Wer braucht eigentlich noch ein Schließfach?

Immer mehr Menschen - Die Nachfrage nach Schließfächern steigt seit einigen Jahren stetig. Neben Geld, Gold und Dokumenten lagern die Kunden darin auch emotionale Werte wie USB-Sticks mit Familienfotos oder Sammelkarten.
Autor: Jessica Hirthe, 03.06.2022 um 05:00 Uhr

Was vor 1,5 ­Jahren in Niederösterreich passierte, ­könnte aus einem Agenten-Blockbuster stammen: Eine Bande spazierte über mehrere Wochen immer wieder in Geldinstitute und räumte nach und nach die Schließfächer leer. Sie überbrückten offenbar dabei die elektronischen Sicherheitssysteme und konnten unbemerkt rein und raus. Erst als ein Unternehmer in Mödling Münzen in sein Schließfach legen wollte und es leer vorfand, flog der Coup auf. Bis dahin hatten die Täter jedoch bereits Geld, Schmuck, Diamanten, Gold und andere Wertsachen in Höhe von 25 Millionen Euro erbeutet. Nicht zuletzt wegen solcher realen oder verfilmten Panzerknacker- oder 007-Geschichten schwebt über Bankschließfächern etwas Geheimnisvolles, beinahe Anrüchiges.

Platz für 12.000 neue Fächer

Zu Unrecht, findet Bernd ­Mühlbacher. Der Geschäftsführer von „Tresor am Schottentor“ weiß: „Wir haben nur äußerst selten mit dubiosen Gestalten zu tun, und auch nicht nur mit Reichen. Unsere Kunden sind Menschen wie Sie und ich.“ Er hat vor einem Jahr gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Martin Pfundner die private Tresoranlage in Wien eröffnet – in einem der ältesten Bankgebäude der Bundeshauptstadt. Hier residierte Anfang des 20. Jahrhunderts der Wiener Bankverein, später die Creditanstalt und zuletzt die Bank Austria. Jetzt befindet sich ein Spar-Markt in dem Gebäude, im ehemaligen Tresorraum wurde ein Fitnesscenter eingerichtet. Im Keller wurden die neuen Tresore des Anbieters eingebaut: Die Anlage ist für 12.000 Schließfächer ausgelegt, aktuell werden 3.000 Boxen angeboten. Die Fächer werden mittels Roboter aus dem Keller in die Ausgabekabine gebracht, in denen man allein den Inhalt verwalten kann. Damit sich die Box automatisch auf den Weg zur Kundschaft macht, braucht dieser eine Karte, einen Pin und – wer es noch sicherer will – einen Einmalcode aufs Handy sowie zum Öffnen auch noch einen Schlüssel. Die Ausgaberäume, die rund um die Uhr zugänglich sind, schließen sich hinter einem wieder. Hier kann man sicher seine Schätze begutachten.

Mit den Filialschließungen fielen Zigtausende Bankschließfächer weg.

Immer mehr kaufen Gold

Kleine Schätze und Geheimnisse hat wohl jeder Mensch. Manche sind größer, andere wiederum ganz klein. Alle haben etwas gemeinsam: Sie wollen sicher und gut verwahrt sein. Schon seit Jahren steigt die Nachfrage nach Schließfächern. Gründe dafür gibt es mehrere.Drohende Negativverzinsung oder Verwahrentgelte ließen viele Menschen ihr Bargeld abheben. Im Tresor ist Bares natürlich sicherer als unter der ­Matratze. „Es ist auch immer attraktiver geworden, sein Geld in Gold anzulegen“, weiß Bernd Mühlbacher. Und auch die Barren wollen irgendwo sicher untergebracht sein. Das bestätigt auch die Sparkasse OÖ, die an mehreren Standorten im Land mehrere Tausend Schließfächer zur Verfügung stellt: „Zurzeit ist die Nachfrage sehr groß aufgrund des gestiegenen Interesses am Kauf von Gold.“ Die größte Goldlagerstätte der Welt ist übrigens die Federal Reserve Bank of New York: Hier werden etwa 8.000 Tonnen Gold in Barren verwahrt. Doch die Kunden legen nicht nur Geld und Gold in die Schließfächer. Neben Schmuck und Münzen werden laut Mühlbacher auch gerne Dokumente, Verträge, aber auch Datensicherungen von Familienfotos, persönliche Gegenstände oder wertvolle Pokemon- oder Magickartensammlungen dort verwahrt. Verboten sind Waffen, Sprengstoff und verderbliche Ware.

Schwund an Bankschließfächern

Trotz steigender Nachfrage bieten die Banken immer weniger Schließfächer an. „Mit den Filialschließungen fielen Zigtausende Bankschließfächer weg“, so der 51-Jährige, der vor seiner Unternehmensgründung selbst solche An­lagen an Banken verkaufte. Die verbleibenden Schließfächer sind meist den Bankkunden mit einem Zahlungsverkehrskonto vorbehalten. „Teils sind alle Verwahrfächer belegt“, heißt es von der Raiff­eisenlandesbank OÖ, die 2.600 Sparbuchschließfächer und etwa 1.300 Safes anbietet. Die Marktlücke haben längst Privatunternehmen wie Mühlbacher entdeckt. Allerdings sind diese etwas teurer: Bei regionalen Banken kosten die Fächer je nach Größe zwischen 30 und 150 Euro pro Jahr. Im Tresor am Schottentor gibt es Boxen ab einem Euro pro Tag. Der Inhalt kann auf bis zu einer Million Euro versichert werden.

Es gibt keine Anonymität mehr

Bei aller Geheimniskrämerei: Wirklich anonym ist ein Schließfach nicht mehr – selbst in der dafür früher berühmt-berüchtigten Schweiz nicht. Seit Anfang vergangenen Jahres müssen Finanz­institute wie auch Privatanbieter jeden Schließfachmieter in das Kontenregister des Finanzministeriums melden. So will die EU mit der 5. Geldwäscherichtlinie nicht nur Steuerhinterziehung, sondern auch Terrorismusfinanzierung effektiver bekämpfen. Ein Schließfach öffnen kann die Finanz allerdings nur mit einem richterlichen Beschluss. „Die neue ­Richtlinie hat einen Vorteil für Erben: Während früher der Schließfachinhalt nach einer gewissen Zeit in das Eigentum der Bank überging, wenn sich niemand meldete, weil keiner davon wusste, scheint es jetzt bei der Vermögenserhebung auf und kann mit dem das Erbe verwaltenden Notar geöffnet werden“, erklärt Mühlbacher. Er plant, sein Angebot auf weitere Städte wie Graz und Linz auszuweiten.