Künstliche Intelligenz: Kollege Maschine

Cisco meldete Anfang März, dass Webex, ein Tool für Videokonferenzen, eine KI-gesteuerte Übersetzungsfunktion für Echtzeitübersetzungen in mehr als 100 Sprachen anbietet. Dolmetscher ade. Lernende Maschinen beschleunigen die digitale Disruption und dringen tief in angestammte Arbeitswelten vor. Eine Studie der Oxford University kam 2017 mit einer Studie zu dem Schluss, dass über alle Branchen hinweg 47 Prozent aller Berufe durch Maschinen oder Software ersetzt werden können. Seither tobt der Kampf „Mensch gegen Maschine“ in akademischen Zirkeln und Internetforen.

Die Grenzen der Technik

Nachgefragt bei einer großen Anwaltskanzlei, sieht man das Thema entspannt. „KI kann helfen, die Qualität der Beratung weiter zu verbessern, wird es aber hoffentlich nicht schaffen, den persönlichen Kontakt zum Klienten oder auch zu Richtern und Zeugen in Gerichtsverfahren überflüssig zu machen“, sagt Rechtsanwalt Winfried Sattlegger von der Rechtsanwaltskanzlei SDSP in Linz. Wenn derzeit Software-Spezialisten davon träumen würden, dass in absehbarer Zukunft künstliche Intelligenz Gerichtsurteile fällen soll, so sei das „ein Horror-Szenario“.

Zitat Sattlegger

Für Sattlegger zeichnet die österreichische Rechtsordnung eine individuelle Entscheidungsfindung aus, die dadurch dem angloamerikanischen Fallrecht ­überlegen sei. Dass menschliche Fehler geringgehalten werden, sei durch den Instanzenzug ge­sichert. Dazu brauche man keinen Computer, der – vereinfacht ausgedrückt – aus schon entschiedenen Rechtsangelegenheiten ähnliche Fälle sucht und die wahrscheinlichste Lösung zusammenstellt. ­Sattlegger: „Anwälte und Richter aus Fleisch und Blut sind durch die beste Technik nicht zu ersetzen.“

Mensch unterstützt Maschine

Diesem Ansatz stimmen ­KI-Experten vom Software Competence Center Hagenberg (SCCH) zu, die mit „Teaming.AI“, einem Projekt des COMET-Förderprogramms, der Frage nachgehen, wie der Mensch die Maschine unterstützen kann. Maschinen können über lange Zeiträume immer dasselbe tun, ohne Fehler zu machen, sobald sich aber nur ein Parameter ändert, fehlt ihnen der Plan. Der Mensch hingegen ist für monotone Arbeiten nicht geeignet, er kann aber bei neuen Aufgaben mit geänderten Parametern besser generalisieren und sich anpassen. Ziel sei es nun, ­beide Stärken zusammenzuführen und zu beobachten, wie Mensch und ­Maschine gemeinsam bessere Ergebnisse erzielen. „Das ist neu und ein Grund, warum wir dieses Projekt gewonnen haben“, sagt Robert Wille, wissenschaftlicher Leiter bei SCCH. Geforscht wird mit Partnern aus der Industrie etwa im Bereich der Serieneinzelfertigung. „Bei Losgröße 1 kommen große Datenmengen aus der Serienfertigung und die Problemlösungskompetenz des Menschen zum Einsatz. Kombiniert erhält man ein tolles Team. Die Maschine kann vom Facharbeiter die Ausnahmen lernen und wird perfekter“, erklärt Markus Manz, CEO der SCCH. Den Unterschied zu den USA sieht Wille als Wettbewerbsvorteil: Eine so starke KMU-Landschaft mit einer starken Produktion, wie wir sie in Europa und vor allem in Oberösterreich haben, ist ein Alleinstellungsmerkmal. „Wir als SCCH sehen uns als Partner der KMU, die keine milliardenschweren Forschungsabteilungen haben und einen Wettbewerbsvorteil schaffen, indem wir helfen, die Produktion zu optimieren. In diesem Bereich ist KI ein ­Game-Changer“, sagt Wille.

Robert Wille und Markus Manz vom SCCH
Autor: Klaus Schobesberger, 13.04.2021