Politik: Graue Anzüge waren gestern

Johanna Jachs (ÖVP) aus Freistadt und Sabine Schatz (SPÖ) aus Ried in der Riedmark vertreten mit geballter Frauenpower das Mühlviertel im Parlament. CHEFINFO traf sich zum Stelldichein mit den beiden Parlamentarierinnen. Insider-Tipp: Freistädter Bier und Grammastettner Krapferl sind im Parlament sehr gefragt. Gefragt ist auch, inwieweit der Mühlviertler Geist jenseits der Parteigrenzen funktioniert.

Haben Sie sich vor Ihrer politischen Tätigkeit im Nationalrat schon gekannt?

Schatz: Wir kennen uns erst von der gemeinsamen Arbeit im BVT-Ausschuss genauer. Hauptsächlich sind wir in unseren Bezirken aktiv, aber natürlich läuft man sich hin und wieder über den Weg.
Jachs: Wir schätzen eine sehr faire Zusammenarbeit, was auch gut funktioniert. Aber meistens kommt man sich, wie man auf Mühlviertlerisch sagen würde, nicht ins Gai. Auch wenn wir beide aus dem Mühlviertel kommen, sitzen wir im Parlament geographisch sehr weit auseinander.

Was kennzeichnet aus Ihrer Sicht die Mühlviertler Mentalität?
Schatz: Ich habe einmal in einem Video gesagt, dass das Mühlviertel ein Granitland ist, und so sind auch die Menschen. Wir halten viel aus, vielleicht mehr als andere. Wir bleiben an etwas dran, wenn es die Sache verlangt, und setzen uns stark dafür ein.
Jachs: Vielleicht ist das ein bisschen unser Sturschädel. Wir sind sicher ausdauernder als andere, konsequenter und wir haben nach wie vor Handschlagqualität.

Gibt es Projekte, an denen sie beide gemeinsam arbeiten?
Schatz: Wir sind uns einig, dass die Gewalt gegen Frauen ein großes Thema ist und bekommen nun ein neues Frauenhaus, das genau an der Grenze unserer beiden Bezirke Freistadt und Perg liegt. Das war uns immer schon ein Anliegen.
Jachs: Das Frauenthema vereint uns natürlich. Es ist gut, dass immer mehr Frauen und junge Leute ins Parlament kommen. Mein Motto ist es: „Graue Anzüge war gestern.“ Wir konterkarieren ein wenig den stereotypischen Politiker.
Schatz: Als Frauen müssen wir aber auch Position beziehen. Oberösterreich ist ganz vorn beim Gender-Pay-Gap und wir haben die höchste Teilzeitquote bei arbeitenden Frauen von über 50 Prozent. Gerade in Gebieten wie dem Mühlviertel mangelt es an Kinderbetreuungsplätzen.
Jachs: Hier brauchen wir eindeutig mehr Flexibilität und ein breiteres Angebot. Ein Betreuungszeitraum von 7.30 bis 12.30 Uhr ist da zu wenig. Mühlviertler sind gefragte Arbeitskräfte. Linzer Unternehmen buhlen nach ihnen, doch die Arbeit, sprich immer mehr Unternehmen, kommen verstärkt in die Bezirke zurück. Das spart lange Wege.
Schatz: Da unterscheiden sich unsere Bezirke. Die neue Mauthausener Donaubrücke ist noch nicht realisiert, Freistadt hat aber die S10. Beide Bezirke haben aber eine sehr niedrige Arbeitslosen­quote. Doch ich bleibe dabei: Eine Frau, die in Linz arbeiten geht und um 12 Uhr aber wieder im Kindergarten sein muss, das geht sich nicht aus, und damit erklärt sich der hohe Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen in der ­Region.

Sie haben es bereits erwähnt: Immer mehr Unternehmen siedeln sich im Mühlviertel an, darunter viele Hightech-Firmen. Wandelt sich die wirtschaftliche Struktur?
Jachs: Hohe Qualität kam schon immer aus der Region, Hightech wird immer mehr. Das liegt nicht nur am Softwarepark, sondern weil viel Know-how da ist. Es gibt viel Wissen und Kreativität, denken wir an Kreisel, nicht nur die Batterieerzeugung, sondern an Walter Kreisel und seine Innovationen zur Wasseraufbereitung.
Schatz: Die Nähe zum Zentralraum strahlt natürlich aus und damit die Themen wie Digitalisierung und Startup-Kultur. Deshalb müssen wir den Breitbandausbau ­forcieren. Da sind wir Schlusslicht.
Jachs: Aber es ist derzeit sehr viel auf Schiene. Das war eines der Learnings aus der Pandemie. Immer mehr Menschen hielten Ausschau nach Grundstücken im Mühlviertel, wollten zurück aufs Land. Die Grundvoraussetzung war für diese Menschen eine gute Infrastruktur.
Schatz: In meiner Ge­meinde gab es ein großes Wachstum. Das ­Erste, was nachgefragt wird, sind die Kinderbetreuungs­möglichkeiten, dann kam der öffentliche Verkehr und dann die Internetanbindung.

Es gibt auf der anderen Seite immer mehr kleinere Firmen, die sich auf regionale Produkte konzentrieren. Ist hier auch der Mühlviertler Geist zu spüren?
Jachs: Absolut. Mühlviertler sind Anpacker. Wir probieren Dinge aus und setzen sie auch um. Ich muss immer wieder Produkte aus der Region ins Parlament mitbringen, wie Freistädter Bier oder Kaffee und Gin von Peter Affenzeller.
Schatz: Das hohe Qualitätsbewusstsein zeichnet uns aus, ob in der Landwirtschaft oder im Tourismus. Vieles ist klein und fein und stets mit der Natur und der Landschaft verbunden. Übrigens der große Bundesadler im Parlament wurde in Schwertberg restauriert.

In den Städten ist immer mehr ein Trend zur Entsolidarisierung zu sehen. Man kennt oft den eigenen Nachbarn nicht mehr. Ist das im Mühlviertel durch die vielen Vereine anders?
Jachs: Unsere Vereine sind unsere Stützen, jeder ist willkommen. Dort trifft man auch Kollegen aus den anderen Fraktionen. So groß die Unterschiede politischer Natur auch oft sind, Vereine geben uns einen Anlass, geschlossen hinter ihnen zu stehen.
Schatz: Vereine tragen wesentlich zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei. Das Miteinander steht im Vordergrund. Für uns mögen Vereine wichtiger sein als in der Stadt, weil das kulturelle Angebot geringer ist.

 

Autor: Jürgen Philipp, 28.10.2021