Gewinne haben an der Börse Tradition

Der Dow-Jones, der älteste Aktienindex der Welt, erblickte vor 125 Jahren das Licht der Welt. Die Wiener Börse ist heuer 250 Jahre alt geworden. Eine gute Gelegenheit, über den langfristigen Erfolg von Aktien zu philosophieren.
Autor: Klaus Schobesberger, 12.08.2021 um 10:00 Uhr

Kaufen Sie Aktien, nehmen Sie Schlaftabletten und schauen Sie die Papiere nicht mehr an. Nach vielen Jahren werden Sie sehen: Sie sind reich.“ Weisheiten des berühmten Börsen-Gurus André Kostolany (1906 – 1999) sind pointiert und erstaunlich aktuell. An der Börse haben Gewinne eine lange Tradition. Ein effizienteres Instrument als dieser Marktplatz, auf dem Aktien, Anleihen und andere Wertpapiere gekauft und verkauft werden und wo der Wirtschaft die Möglichkeit gegeben wird, zu wachsen, wurde noch nicht erfunden.

Aktien langfristig unschlagbar

Wenn es um den großen Horizont geht, sind Finanzhistoriker die richtigen Ansprechpartner. Zu den renommiertesten zählt der Brite Elroy Dimson, der unter anderem den norwegischen Staatsfonds beraten hat. Das Fazit seiner Studien: Aktien sind langfristig unschlagbar. Das zeigte auch eine Untersuchung des Cambridge-Professors über die Anlagestrategien von Stiftungen amerikanischer Universitäten, die im Fachmagazin „Financial Analysts Journal“ erschienen ist. Daten der vergangenen 120 Jahre zeigen, dass Aktien langfristig die besten Chancen bieten, Vermögen aufzubauen. Außerdem ist es besser, an seinem Port­folio allenfalls nur kleine Anpassungen vorzunehmen. Der langfristige Erfolg zeigt sich an der guten Finanzausstattung der US-Unis. Kostolany lässt grüßen.

Zitat Christoph Boschan

Ältester Aktienindex der Welt

Der Chart, der die lange Erfolgsgeschichte der Aktienbörse am eindrucksvollsten illustriert, ist jener des Dow Jones Industrial Average, kurz Dow  Jones. Das US-Börsenbarometer ist der älteste Aktienindex der Welt. Im Vorjahr knackte er erstmals die Marke von 30.000 Punkten und liegt heute bei einem Wert von 34.XXX Punkten (Stand: 30.05.2021). Seinen ersten Handelstag erlebte der Dow am 26. Mai 1896. Veröffentlicht wurde ein Dutzend Industrieunternehmen aus dem Eisenbahnsektor, deren Aktienkurse addiert und durch zwölf geteilt wurden. Das Ergebnis war der Wert der ersten Notierung: 40,96 Punkte. Berühmte Namen aus der Anfangszeit sind General Electric, das von 1907 bis zu seinem Ausscheiden 2018 im Dow vertreten war, oder Procter & Gamble – von 1932 an gelistet und damit jene Aktie mit der längsten ununterbrochenen Zugehörigkeit. Seit 1928 setzt sich der Dow Jones aus den Kursen von 30 Unternehmen mit industriellem Hintergrund zusammen. Heute sind auch Finanzwerte wie JPMorgan Chase, Konsumgüterunternehmen wie Coca-Cola oder Tech-Schwergewichte wie Apple und Microsoft dabei. Bei den jüngsten Umschichtungen flogen Exxon Mobil oder Pfizer aus dem Index und wurden durch Salesforce und Amgen ersetzt.

Revolutionäre Ideen

Bis vor wenigen Jahren entschied die Redaktion des „Wall Street Journal“ über die Zusammensetzung des Index, heute sitzen nur noch einige Vertreter der Zeitung im Komitee. Der Index wird von S&P Dow Jones Indices betrieben, einem Joint Venture von Dow Jones & Company und der CME Group. Dow Jones, der Herausgeber des „Wall Street Journal“, verkaufte 2013 seinen letzten verbliebenen Anteil am Unternehmen. Die auflagenstärkste US-Qualitätszeitung wurde 1889, also sieben Jahre vor der Geburtsstunde des Dow Jones, von den Journalisten Charles Henry Dow (damals 38), Edward Davis Jones (33) und Charles Milford Bergstresser (30) gegründet. Ihre Idee, mit einer eigenen Nachrichtenagentur Anlegern solide Informationen zu liefern, war revolutionär. Damals gab es weder Pressemitteilungen noch Jahres- und Quartalsberichte, die von der Börsenaufsicht erst 1934 nach der großen Depression verpflichtend eingeführt wurden. Die breite Masse tappte vor Dow Jones im Dunkeln. Dow ­beschäftigte sich mit langfristigen Aktien-Trends – die als Dow-Theorie den Grundstein der technischen Analyse bildet. Sein Rat: „Niemand, der Getreide anbaut, gräbt die Saat nach einem oder zwei Tagen wieder aus, um zu sehen, ob sie aufgegangen ist. Bei Aktien aber wollen die meisten Leute mittags ein Konto eröffnen und abends den Gewinn kassieren.“

Die Wiener Börse

Auf lange Sicht geht es nach oben

Der Dow ist ein Abbild einer langfristigen Aktien-Erfolgsgeschichte. Laut Dow Jones Market Data ist der Index jedes Jahr um durchschnittlich 7,69 Prozent gestiegen und hat 1.464 Rekord-Schlussstände erreicht. Er kletterte 1906 über 100 Punkte, überschritt erst 1972 die 1.000er-Marke und 1999 die 10.000 Punkte. Berühmt-berüchtigt sind die Abstürze: Am Beginn der Corona-Pandemie fiel der Wert an einem Tag um 12,9 Prozent, schlimmer war nur der Crash im Oktober 1987, als der Dow an einem Tag um 22,6 Prozent nachgab. Neben der Covid-Krise waren die vergangenen 25 Jahre auch geprägt vom Dotcom-Crash, von der globalen Finanzkrise 2008 und der längsten Bullenmarkt-Phase in der Geschichte (2009 – 2020). Auf lange Sicht marschierten der Dow und andere Aktienmärkte aufgrund einer expandierenden Wirtschaft nach oben. Derzeit sind Substanzwerte gefragt – und das ist die Stärke des Dow Jones.

Österreichs lange Börsentradition

Auch wenn die Aktienquote mit fünf Prozent im Europa-Vergleich sehr bescheiden ist, hat Österreich dennoch eine ­lange Börsentradition. Die Wiener ­Börse, vor 250 Jahren von Maria Theresia gegründet, ist einer der ältesten Handelsplätze der Welt. Der ATX, der österreichische Leitindex, wurde 1991 ins Leben gerufen und bildet die 20 umsatzstärksten Unternehmen an der Börse ab. Ältester Titel im ATX ist die Wiener­berger AG. Der Ziegelhersteller kam am 15. April 1869 an die Börse – und ist eine Erfolgsstory. Er erwirtschaftet 3,12 Mrd. Euro Umsatz, hat 195 Produktionsstandorte in 30 Ländern und beschäftigt 6.596 Mitarbeiter. In den USA ist der Konzern mit einer klugen Übernahmestrategie zur Nummer eins aufgestiegen. Die Wienerberger-Aktie (100 % Streubesitz) legte in den vergangenen fünf Jahren um fast 100 Prozent zu. Womit wir wieder beim Thema „Langfristigkeit“ sind. Christoph Boschan, der Chef der Wiener Börse, hält eine erfolgreiche Vermögensbildung auch für Kleinanleger für möglich – und rechnet vor: Wer in den vergangenen 45 Jahren jeweils 50   Euro pro Monat in den österreichischen Aktienmarkt investiert habe, steige bei einer Durchschnittsrendite von sieben Prozent jährlich mit rund einer Viertelmillion aus. Sein pointiertes Fazit könnte fast von Kostolany sein: „Aktien sind das sozialistischste Instrument aller Zeiten. Sie eignen sich hervorragend, Gewinne zu sozialisieren und Wohlstand in die Breite zu bringen.“