Wer trägt eigentlich heutzutage noch Pelz?

Ein echter Nerzmantel – das war lange der Traum jeder Frau und Statussymbol. In China ist das heute noch so. Auch in Korea, der Ukraine und Südamerika ist Pelz laut dem Internationalen Pelzhandelsverband wieder auf dem Vormarsch. In Österreich hingegen kommt die Branche nicht aus der Krise: Gab es in den 1960-Jahren noch mehr als 570 Kürschner, Präparatoren und Gerber allein in Wien, sind es heute in ganz Österreich laut WKO noch knapp 200. Das Interesse an diesem Beruf hält sich sehr in Grenzen. Das weiß auch Charlotte Binder-Küll, die in dritter Generation das Pelzatelier Neun­dlinger in Linz führt und bereits darüber nachdenkt, wie es in ein paar Jahren mit dem Betrieb weitergehen soll, wenn sie in Pension geht. „Ich habe einige Lehrlinge ausgebildet – doch einen potenziellen Nachfolger für mein Geschäft habe ich noch nicht gefunden.“

Ist Pelz ethisch vertretbar?

Tiere nur zu züchten, um sie zu töten und ihnen die Haut abzuziehen – das missfällt vielen Menschen, auch wenn sie keine militanten Tierschützer sind. Viele Luxuslabel wie Versace, Chanel oder Armani haben Pelze schon seit Jahren aus ihren Kollektionen gestrichen. Die Diskussion flammt immer wieder auf. Nicht zuletzt, als vor zwei Jahren 15 Millionen Nerze in dänischen Farmen aus Angst vor einer Coronavirusmutation getötet wurden. Mit knapp 1.000 Farmen ist Dänemark einer der größten Produzenten in Europa. Immer mehr Länder verbieten die Pelzzucht – wie Österreich schon 2005. Die Niederlande ließen nach den Covid-19-Ausbrüchen im vergangenen Jahr alle Nerzfarmen schließen. Das ist für die Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“ allerdings nicht nur ein Grund zur Freude: Denn damit würde die Produktion noch weiter gen Osten verlagert. Schon jetzt ist China der weltweit größte Farmpelz-Produzent. Kritisiert werden hier vor allem die Halte- und Verarbeitungsmethoden. Jedes Jahr werden laut „Vier Pfoten“ weltweit 100 Millionen Nerze, Füchse, Marderhunde, Kaninchen und andere Tierarten für die Textilindustrie gezüchtet.

Milliardenschwerer Markt

Die österreichische Pelzbranche erwirtschaftet laut WKO pro Jahr etwa 144 Millionen Euro. Der weltweite Jahresumsatz der Pelzindustrie wurde vom Internationalen Pelzhandelsverband im Jahr 2012 auf 15,1 Milliarden Dollar geschätzt, derzeit soll er bei 30 Milliarden liegen. Trotz anhaltender Kritik steigt also die weltweite Nachfrage seit Jahren wieder – auch in Europa. Denn auch wenn sich hier viele Kunden niemals einen Pelzmantel kaufen würden, wird das Material durchaus als Kragen- oder Kapuzenbesatz und Bommel an Mützen verarbeitet. „Da denken viele Leute gar nicht darüber nach, woher der Pelz am Kragen kommt“, sagt Charlotte Binder-Küll, die auch Berufsgruppenobfrau in der Landesinnung ist. Sie findet es schade, dass große Designer Pelz verbannt haben, „weil man das Thema auch anders angehen kann“. Sie bricht eine Lanze für das Handwerk der Kürschner: „Herkunft und Produktion müssen in Ordnung und verantwortungsvoll sein.“ Sie würde nie Material aus China verarbeiten. „Wenn wir schon Tiere nutzen, sollten wir wie früher alles vom Tier verarbeiten.“ Deswegen hätte sie auch viele „Abfallprodukte“ aus der Nahrungsproduktion im Angebot, wie etwa Lammfell. Ihre Kundinnen fragen durchaus auch noch Nerz oder Zobel nach, doch das sei weniger geworden. „Früher war das Ziel jeder Frau, einen Pelzmantel zu besitzen, den sie dann vielleicht drei Mal im Jahr angezogen hat. Heute will man eher etwas Alltagstaugliches.“ Dafür sei eben Lamm – schon allein wegen des Preises: ein kurze Zobeljacke kostet schnell man 10.000 Euro – oder auch Rotfuchs besser geeignet.  Die Verarbeitung von Rotfuchs wird seit einigen Jahren von der Innung forciert – etwa mit dem „Red Fox Award“, den auch das Pelzate­lier Neundlinger schon öfter gewonnen hat. Denn jährlich würden ohnehin etwa 60.000 Rotfüchse im Rahmen der Raubwildregulierung geschossen, aber nur wenige Tausend Felle verarbeitet.

Vegane Alternative

Ein Pelzmantel ist durchaus nicht mehr nur interessant für die vermögende Frau ab 40, sondern wird im Sinne des Up­cyclingtrends auch von Jungen wertgeschätzt: „Es kommen viele junge Frauen mit einem Erbstück von ihrer Oma  zu mir und lassen es zeitgemäß um­designen und für sich passend nähen“, so Binder-Küll. Für alle, denen der Stil von Pelz zwar gefällt, sie diesen aber aus ethischen Gründen nicht tragen, wollte Anita Agic aus Bad Ischl eine 100 Prozent vegane Alternative bieten: Kunstpelz aus Polyacryl und Modacrylgemischen. „Angefangen hat alles mit Bommeln für Mützen, dann kamen auch Decken, Läufer, Krägen, Jacken und Mäntel dazu“, so die 36-Jährige, die zusammen mit ihrer Mutter seit 2013 das Unternehmen „Lovafur“ führt. Ihre Kollektionen waren vor der Coronakrise auf Messen etwa in Paris und in einigen Boutiquen von Wien bis Deutschland zu sehen. Jetzt nähen die Frauen nur noch auf Kundenwunsch und vertreiben unter anderem die Bommel in vielen Handarbeitsgeschäften. Agic: „Es herrscht leider der Irrglaube vor, dass Kunstpelz nicht warm hält und nicht hochwertig aussehen kann – ich will zeigen, dass das nicht stimmt.“ Echtpelz oder Kunstfaser auf Erdölbasis – ein Thema, das  seit Jahrzehnten polarisiert.

Autor: Jessica Hirthe, 28.02.2022