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Mathias Lauringer

Wir müssen ausbauen, um unsere Souveränität zurückzugewinnen

20.02.2026 um 08:37, Klaus Schobesberger
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Zukunftskurs. Energie AG CEO Leonhard Schitter im Talk. Über Energie als
geopolitisches Machtmittel und das Fundament der Energiewende.

CHEFINFO: Das neue Jahr steht im Zeichen der ­Strommarktreform. Sie haben das im Dezember beschlossene Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) ausdrücklich begrüßt. Welcher Aspekt ist aus Ihrer Sicht der wichtigste?
Leonhard Schitter: Das ist eindeutig die gewonnene Planungssicherheit. Sie ist die Grundvoraussetzung, um massiv in den Ausbau erneuerbarer Energien und die Netzinfrastruktur zu investieren. Deshalb setzt die Energie AG ihren Expansionskurs konsequent fort: Nach einem Rekordwert von 415 Millionen Euro im Vorjahr erhöhen wir unser Investitionsbudget heuer erneut deutlich auf 566 Millionen Euro. Ein zentrales Leuchtturmprojekt ist unser Pumpspeicherkraftwerk in Ebensee. Mit einem Investitionsvolumen von fast einer halben Milliarde Euro ist es die größte ­Einzelinvestition in der Geschichte der Energie  AG. Ein weiteres wichtiges Vorhaben ist das Wasserkraftwerk Traunfall in Roitham, das ab 2028 rund 125 Gigawattstunden sauberen Strom produzieren wird.

Das ElWG wurde als Billigstromgesetz verkauft, was für Diskussio­nen sorgte. Wie bewerten Sie die tatsächlichen Auswirkungen auf Konsumenten und die Wirtschaft?
Zunächst einmal: Das ElWG ist kein Billigstromgesetz. Es ist vielmehr die Bibel oder das Betriebssystem der Energiewirtschaft. Aber das neue Gesetz bringt nun wichtige Impulse wie den bundesweiten Sozialtarif von 6 Cent pro Kilowattstunde, der rund 300.000 einkommensschwache Haushalte spürbar entlastet. Ebenso entscheidend sind wettbewerbsfähige Energiekosten für die Industrie – das ist das Um und Auf für unseren Standort. Dennoch müssen wir ehrlich sein: Strom­preise können nicht dauerhaft gestützt werden; sie müssen die realen Kosten des Markts widerspiegeln.

Haben wir am Energiesektor genügend Wettbewerb?
Mit rund 120 Anbietern herrscht in Österreich ein intensiver Wettbewerb. Die Energie AG agiert hier als bundesweiter Player. Wir haben unsere Tarife bereits im Jahr 2025 gesenkt und mit dem „Feel Good Energie“-Tarif um 10 Cent netto pro kWh seit September im deutschsprachigen Raum ein einzigartiges Angebot speziell für die Gen Z geschaffen. Letztlich geht es darum, das beste Gesamt­paket zu bieten. Unser Ziel ist es, Kunden nicht nur durch den Preis, sondern durch Produktqualität und exzellenten Service langfristig an uns zu binden.

„Wettbewerbsfähige Energiekosten und kalkulierbare Strompreise sind entscheidend für die Zukunft des Standorts und der Industrie“, sagt Schitter.

Verbund AG-Chef Michael Strugl meinte kürzlich, der konsequente Ausbau erneuerbarer Energien sei das beste Rezept für sinkende Strompreise. Stimmen Sie zu?
Absolut. Wir sehen bereits jetzt, dass die Marktpreise sinken und lösen unser Versprechen ein, diese Entlastung direkt an unsere Kunden weiterzugeben. Der Ausbau der Erneuer­baren ist für uns jedoch weit mehr als ein Preishebel; er ist unser ­zentrales Zukunftsprojekt, weil wir damit die gefährliche Abhängigkeit von Energie-Importen beenden. Zudem gilt: Je schneller wir ausbauen, desto schneller sinken die Preise, da die Gestehungskosten der Erneuerbaren schlicht günstiger sind. Während in den USA das Motto „Drill, Baby, drill!“ – also noch mehr Öl und Gas – ausgegeben wird, kann die Antwort Europas nur lauten: „Build, Baby, build!“ Wir müssen bauen und ausbauen, um unsere Souveränität zurückzugewinnen. Die Energie AG geht hier voran: Bis 2035 investieren wir insgesamt vier Milliarden Euro in Erneuerbare, Netze und Speicher.

Wirtschaftsminister Hattmannsdorfer setzt auf den weiteren Ausbau der Wasserkraft. Wie viel Potenzial sehen Sie hier noch?
Wasserkraft ist und bleibt das Rückgrat unserer heimischen Stromerzeugung. Wir ­müssen jedoch realistisch sein: Große Neubauprojekte sind in Oberösterreich und ganz Österreich kaum noch umsetzbar. Unsere Strategie setzt daher auf zwei Säulen: Optimierung und Innovation. Erstens forcieren wir das „Repowering“, also die Modernisierung und Leistungssteigerung bestehender Anlagen. Zweitens gehen wir völlig neue Wege. Ein Paradebeispiel dafür ist unsere Kooperation mit den Hochkönig Bergbahnen in Salzburg. Gemeinsam erweitern wir einen bestehenden Beschneiungsteich der Bergbahnen zu einem Pumpspeicherkraftwerk. Das ist österreichweit das erste Projekt dieser Art. Es zeigt, dass wir durch das „Denken über den Tellerrand“ und innovative Partnerschaften mit branchenfremden Unternehmen noch enorme Effizienzreserven in der Wasserkraft heben können.
 

Im 18. Stock des Power Towers: Minimalismus und pure Sachlichkeit prägen das Büro des Energie-AG CEO. Leonhard Schitter im Gespräch mit Geschäftsführerin Johanna Lengauer und Chefredakteur Klaus Schobesberger.


2025 hat die Energie AG deutlich weniger Strom aus Wasserkraft erzeugt. Ist Wasserkraft ein verlässlicher Energieträger?
Konkret verzeichneten wir eine um neun Prozent geringere Eigenstromerzeugung aus Wasserkraft. Das hat unser Ergebnis spürbar beeinflusst, da wir die fehlenden Mengen am teuren Großhandelsmarkt zukaufen mussten. Solche Schwankungen werden in Zeiten des Klimawandels leider zur neuen Normalität. Ein Widerspruch ist das jedoch nicht, sondern ein Auftrag für unsere Strategie: Wir planen extrem risikoavers im ­Sinne unserer Kunden. Unser wichtigster Hebel ist ein breiter Mix aus Wasser, Wind, Sonne und Biomasse, um Erzeugungsdefizite auszugleichen.

Norwegen ist reich dank seines staatlichen Ölfonds. Österreich wird reich mit dem Ausbau der Pumpspeicherkraftwerke, sagte Finanzminister Marterbauer kürzlich. Ist das realistisch?
Pumpspeicher sind in der Tat ein wertvoller Schatz für Österreich. Unsere einzigartige Topografie verschafft uns einen massiven Wettbewerbsvorteil gegenüber vielen anderen europäischen Staaten. Wir haben die Möglichkeit, überschüssigen Ökostrom effizient zu speichern und genau dann bereitzustellen, wenn er benötigt wird. Das garantiert nicht nur Versorgungssicherheit, sondern ist auch ein hochgradig nachhaltiges und wirtschaftlich attraktives Geschäftsmodell. Mein Credo bleibt: Ohne Speicher gibt es keine Energiewende. Das gilt für Pumpspeicher ebenso wie für Batteriespeicher und künftig für Wasserstoff als Langzeitspeicher.

Bis grüner Wasserstoff in ausreichenden Mengen zur Verfügung steht, ist es noch ein weiter Weg. Lohnt sich das Engagement?
Wir beschäftigen uns bei der Energie AG bereits heute sehr intensiv mit Wasserstoff, weil wir davon überzeugt sind, dass er der entscheidende „Gamechanger“ für die Dekarbonisierung der Industrie ist. Investitionen in diese Speichersysteme werden in den kommenden Jahrzehnten einen enormen wirtschaftlichen Mehrwert generieren. Diesen Innovationsvorsprung und die Kompetenzen, die wir uns in der Energie AG und in der gesamten österreichischen Energiewirtschaft erarbeitet haben, dürfen wir nicht aufs Spiel setzen.

Rekordinvestitionen und Pionierprojekte am laufenden Band: „Die Energiewirtschaft, wir wir sie kannten, existiert so nicht mehr“, sagt der Top-Manager im Interview.

Hat Europa mittlerweile erkannt, wie dringend der Ausbau der Netze für die Sicherheit ist?
Europaweit hat sich das Bewusstsein geschärft, dass Energie eines der kritischsten Themen unserer Zeit ist. Die Abhängigkeit von russischem Gas hat uns eine schmerzhafte Lektion erteilt: Energie ist keine reine Handelsware mehr, sondern ein geopolitisches Machtmittel – ja, sie wurde sogar als Waffe eingesetzt. Wer diese Waffe besitzt, kann Abhängigkeiten schaffen und Erpressbarkeit erzwingen.
Der Netzausbau ist daher ein unverzichtbares Gebot der Stunde. Energiepolitik muss als integraler Bestandteil der natio­nalen und europäischen Sicherheitspolitik begriffen werden. Wir bauen derzeit in einem Maße aus, wie wir es in den vergangenen Jahrzehnten nicht erlebt haben.

Ein mehrtägiger Stromausfall wie zuletzt in Berlin – ist so ein Szenario auch bei uns denkbar?
Absolute Sicherheit gibt es nie, man kann ein solches Ereignis nie zu hundert Prozent ausschließen. Aber wir unternehmen alles Menschenmögliche, um dieses ­Risiko zu minimieren. Wir investieren massiv in die Infrastruktur: Allein in den nächsten neun Jahren fließen zwei Milliarden Euro in das Stromnetz Oberösterreichs. Dass unsere Krisenpläne funktionieren, haben wir bereits unter Beweis gestellt. In einer umfassenden Simulation – einem „Trockentraining“ für einen fiktiven Ausfall des Mühlviertels – konnten wir zeigen, dass wir das Netz innerhalb weniger Stunden wieder komplett hochfahren können. Ich habe großes Vertrauen in unsere ­Systeme; unser Netz genügt den höchsten internationalen Ansprüchen.

Neue Geschäftsfelder wie das Rechenzentrum in Riedersbach für die Schwarz Gruppe (Lidl) werden immer wichtiger. Wird der Bereich weiter ausgebaut?
In unserer neuen Strategie haben wir viele innovative Geschäftsmodelle fest verankert. Die Unterstützung beim Ausbau von Rechenzentren ist dabei nur ein Baustein. Wir planen derzeit die erste überregionale Wasserstoffleitung Österreichs zwischen Sattledt und Linz-Ebelsberg. Wir gehen davon aus, die Genehmigung noch in diesem Frühjahr zu erhalten, um dann mit dem Bau dieses Pionierprojekts zu beginnen. Darüber hinaus forcieren wir die Elektromobilität sowie digitale Produkte und Services massiv. Wir müssen hier völlig neu denken: Die Energiewirtschaft, wie wir sie aus den vergangenen Jahrzehnten kannten, existiert so nicht mehr. Erfolg bedeutet heute, gezielt Kooperationen mit Partnern einzugehen, die in ihren Spezialgebieten mehr Expertise haben als wir. ­Diese Offenheit für Neues ist der Schlüssel für unsere künftige Wettbewerbsfähigkeit. 

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