Oskar Kern: Der Sinn der Krise

CHEFINFO: Sie sind Manager, Speaker und Impulsgeber. Was war Ihr besonderes Learning im Jahr 2020?

Oskar Kern: Die dramatisch schnellste Lektion war ein Digitalisierungs-Check nach dem ersten Lockdown. Alle Berater dieser Welt hätten das nicht besser hinbekommen. Wir haben innerhalb einer Woche gewusst, wie zukunftsfit wir sind. Wir haben Computerarbeitsplätze, aber vieles ist nicht mobil wie etwa die CAD-Zeichenstationen. Was mich zudem fasziniert hat, ist die Tatsache, dass Menschen in der Krise eine hohe Sensibilität entwickeln, und zwar in alle Richtungen. Sie werden kritischer, nehmen vieles schneller auf. Ohne große Schulungsprogramme haben Mitarbeiter innerhalb von wenigen Tagen Digitalisierung gelernt – im Homeoffice oder über Videokonferenzen.

Wir sind in einer Kultur groß geworden, wo wir gewohnt waren uns am Arbeitsplatz auszutauschen und dann war Homeoffice und getrennte Teams.

CHEFINFO: Braucht es eine andere Art des Führens im Homeoffice-Zeitalter?

Kern: Wir sind in einer Kultur groß geworden, in der wir am Morgen am Arbeitsplatz einstempeln und am Abend ausstempeln. All das war mit einem Schlag weg. Anwesenheit kontrollieren? Ging nicht mehr. In dieser Situation haben sich die verschiedenen Führungs-Charaktere sehr schön gezeigt. Denn ihre Aufgabe ist es, Mitarbeiter zum selbstständigen Handeln und Entscheiden zu befähigen. Im Homeoffice sind Leistung und Vertrauen entscheidend und nicht die Kontrolle über die abgesessenen Stunden.

CHEFINFO: Was ist Ihr wichtigster Ratschlag für Führungskräfte und Unternehmer?

Kern: Der Satz „Es ist, wie es ist und so wie es ist, so ist es“ hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Er stammt von meiner Großmutter. Sie war Teil einer schwer kriegsgeschädigten Generation, hat Mann und Kinder verloren. Und in dem Satz steckt viel Wahrheit. Ich sage in Gesprächen mit Jungunternehmern: Hör auf zu sagen, du wärst heuer durchgestartet. Wäre Corona nicht gewesen, wäre alles anders. Du beschäftigst dich mit Themen, die du nicht beeinflussen kannst. Es genügt, wenn ihr euch mit eurem eigenen Unternehmen beschäftigt, mit euren Fähigkeiten und euren Kunden und mit den von euch beeinflussbaren Werten. Umgelegt auf Oma heißt das: Wofür setzt du deine Energie ein, um zu einer Lösung zu kommen?

Es war ein Crash während des Flows: Stillstand, Absagen, keine Veranstaltungen und unsichere Zukunft.

CHEFINFO: Sind Sie als Vortragender auch außer Tritt gekommen?

Kern: Sicher, es war ein totaler Crash. Alle meine Veranstaltungen mussten abgesagt werden, Reisen war nicht mehr möglich. Aber ich habe das, was ich anderen rate, auch mir gesagt: Nutze die Chance. Ich entwickelte ein Premium-Mentoring-Programm für Menschen, die zu Hause sind, die Kinder haben und nicht wegkönnen oder die ihre Lebenszeit nicht in einem Hotel verbringen wollen, um 14 Tage ein Seminar zu besuchen. Ich freue mich einfach, wenn ich mein Wissen in dieser zeitgemäßen Form an Menschen weitergeben darf.

CHEFINFO: Verstärkt die Pandemie die Brisanz der Sinnfrage?

Kern: Viele Geschäftsmodelle machen keinen Sinn mehr. Vielleicht sind touristische Monokulturen passé, dafür ist Ursprüngliches – wie Urlaub in Schutzhütten – wieder gefragt. Jetzt in der Krise stellen sich Führungskräfte die Frage: Wer sind meine Kunden und wer meine Mitarbeiter? Warum gibt es mich eigentlich? Gibt es mich nur, weil die Hierarchie einen Platz für mich vorgesehen hat oder habe ich die Aufgabe, für Orientierung zu sorgen. Hier sehe ich eine große Chance für eine neue Führungskultur.

CHEFINFO: Ihre Prognose: Was kommt im nächsten Jahr auf uns zu?

Kern: Krise ist immer ein Reinigungsprozess. Hilfsprogramme der Regierung verzögern vieles. Die Krise hat uns aber auch wieder zusammengetrieben – und das tut gut. Wir haben in der EU noch nie so ein Kollektiv zusammengebracht wie beim Organisieren vom Impfstoff.

Autor: Klaus Schobesberger, 15.12.2020