RLBOÖ-Chef Schaller: Aktien sind kein Teufelszeug

Chefinfo: Viele haben die Weihnachtseinkäufe früher als sonst getätigt, Sie auch?
Schaller: Nein, ich bin ein Spätkäufer.

Werden Geldgeschenke beliebter?
Schaller: Es kann durchaus sein, dass mehr Bargeld geschenkt wird. Zahlen dazu haben wir keine. Meist kommt das Geld in irgendeiner Form wieder zur Bank zurück. Wenn die Leute damit einkaufen gehen, dann soll mir das recht sein, weil es die Wirtschaft ankurbelt und der Konsum damit gestärkt wird.

Sollten in Zeiten hoher Inflation nicht besser Werte wie Aktien oder Gold unterm Christbaum liegen?
Schaller: Es ist gut, wenn man in Form von Sparbüchern einen Notgroschen auf der Seite hat. Darüber hinausgehend – und das muss jeder für sich selbst entscheiden – sind Veranlagungen in Wertpapiere und insbesondere in Fonds wegen der generell höheren Verzinsungen eine gute Wahl. Gerade bei Fonds muss sich der Einzelne nicht darum kümmern, seine Vermögens­werte zu verwalten. Dafür gibt es ­Profis, die Fondsmanager. Das macht Sinn und wird sehr gut angenommen.

Was muss passieren, um eine bessere Aktienkultur in Österreich zu erreichen?
Schaller: Die Basis dafür ist Finanzbildung. Zusätzlich braucht es Anreize, zum Beispiel auch für Mitarbeiterbeteiligungsmodelle. Das ist im Zuge der Steuerreform auch vorgesehen. Von erfolgreichen Mitarbeiterbeteiligungsmodellen wie jenem der voestalpine profitieren Menschen, wenn das Unternehmen sich im Wert positiv entwickelt. Und man darf nicht müde werden, die Politik in Österreich darauf hinzuweisen, dass eine Veranlagung in Aktien kein Teufelszeug ist, sondern langfristig sehr viel Sinn machen kann.

Seit 2010 unterliegen Aktiengewinne einer Steuer von 27,5 Prozent. Sollen diese nach einer Behaltefrist von einem Jahr als zusätzlicher Anreiz wieder steuerfrei sein?
Schaller: Das wäre ein wichtiger Schritt. Ich will mich nicht auf ein Jahr festlegen, aber diesen Anreiz ab einem bestimmten Zeitpunkt zu setzen halte ich für sinnvoll.

Wie groß ist die Gefahr, dass die Inflation ein langfristiges Problem wird?
Schaller: Ich halte die Gefahr noch nicht für sehr groß, aber sie ist zweifellos da. Man muss die Inflationsentwicklung das nächste halbe Jahr sehr genau im Blick haben. Die anhaltenden Engpässe in diversen Branchen unterstützen die These, dass uns auch die Teuerung länger begleiten wird. Sollte das passieren, muss sich die Europäische Zentralbank überlegen, Zinsschritte nach oben zu veranlassen.

Ärgern Sie sich über das politische Krisenmanagement in der Pandemie?
Schaller: Ich will nicht überheblich sein und sagen, man hätte das viel besser machen können. Das traue ich mir nicht zu. Irgendetwas muss man aber übersehen haben, sonst wäre das Infektionsgeschehen nicht so eskaliert. Der neuerliche Lockdown belastet die Wirtschaftsentwicklung jedenfalls erheblich und bremst den Konjunkturaufschwung im nächsten Jahr ein.

Als Sie als junger Mann ins Bankgeschäft eingestiegen sind, musste man für jede Überweisung in die Bankfiliale pilgern. Das war mühsam für Kunden, aber gut für die Bank. Heute sind Menschen viel unabhängiger von ihrer Bank. Wünschen Sie sich nicht manchmal die alten Zeiten zurück?
Schaller: Nein, weil dieser digitale Fortschritt im Tagesgeschäft für uns eine enorme Erleichterung bedeutet. Wir brauchen als Bank beides: die wirklich attraktive digitale Schiene und die re­gionale Präsenz mit unseren Mitarbeitern, um den persönlichen Kundenkontakt zu halten. Und wir sind in beiden Bereichen gut unterwegs: Die Raiffeisen-App ist die mit Abstand meistheruntergeladene Banking-App in ganz Österreich und wir wurden auch als Raiffeisen-Organisation als beste Bankengruppe eingestuft. Andererseits wird das bestehende Filialnetz nicht aufrechterhalten werden können und es wird zu Zusammenlegungen von Bankstellen kommen. Aber die Regionalität geben wir deshalb nicht auf. Und ich bin überzeugt davon, dass jeder irgendwann eine Beratung in Finanzangelegenheiten brauchen wird. 

Autor: Klaus Schobesberger, 23.12.2021