Prozent des österreichischen Staatsgebiets sind mit Wald bedeckt, das sind über 4 Millionen Hektar
  • 3.400 Hektar Wald wachsen jedes Jahr nach, das entspricht der Fläche von 4.762 Fußballfeldern
  • 3,6 Millarden Tonnen CO2-Äquivalente werden in Österreich von Wäldern und ihren Böden gespeichert.
Autor: Gert Damberger, 30.09.2021