Statussymbol Coach

Die Luft ist dünn als Manager. Ehrliche Feedbacks sind in den Chefetagen rar. Vor allem Topmanager fühlen sich stark isoliert und vereinsamen in ihrer Aufgabe regelrecht, da kaum jemand mit ihnen wirklich offen und direkt kommuniziert. Dazu sind viele Entscheidungen zu treffen, oft mit weitreichenden Konsequenzen. Die Arbeitstage sind lang, das Stresslevel hoch. „Durch den Druck, die Komplexität und Schnelligkeit findet man oft nicht mehr den nötigen Abstand, um auch strategisch einen Überblick zu bewahren. In dieser Situation ist es extrem nützlich, einen Sparringpartner und Vertrauten zu haben, mit dem man auch über seine Sorgen und Ängste reden, seine Gedanken ordnen oder wieder den Blick auf das große Ganze zurückgewinnen kann“, sagt Michael Tomaschek, Obmann des Österreichischen Dachverbands für Coaching (ACC).

Nachholbedarf in Industrie und Mittelstand

Deswegen suchen sich immer mehr Führungskräfte und Manager einen Execu­tive Coach. Was vor einigen Jahrzehnten noch als Tabuthema galt, ist mittlerweile ein Statussymbol. Laut Tomaschek werden in allen großen Unternehmen, in denen auch Personalentwicklung bereits etabliert ist, Coachingangebote für Führungskräfte als selbstverständlich angesehen und bereitgestellt. In vielen Branchen, vor allem im Dienstleistungsbereich, bei Banken, Versicherungen und in der Verwaltung, würden bereits mehr als 30 Prozent der Führungskräfte gecoacht. „Großen Nachholbedarf gibt es noch in der Industrie und vor allem im Mittelstand. Dort wird oft der Personalbereich immer noch als Rechts- und Finanzthema betrachtet und Personalentwicklung kommt erst langsam in der Wichtigkeit ins Bewusstsein.“

6.000 bis 8.000 Coaches arbeiten in Österreich

Die Coachingbranche boomt – vor allem in schwierigen Krisenzeiten. Laut ­Tomaschek verzeichnet die Branche Jahr für Jahr zweistellige Zuwächse. Er schätzt, dass es derzeit etwa 6.000 bis 8.000 Coaches in Österreich gibt: „Eine direkte Zahl gibt es nicht, da das Berufsbild Coach mehreren Berufsgruppen zugeordnet ist.“ Es gibt in Österreich rund 20.000 Psychotherapeuten und Psychologen, dazu 5.500 Lebens- und Sozialberater und rund 19.000 Unternehmensberater. Diese seien per Gewerbeordnung auch tatsächlich berechtigt, Coaching auszuüben. „Davon ist aber nur ein Bruchteil auch wirklich als Coaches tätig und auch nur ein Bruchteil wirklich dazu qualifiziert.“ Im Business Coaching sind vor allem Coaches aus dem Bereich Unternehmens- und Organisationsberatung tätig, die sich auch mit entsprechenden Qualifikationen, spezifischen Coaching­ausbildungen, Gütesiegeln, ISO-Zertifizierungen und Dachverbandsmitgliedschaften am Markt differenzieren. Im Grunde kann sich jeder Coach nennen, einen Gewerbeschutz gibt es nicht. Den richtigen für sich zu finden ist also gar nicht so einfach. Tomaschek empfiehlt die Datenbanken der Dachverbände, in denen qualifizierte Coaches gelistet sind. Und: „Empfehlungen sind nach wie vor das Kriterium in der Branche.“

Von der Führungskraft zum Executive Coach

Viele Business Coaches waren selbst in leitenden Positionen tätig. Dieser berufliche Hintergrund ist wichtig, denn betriebswirtschaftliche Zusammenhänge zu kennen und zu verstehen, in welcher Welt sich der Klient bewegt, ist als Sparringpartner fast unabdingbar. „Sonst wird man nicht akzeptiert als Gesprächspartner auf Augenhöhe“, weiß etwa der Linzer Coach Franz Schiffler aus langjähriger Erfahrung. Er war selbst 17 Jahre lang Mitglied der Geschäftsführung eines Gesundheits- und Pharma­unternehmens. Um seinen eigenen Führungsstil zu verbessern, machte er eine Coachingausbildung, fing Feuer und sattelte schließlich um. Unter anderem war er als Sparringpartner in einem Unternehmen auch schon fest angestellt. Dort arbeitete er wöchentlich im Wechsel mit dem Managerteam oder mit den Geschäftsführern einzeln. „Die Themen sind vielfältig: Wie kann ich das Team von meinen Vorstellungen überzeugen? Wie schaffe ich es, dass die Mitarbeiter ehrlich zu mir sind? Wie führe ich richtig?“, so Schiffler. Manchmal geht es auch um betriebswirtschaftliche Entscheidungen. Schiffler nimmt oft auch als stiller Beobachter an Sitzungen teil, um im Nachhinein den Führungskräften ihre Vorgehensweise spiegeln zu können, ein Gefühl für die Stimmung im Team zu bekommen und um in die Sichtweise der Angestellten eintauchen zu können.

Reflektieren und wieder klarer sehen

Ein Coachingverhältnis muss jedoch nicht zwangsläufig ein regelmäßiges sein. „Meistens kommen die Klienten drei bis fünf Sitzungen zu mir oder sie rufen nach einem Jahr wieder an, wenn eine wichtige Entscheidung ansteht“, sagt Schiffler. „Eine Stunde lang zu reflektieren, was und wie zu tun ist oder welche Optionen es überhaupt gibt, ist in der Schnelllebigkeit und Multitasking-Anforderung des Berufs- und Alltags­lebens bereits ein Luxus und alleine gar nicht bewältigbar“, weiß auch ACC-Obmann Tomaschek.

Fehlerkultur und Problembewusstsein etablieren

Die Fragestellungen und Bedürfnisse sind unterschiedlich. „Wunsch der Führungskräfte nach einem externen Sparringpartner, Leadershipthemen, Präsentationsangst, Vorbereitung auf ein Hearing, ein bevorstehender Schritt in die Selbstständigkeit“, listet Markus Platzer auf. Der Wiener Coach hat ebenfalls mehrjährige Erfahrung als Führungskraft und einen abwechslungsreichen Lebenslauf: Er war Eventmanager, Banker, Lokalbesitzer und Geschäftsführer der bekannten Disco U4, bevor er viele Jahre als CEO und Topmanager Hunderte Mitarbeiter führte. Sein Berufswunsch war schon früh, in die Beratung zu gehen: „Doch mit 25 nach dem Studium, ohne Erfahrung – was willst du da einer Führungskraft erklären?“, so Platzer. Also machte er erst einmal selbst Karriere in Unternehmen, um zu sehen, wie Organisationen funktionieren. Die Zeiten des allein herrschenden Patriarchen ist in vielen Unternehmen zwar vorbei, man setzt auf flache Hierar­chien. Doch wie geht eine junge Führungskraft oder der Juniorchef, der die Firma von seinem Vater übernommen hat, vor, um wirklich eine andere Organisation zu etablieren? „Das ist nicht leicht, weil wir ja alle so geprägt und erzogen wurden, zu gehorchen und nicht anzuecken. Und von diesen Mitarbeitern verlange ich nun, dass sie Eigenverantwortung übernehmen sollen“, spricht Platzer aus seiner Praxis.

Ähnliche Methoden wie in Psychotherapie

Es gehe erst einmal darum, Bewusstsein zu schaffen, was das Problem sei, was man ändern wolle und eine Allianz zu schmieden. „Es war ja auch nicht alles schlecht. Also sollte man wirklich gut unterscheiden, was übernehmen wir und was verbessern wir.“ Ein wichtiger Punkt: eine neue Fehlerkultur etablieren. „Wir haben ja nicht gelernt, dass wir Fehler machen und zugeben dürfen.“ Wenn in Unternehmen über Fehler als Chance zum Lernen und Weiterentwickeln gesprochen werde, sei schon ein großer Schritt gemacht. „Unternehmenskultur zu verändern ist jedoch ein Prozess, der Jahre dauert“, so Platzer. Er sieht sich als „provokativer“ Coach, als „Hofnarr, der Einzige, der sich sagen traut, was andere denken“. Seine Methode: „Ich versuche, die Menschen durch gezielte Provokation in Emotionen zu bringen, aus ihrem alten Fahrwasser heraus, in dem sie feststecken.“ Nachdem Platzer auch Unternehmensberater ist, begleitet er Führungskräfte in vielen Lebenslagen: „Manchmal sitze ich mit ihnen auch über Excel-Tabellen.“ Oft lande man bei persönlichen Themen: „Beruflich und privat – es handelt sich ja um die gleiche Person, die Muster wiederholen sich.“ „Oft kommen die Klienten wegen beruflichen Problemen und die Ursachen liegen meistens im Privaten“, weiß auch der Linzer Franz Schiffler. Er vertritt einen ganzheitlichen Ansatz: „Als Erstes sind meistens Blockaden und Ängste aufzulösen.“ Ähnlich wie in der Psychotherapie stellen die Coaches gezielte Fragen, um die Probleme bewusst zu machen, die Ursachen zu erforschen, aber auch die Stärken zu aktivieren. Die Methoden reichen von systemischer Aufstellungsarbeit bis hin zu Wingwave, wo etwa durch Harmonisierung der Gehirnhälften Blockaden gelöst werden sollen. Als Sparringpartner gilt es, manchmal auch den Managern Paroli zu bieten oder einfach nur ein neutraler Diskussions- und Spiegelpartner zu sein. „Coaching macht die Menschen selbstständiger im Denken. Durch die Krisen, die wir haben, wird Coaching noch mehr an Bedeutung gewinnen“, ist Schiffler überzeugt.

Corona: Bis zu 80 Prozent Onlinecoaching

In der Coronakrise haben Coaches und Berater vermehrte Anfragen erhalten. Somit hat sich auch Onlinecoaching etabliert. „Vor Corona war das die Ausnahme“, berichtet Platzer aus seiner Praxis. In Lockdown-Zeiten macht er bis zu 80 Prozent der Gespräche über Video-Calls. „Manche Klienten habe ich noch nie persönlich getroffen.“ Schiffler ist überzeugt: „In Zukunft wird ein anderes Denken nötig sein, ein systemisches Denken. Eine gute Führungskraft ist man nur, wenn man für das große Ganze denkt und nicht nur für das eigene Unternehmen.“

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Autor: Jessica Hirthe, 05.01.2022