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Plassen Verlag, Mario Herger, dem10 / E+ / getty images, xijian / iStock / Getty Images Plus

Ich bin KI, also bin ich?

08.04.2026 um 00:00, Jürgen Philipp
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Hat KI Bewusstsein? KI-Pionier und Physik-Nobelpreisträger Geoffrey Hinton meinte, dass KI bereits ein Bewusstsein erlangt haben könnte.

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Manchmal hat OpenAI CEO Sam Altman das große Talent, mit beiden Beinen voran ins Fettnäpfchen zu springen, etwa als er kürzlich beim „AI Impact Summit“ in Indien KI mit Kindererziehung verglich. Gefragt über die hohen Energiekos­ten, die KI verursachen würde, meinte Altman, dass es dieselbe Energie koste, um ein Kind großzuziehen: „Es dauert etwa 20 Jahre – und all die Nahrung, die man in dieser Zeit zu sich nimmt, bevor man intelligent wird.“ Wasser auf den Mühlen der Skeptiker oder gar jener, die glauben, KI würde den Menschen komplett ersetzen. Diese nahmen auch ein Zitat von Physik-Nobelpreisträger Geoffrey Hinton als Beleg dafür. Hinton meinte, dass KI bereits ein Bewusstsein erlangt haben könnte.
 

Hat KI bereits ein Bewusstsein?

Hinton ist dabei nicht irgendein Forscher. Der Brite hat den Beinamen „Godfather of AI“ und warnte davor, dass es niemanden gäbe, der verstehen würde, wie wir KI sicher machen. Dazu glaubt er, dass KI-Systeme zu autonomen Akteuren werden und sich eigene Ziele setzen könnten. Und tatsächlich agieren ­KI-Systeme wie OpenClaw des Oberösterreichers Peter Steinberger großteils autonom. 
In einem Interview mit LBC vor etwa einem Jahr zog Hinton daher einen drastischen Vergleich: „Stell dir vor, eine Gruppe von Dreijährigen leitet die Welt und du als Erwachsener willst die Kontrolle übernehmen. Es wäre ein Leichtes, sie zu überzeugen.“ Und Hinton setzte ebendort noch einen drauf: „Diese Technologie könnte dazu führen, dass kognitive Arbeit genauso überflüssig wird wie körperliche Arbeit nach der industriellen Revolution.“
 

Schach – Go – Turing-Test

Der österreichische Zukunftsforscher und Autor Mario Herger lebt seit 2001 im Silicon Valley und beobachtet erste Reihe fußfrei technische Disruptionen. Für ihn ist die Diskussion eine rein akademische, denn: „Die Frage ist einmal grundsätzlich, was Bewusstsein überhaupt ist.“ Er verweist auf die Integrated Information Theory, einen wissenschaftlichen Ansatz, der versucht, das Wesen des Bewusstseins mathematisch zu beschreiben und zu quantifizieren. „Beim Thema ‚Bewusstsein und KI‘ sind wir in etwa auf dem Stand wie beim Thema ‚Elektrizität‘ vor 200 Jahren. Woher kommt sie? Wie benutzt man sie? Elektrizität ­wurde erst mit den Maxwell-Gleichungen nutzbar.“ Für Herger begann die Diskussion über KI-Bewusstsein mit dem erstmaligen Knacken des Turing-Tests. „Frei gesagt ist die Technologie erst dann intelligent, wenn die Maschine uns bescheißt und wir kommen ihr nicht drauf.“ Schon vorher waren es Meilensteine wie der Sieg von Deep Blue 1997 gegen den amtierenden Weltmeister Garri Kasparow. Das ließe sich noch mathematisch erklären. Das strategische Brettspiel Go hingegen eher nicht. „Go ist viel komplexer und es wird – im Gegensatz zu Schach – auch immer komplexer, je öfter man es spielt. Es gibt mehr mögliche Züge als Atome im Universum“, so Herger. Und dann kam der Rechner AlphaGo und schlug Go-Weltmeister Lee Sedol im März 2016. Ein Sieg, der als Wendepunkt in der Entwicklung von KI in die Geschichte einging. Waren AlphaGo seine Züge bewusst? „Jetzt sind wir in einer Phase, wo wir erstaunt sind, wie intelligent Maschinen sein können – und dennoch machen sie immer wieder Fehler, dass man an ihrer Intelligenz zweifelt. Es ist wie beim Menschen. Selbst der intelligenteste kann sich unheimlich dumm anstellen.“ 
 

Der österreichische Zukunftsforscher und Autor Mario Herger lebt seit 2001 im Silicon Valley. In seinem neuen Buch (Anfang Juni) beschreibt er, wie Mensch und Maschine verschmelzen werden.

Was macht Bewusstsein aus?

Sind es Gefühle, die den inneren Zustand des Menschen ausdrücken, oder Emotionen – deren externe Ausprägung? „Wenn uns der Partner sagt: ‚Ich liebe dich‘, dann freuen wir uns. Aber können wir uns dessen sicher sein? Wenn uns das eine Maschine sagt, nehmen wir das wohl nicht so ernst.“ Drücken also Gefühle und Emotionen Bewusstsein aus? „Was ist, wenn jemand im Koma liegt, hat dieser Mensch dann ein Bewusstsein?“ Ähnliches sieht Herger beim Thema „Hausverstand“. „Wenn wir ins Feuer greifen, fühlen wir Schmerz. Eine Maschine nicht – auch wenn die Maschine Sensoren hat, wird sie nicht leiden. Ist also Leid ein Teil des Bewusstseins?“ 

KI-nzest

Zudem braucht KI den Menschen als Inputgeber, wie Gabriele Kotsis, Leiterin des Instituts für Telekooperation an der JKU, schildert: „Wenn KI nur von KI lernt, wird sie deutlich schlechter. Das ist ein bisschen so wie beim Adel in der Vergangenheit, wenn sich das Blut nicht durchmischt, hat das fatale Auswirkungen.“ In der Fachsprache wird dieses Phänomen auch „Mad Cow Disease“ genannt. Herger: „Das heißt, die KI wird verrückt.“ Künstliche Intelligenz versuche immer nur das nächste – wahrscheinliche – Wort zu raten. „Nicht immer das wahrscheinlichste, sondern das wahrscheinlichere“. Wenn KI nur mehr Content generiert, den andere KIs hinterlassen haben, also wahrscheinlichere Wahrscheinlichkeiten, „kommt irgendwann nichts Gescheites mehr dabei heraus.“

Mario Herger Zukunftsforscher und Autor

Von KI 1.0 zu 3.0 in drei Jahren

Ein weiterer massiver Unterschied zwischen (bewussten) Menschen und Maschine liegt für Herger darin, „dass Menschen Modelle der Wirklichkeit erstellen. KI kann das nicht – zumindest jetzt noch nicht“. Dazu stellt der Mensch ständig Fragen: „Einsteins Frage vor hundert Jahren, wie wäre es, wenn wir auf einem Lichtstrahl reisen würden, lässt sich nicht beantworten, aber es wirft neue Fragen auf.“ Maschinen hinterfragen nicht: „Mit einer Maschine kann ich darüber reden, aber eher schlecht darüber philosophieren.“ Apropos Roboter: Für Herger steht die KI-Industrie derzeit beim Übergang von 1.0 (Chatbot) und KI 2.0 (agentischer KI) zu KI 3.0, der verkörperten – physischen– KI. „Was beim Internet 30 Jahre dauerte – von Internet 1.0 auf 3.0 –, dauerte bei der KI nur drei Jahre.“ Robotertaxis stünden gerade vor dem ­großen Roll-out, humanoide Roboter können mittlerweile fluide Bewegungen ausführen. „Vor einem Jahr sind chinesische Roboter noch herumgestakst und haben mit einem Taschentuch gewunken, jetzt machen sie Bewegungen, die ein Mensch nicht zustande bringt.“

2050 – mehr Roboter als Menschen?

Herger ist sich daher sicher, dass in zehn Jahren – so zeigen es auch ­Prognosen  – rund eine Milliarde ­humanoide ­Roboter unterwegs sein wird. 2050 sollen es „schon zehn Milliarden sein, also mehr als Menschen auf der Erde“. Weltuntergangsstimmung à la Massen­arbeitslosigkeit kommt bei Herger aber nicht auf: „In mehr als 100 Ländern auf dieser Erde liegt die Geburtenrate unter 2,1, also unter dem Level, um die Bevölkerung zu erhalten. KI ist zwar nicht menschlich intelligent, aber sie ist komplementär zur menschlichen Intelligenz und jetzt bekommt sie einen Körper.“ So wie Autos für uns heute normal sind, so werden Roboter für uns normal sein, so Herger. 
Und genauso normal wird es sein, dass Roboter selbst Roboter bauen, vielleicht sogar im Weltall, wie Herger prophezeit. Und damit stellt sich eine weitere philosophische Frage: „Was ist, wenn Roboter Roboter bauen und neues ‚Leben‘ schaffen. Ist das dann eine Geburt?“ Was heute im Silicon Valley „geboren“ wird, sieht Herger als „unsere Zukunft“. „Es lässt sich ja sehr gut voraussagen, was kommen wird. Heute ist alles da, was in fünf Jahren normal sein wird. Die Technologie ist da. Oft geht es nur mehr noch um die Kombinatorik, also gewisse Dinge zusammenzuführen.“ Das rät der Autor seinen Besuchern aus Europa und auch, „dass sie das Wort ‚Hype‘ aus ihrem Vokabular streichen sollen. Die meisten, die zu mir kommen, unterschätzen die Geschwindigkeit der Entwicklung“. Ob diese Entwicklung jemals ein KI-Bewusstsein beinhalten wird, bleibt hingegen abzuwarten. 

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