Familienunternehmen und die Börse sind kein Widerspruch

Zahlreiche Beispiele an der Wiener Börse zeigen vor, wie sowohl das Unternehmen als auch die Anleger langfristig von einem Börsengang profitieren können.
Autor: Klaus Schobesberger, 06.07.2022 um 00:00 Uhr

Familienunternehmen, die an der Börse gelistet sind – davon gibt es gar nicht so wenige. In Deutschland sind da so klingende Namen dabei wie BMW, Fielmann oder SAP. Österreich hat nach deutschem Vorbild 2018 mit dem ATX Family einen eigenen Familienindex ins Leben gerufen, der jene Unternehmen aus dem ATX-Topsegment „prime market“ bündelt, in denen die Gründungsfamilie eine zentrale Rolle spielt. „Konkret sind das Unternehmen, an welchen Gründerfamilien, Vorstände oder Aufsichtsratsmitglieder zwischen 25 und 75 Prozent der Aktien halten bzw. die Anteile zurechenbar sind“, erklärt Silvia Wendecker, Deputy Head & Senior Account Manager, Issuers, an der Wiener Börse im Gespräch mit CHEFINFO. Mehr als ein Drittel der österreichischen Unternehmen im Topsegment der Wiener Börse sind erfolgreiche Familienunternehmen. Sie sind vielfach Nischenplayer und Weltmarktführer in ihrem Bereich, „und es schlummert mit Sicherheit noch weiteres großes Potenzial bei familiengeführten Unternehmen“, sagt Wendecker. 14 Werte sind im ATX Family Index vertreten, darunter der Feuerwehrausstatter Rosenbauer, der Leiterplattenhersteller AT&S, Mayr-Melnhof Karton, der Salzburger Kranhersteller Palfinger oder jüngst zählt auch die Flugsicherungsfirma Frequentis dazu. Das Familienunternehmen war mit einem IPO in Wien und Frankfurt erfolgreich.

Für wen ist ein Börsengang sinnvoll?

Die heimische Frequentis AG war mit einem Emissionsvolumen von 51,7 Millionen Euro sicher beispielgebend für erfolgreiche Börsengänge von Familienunternehmen, sagt Wendecker. Ein Börsengang ermögliche Unternehmen eine Eigenkapitalfinanzierung und bringt damit eine höhere finanzielle Flexibilität. „Neben der Aufbringung von Kapital holt eine Börsennotiz das Unternehmen auf eine nationale und internationale Bühne, erhöht damit den Bekanntheitsgrad und die Attraktivität, zum Beispiel als Arbeitgeber. Damit ist ein Börsengang für all jene Unternehmen sinnvoll, die den nächsten Schritt in ihrer Unternehmensgeschichte gehen wollen.“ Das bestätigt auch Hannes Bardach, der seit einem MBO im Jahr 1986 Mehrheitseigentümer – jetzt Mehrheitsaktionär – und aktuell Chef des Aufsichtsrats ist. Ihm sei wichtig gewesen, dass Frequentis weiter ein Familienbetrieb bleibe. Und es habe sich gezeigt, „dass börsennotierte Familienbetriebe die am besten geführten Unternehmen sind, daher haben auch wir mit dem Börsengang eine Perfektionierung und Professionalisierung angestrebt.“

Kontrollierte Wachstumsstorys

Neben Zürich und Frankfurt sind auch die Aktien der Pierer Mobility AG (vormals KTM Industries) seit März im prime market der Wiener Börse handelbar. Mit einer Marktkapitalisierung von rund 2,7 Milliarden Euro zählt das Unternehmen mit Sitz in Wels zu den Schwergewichten am Wiener Handelsplatz. Der Motorradhersteller mit den Marken KTM, Husquarna oder Gas- Gas verfügt mit seiner Elektrifizierungs-Initiative auch am Radsektor über eine tolle Wachstumsstory für Anleger. Allerdings liegt der Streubesitz bei weniger als einem Viertel, ein Wermutstropfen. Die Mehrheit der Anteile kontrolliert CEO Stefan Pierer, der das Unternehmen Anfang der 1990er-Jahre vor dem Ruin gerettet hat und in lichte Höhen führte. In Krisenzeiten in Familienunternehmen zu investieren liegt durchaus im Trend. Aber auch insgesamt ist die Bilanz positiv: „Betrachtet man den ATX FMLY Total Return, also inklusive Dividenden, zeigt sich seit Berechnungsstart ein beachtliches Plus von 24,13 Prozent. Dieses liegt tatsächlich über der Performance des heimischen Leitindexes, dabei ist jedoch der kurze Vergleichszeitraum zu beachten“, sagt Wendecker.

Börse als Fitnessprogramm

Wie gut Familienunternehmen und Börse zusammenpassen, das demonstrieren österreichische gelistete Firmen seit mehr als zwei Jahrzehnten erfolgreich. Eine Notiz an der Wiener Börse biete den Zugang zum Kapitalmarkt als wiederkehrende Finanzierungsquelle, „wodurch sich Chancen für Wachstum und Innovation realisieren lassen“, sagt Wendecker. Ein Börsenlisting bietet weiters eine Lösung für Familienunternehmen, das Lebenswerk fortzuführen, etwa bei Nachfolgeregelungen mit Gewinnung eines externen Managements bei gleichzeitiger Bewahrung der Kontrolle. Und die Transparenzpflichten? Viele Familienunternehmen lassen sich nicht gerne in die Karten blicken. „Transparenzpflichten gelten für jedes börsennotierte Unternehmen, sind aber auch eine Chance, da Transparenz eine Voraussetzung ist, um neue Investoren anzusprechen. Neue Investoren schätzen oft das Engagement langfristiger Kernaktionäre. Bereiche wie Governance und Compliance sind wie eine Fitnesskur und heben das  Unternehmen auf das nächste Level.“