"Papier hat auch seine Vorteile"

Bürokratie: Axel Kühner, CEO der Greiner AG, lobt die regionalen Behörden,
sieht aber viel Potenzial bei Effizienz, Digitalisierung und Geschwindigkeit.
Ein Vorbild könnte der „digital first“-Ansatz Estlands sein.
Autor: Jürgen Philipp, 16.01.2023 um 16:44 Uhr

CHEFINFO: Wo drückt in Ihrer Branche der Schuh in puncto Bürokratie?
Axel Kühner:
Viele bürokratische Hürden entstehen, weil die Behörden einerseits zu wenig personelle Ressourcen für die Verfahrensbearbeitung aufbringen können und andererseits weil das Potenzial für digitale Behördenwege noch nicht ausreichend ausgeschöpft ist. Es gibt durchaus Programme und intelligente Algorithmen, welche die Behörden entlasten könnten. Außerdem glaube ich, dass wir nicht jede Richtlinie brauchen, sondern manchmal eben weniger doch mehr ist. Wo wir sicher einen Mangel haben, sind amtliche Sachverständige, die etwa für Betriebsanlagengenehmigungen notwendig sind. Aus Sicht von Greiner funktioniert die Zusammenarbeit mit den regionalen Behörden aber gut.

Eine zentrale Forderung ist der Ausbau der Digitalisierung. Wo sehen Sie Potenzial und gibt es für Sie einen europäischen Benchmark in diesem Bereich? 
Kühner:
Bisher mussten Einreichunterlagen in Oberösterreich in mehrfacher Ausführung an die Behörde gesendet werden. Nun kommt endlich der digitale Akt, aber leider auch wieder nicht in allen Bezirken. Papier hatte aber auch seine Vorteile: Man kann schnell mehrere Seiten überfliegen und vergleichen. Auch Pläne sind so manchmal besser zu lesen als digital. Als europäische Benchmark wird sehr oft Estland genannt. Für alle Behördenwege gilt das Prinzip „digital first“ und sämtliche Anträge werden über ein zentrales Onlineportal abgewickelt. 

Die zentralste und wahrscheinlich beste, aber auch gleichzeitig unrealistische Forderung wäre ein ,Systemneustart‘ der Verwaltung. 

Aktuell ärgert viele Unternehmer die Dauer einer Förderzusage für die Errichtung von PV-Anlagen. Können Sie das bestätigen?
Kühner:
Module und Wechselrichter sind derzeit oft schwer lieferbar und die Fördertöpfe wurden in der Zwischenzeit ausgeschöpft – und natürlich muss auch der Netzausbau mit dem Photovoltaiktrend mithalten können. Die Netzanbieter sind mit dem Ansturm an Anträgen für Zählpunkte derart überfordert, dass es teilweise Monate dauert, einen Einspeisepunkt zu bekommen. Man hat dort die Zeichen der Zeit leider übersehen und versäumt, hier Personal aufzustocken, um die Flut der Anträge abzuarbeiten. Auch nach der Errichtung der PV-Anlage kann sich die Inbetriebnahme und Vernetzung mit dem Energiebetreiber über Wochen hinauszögern.

Was wären Ihre zentralen Forderungen bzw. Vorschläge, um die Bürokratie effizienter zu gestalten?
Kühner:
Die zentralste und wahrscheinlich beste, aber auch gleichzeitig unrealistische Forderung wäre ein „Systemneustart“ der Verwaltung, sodass von vorneherein effiziente Strukturen geschaffen werden, bei denen es klare Zuständigkeiten und keinerlei Doppelgleisigkeiten gibt. Was sich noch verbessern ließe, ist die Sprache, in denen Bescheide und Anträge verschriftlicht werden. Die Formulierungen sind teilweise etwas unverständlich, was manchmal für Verwirrung und leider auch zu unnötigen Verzögerungen sorgt. Was bereits gut läuft, ist der sogenannte „Behördensprechtag“ für größere und anspruchsvollere Projekte.