Out of the box: Geschäftsmodell Automaten boomt

Der nächste Lockdown kommt bestimmt. Man stellt sich mittlerweile fast schon automatisch um, mehr oder weniger freiwillig. Apropos automatisch. Die profil-Journalistin Rosemarie Schwaiger schlug im Februar 2021 sogar einen Politik-Automaten vor, der Lockdowns verkünden sollte: „In Österreich dagegen könnte man die Pandemiepolitik ohne nennenswerte Qualitätseinbußen durch einen Automaten ersetzen, der täglich zu fixen Zeiten mit knarrender Computerstimme ,Lockdown‘ sagt“. Während Geschäftsschließungen einen Run auf Onlineshops auslösen, steigt das Takeaway-Geschäft in der Gastro und mancherorts auch das Automatenbusiness.

Über 200 Millionen Umsatz mit Kaffeeautomaten

Wie viele Automaten in Österreich stehen, ist nicht bekannt, dafür die Zahl derer, die in Deutschland auf Kundschaft warten: 579.000. Der Großteil davon (62 Prozent) ist für Heißgetränke reserviert. Die Umsätze sind aber trotz Lockdown und geschlossener Geschäfte in Deutschland zurückgegangen. Homeoffice & Co. macht den klassischen Kaffeeautomatenbetreibern zu schaffen. Österreichs Nummer eins, das Wiener ­Unternehmen cafe+co, wächst hingegen weiter. Mit knapp 2.000 Mitarbeitern erwirtschaftet cafe+co über 200 Millionen Euro in zehn europäischen Ländern. Die Hälfte der Mitarbeiter stieß in den letzten zehn Jahren zum Unternehmen. cafe+co fuhr einen strammen Expansionskurs.

Automatenoutfit gegen Bedrohungen?

An die Zahlen von Japan wird man aber nicht herankommen können. Wer Automaten liebt, der wird Japan lieben. In keinem Land der Welt gibt es mehr solcher Maschinen. Den 125 Millionen Einwohnern stehen 5,5 Millionen Automaten zur Verfügung. Auf 23 Japaner kommt somit ein Automat. Sie gehören so selbstverständlich zum Stadt- und Landschaftsbild, dass ein Produzent von Schultaschen eine kuriose Idee hatte. Fühlt sich ein Kind am Schulweg bedroht oder verfolgt, so schnellt auf Knopfdruck ein Überwurf aus der Tasche, der das Kind verdeckt. Ein Überwurf, der einem Automaten nachempfunden wurde, sodass das Kind sich rasch in eine Ecke zurückziehen kann und unerkannt bleibt, weil es in der Fülle an Automaten quasi verschwindet. Auch in Nippon fällt mehr als die Hälfte aller Automaten auf Getränke aus, neben heißen und kalten Drinks zählen dazu auch Suppenautomaten, die von Udon- bis Misosuppe alle beliebten Sorten ausspucken. Selbst an den heiligsten Orten stehen die metallenen Geräte, um etwa Glücksbringer oder Sakefläschchen als Göttergaben zu verkaufen.

Oberösterreich in einer Box

Doch auch hierzulande wird immer mehr Ware in Automaten feilgeboten. Während die bis in die 1990er-Jahre allgegenwärtigen Kaugummi- und Kondomautomaten zunehmend verschwanden und Standorte der klassischen Zigarettenautomaten ebenfalls weniger wurden, findet man heute Medizin, Fahrradschläuche oder andere Dinge des täglichen Bedarfs in Selfservice-Geräten. Das wohl oberösterreichischste Produkt kann man in der Linzer Stahl­straße beziehen. Dort steht der Knödel­automat von Caseli. Tiefgekühlt werden Speck-, Haschee- und süße Knödel 24/7 bereitgestellt. Auch innerhalb der voestalpine-Werkszäune werden Menüs für Schichtarbeiter per Automat angeboten. Mitarbeiter können rund um die Uhr frisch abgepackte Speisen genießen. Bezahlt wird mit dem Werksausweis. Wer es noch oberösterreichischer will, sprich den Automatenknödel mit Automatenmost hinunterspülen möchte, der muss leider in die Steiermark zur Familie Aichhorn nach Rohrbach-Steinberg. Dort kann man neben unserer Landessäure auch gleich Käse, Milch und Äpfel am Automaten erwerben. Überhaupt entdeckt die Landwirtschaft mit ihren Möglichkeiten der Direktvermarktung den personallosen Verkaufsstand neu. Eier-, Milch- und sogar Grillfleischautomaten sind nichts Exotisches mehr. Dennoch gibt es hier einige Probleme mit dem Gewerberecht. Das Start-up Dorfladenbox, Edison-Preisträger 2021, versteht sich als Automat und nicht als Kaufgeschäft. Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind dabei gänzlich unterschiedliche (CHEFINFO berichtete), und das führt zu einigen juristischen Spitzfindigkeiten.

Run auf Welser Pizzaautomaten

Die Dorfladenbox bezieht sich bei ihrer Argumentation auf ein anderes – hoch erfolgreiches – oberösterreichisches Start-up: die BistroBox. Drei Welser erfanden, damals noch als FH-Studenten, einen Pizzabackroboter. Rund um dieses technische Wunderwerk wurde ein Automaten-Franchisekonzept entwickelt. 2009 gegründet, darf sich das Unternehmen aus Holzhausen „Bester Franchisepartner 2021“ nennen. 20 Franchisenehmer betreiben mittler­weile 38 BistroBoxen in ganz Österreich. „Im vergangenen Jahr wurde erstmals mehr als eine Million Pizzen, Snacks und Getränke verkauft. Und heuer konnte der Umsatz in den ersten sechs Monaten zum Vergleichszeitraum des Vorjahres sogar verdoppelt werden“, schildert BistroBox-Mitgründer und -Geschäftsführer Klaus Haberl. Der letzte Standort wurde in Graz eröffnet. In jenem Graz, in dem erstmals Cannabisprodukte per Automat verkauft wurden, selbstverständlich legale CBD-Buds. Mittlerweile gibt es österreichweit rund 100 solcher Automaten. Wie es überhaupt eine Menge kurioser 24/7-Geschäftsideen gibt, etwa den Spritzweinautomaten am Neusiedler See, den Salzburger „Safety Shop“, der Corona-Tests und FFP2-Masken feilbietet, oder den Köderautomat von Weitgasser in Linz, der Mehlwürmer und andere Lebendköder für Angler bereithält.

Goldbarren aus dem Automaten

Noch kurioser wird es im Ausland. Goldbarren aus dem Automaten kann man etwa in Bremen erstehen, eine Spaghetti-Maschine in Neapel serviert Pasta in 90 Sekunden und in Moskau gibt es sogar Kaviar aus dem personallosen Shop. Ein Betreiber in Texas musste aber wieder dichtmachen – er wollte Schusswaffen per Maschine rund um die Uhr verfügbar machen. Automaten sind also so vielseitig wie das Leben, sie ermöglichen neue Absatzmärkte, müssen sich an keine Öffnungszeiten halten und die Personalsuche wird ebenso entschärft – egal ob Lockdown ist oder nicht.

Autor: Jürgen Philipp, 22.12.2021