Vollbremsung am Bau trifft viele Branchen

Nach dem Einbruch am Bausektor wird der Ruf nach staatlichen Hilfen laut. Die Wirtschaftskammer Oberösterreich fordert ein Ende der strengen Vergaberegeln für private Wohnbaukredite und eine Neuauflage der Investitionsprämie.
Autor: Klaus Schobesberger, 18.01.2023 um 12:49 Uhr

Anzeichen für ein Ende des Baubooms gibt es seit Monaten. Inflation, steigende Zinsen, teure Baumaterialien und strenge Kreditvergaberegeln haben Bauwillige vorsichtig werden lassen. Projekte im Wohnbau wurden reihenweise verschoben oder storniert. Die Stimmung ist schlecht: Laut Wirtschaftskammer Oberösterreich (WKOÖ) rechnen 61 Prozent der Bau- und baunahen Unternehmen mit sinkenden Auftragseingängen in den nächsten zwölf Monaten, 32 Prozent sehen eine gleichbleibende Auftragslage. Jedes zweite Unternehmen geht von einem sinkenden Investitionsvolumen aus. Mit 100.000 Mitarbeitern stellt der Bau jeden fünften Arbeitsplatz in der gewerblichen Wirtschaft. Der dramatische Einbruch bei Neubauaktivitäten erfordere ein rasches Gegensteuern, „um den drohenden Abschwung abzuwehren und Auftragsbestände wie Investitionen auf stabilem Niveau zu halten“, sagte WKOÖ-Präsidentin Doris Hummer heute vor Journalisten. Die Kammerchefin fordert unter anderem eine "Investitionsprämie Neu“, einen Investitionsfreibetrag mit einer erhöhten Freibetragsgrenze von 1 auf 50 Millionen Euro, eine Verlängerung der Corona-Investitionsprämie um ein Jahr bis 28. Februar 2024 und die Wiedereinführung des Handwerkerbonus. Bei der aktuellen Baukostenobergrenze im sozialen Wohnbau hat Wohnbaulandesrat Haimbuchner nach Gesprächen mit Bauinnung und Bauträgern bereits Abhilfe angekündigt.

Kreditnehmer "flüchten" ins Ausland

Diese Impulse seien laut Christoph Schumacher, Obmann der Sparte Information + Consulting, dringend notwendig: „Wenn die Konjunktur am Bau schwächelt, bekommen viele Branchen Probleme“. Die Vollbremsung am Bau wachse sich demnach auch zu einem Problem für Finanzdienstleister, Ingenieurbüros und insbesondere für die 600 gewerblichen Bauträger in Oberösterreich aus, wo bei vielen die Auftragsstände gegen null schrumpfen. Und es trifft Gewerbe- und Handwerksbetriebe. Die größte „Baustelle“ ortet Spartenobmann Michael Pecherstorfer im privaten Wohnbau wegen der strengen Kreditvergaberichtlinien. Die von der Finanzmarktaufsicht (FMA) aus Sorge vor einer Immobilienblase ins Leben gerufene Kreditinstitute-Immobilienfinanzierungsmaßnahmen-Verordnung (KIM-VO) verbaue insbesondere Jungfamilien den Traum vom Eigenheim, sagt Michaela Keplinger-Mitterlehner, Bankensprecherin der Kammer. Sie fordert eine Lockerung der Regeln, weil Zinsniveau und Inflation die Nachfrage nach Immobilien deutlich abgeschwächt haben. „Es sollte daher — wie auch schon von Finanzminister Brunner angeregt — dringend evaluiert werden, ob die KIM-Vorgaben in der jetzigen Form noch sinnvoll sind.“ Die strengen Kreditvergaberegeln würden zudem zu einer Wettbewerbsverzerrung führen: Viele Kreditnehmer versuchen ihr Glück bei ausländischen Banken, bei denen diese strengen Regeln nicht gelten.