Die Tesla-Jäger

Wie wäre die ­Geschichte der E-Mobilität wohl verlaufen, wenn Elon Musk 2013 ein konkretes Kaufangebot des ­mittlerweile verstorbenen ehemaligen VW-Patriar­chen Ferdinand Piëch angenommen hätte? Piëch soll nach einer Probefahrt mit einem Tesla Model S gesagt haben: „Kauft‘s mir das Unternehmen.“ Musk lehnte das Angebot ab, zu einem Zeitpunkt, als Tesla außer horrenden Verlusten kaum etwas produzierte. Das hat sich geändert, aus dem einst belächelten Auto-Startup ist der ­Branchenprimus geworden, und damit der Gejagte. Die europäischen Hersteller haben zwar aufgeholt und wetzen die Säbel gegen das „Musk“etier. Doch es mischen noch andere, heute noch unbekannte Player kräftig mit. Einige von ihnen kommen sogar aus Elon Musks eigenen Reihen. Drei noch unbekannte Player aus den USA und China sagen dem Game-­Changer ebenfalls den Kampf an. Das Motto der Eta­blierten und der ­Newcomer ist dabei das Gleiche: „Alle gegen einen.“

Rache als Antrieb?

Manche schwören gar auf Rache wie der geschasste Ex-Tesla-Manager Peter Hochholdinger. Der Deutsche wechselte von Audi zu Tesla und holte für Musk die Kohlen aus dem Feuer, als er die Produktionsschwierigkeiten für das Model 3 in den Griff bekam. Musk feuerte ihn trotzdem, so wie auch Peter Rawlinson, den ­Chefingenieur des Models S, Ex-Tesla-Einkaufschef Peter Hasenkamp, Ex-Tesla-­Entwicklungschef Eric Bach und die Ex-Tesla-Verkaufschefin Doreen Allen. Sie alle wurden von Musk in die Wüste geschickt und zwar wortwörtlich. Sie arbeiten nun in Arizona für Lucid Motors, ein Auto-Start­up, dem sehr viel zugetraut wird. Der Antrieb der Ex-Teslaraner könnte nicht nur Elektrizität, sondern auch eine ­Portion Rache sein: „Driven by Revenge“ quasi. Das erste Modell – der Lucid Air – wird in den USA schon 2021 auf den Markt kommen und Hochholdingers Ex-Chef mit über 830   Kilometern Reichweite sekkieren.

Steirischer Tesla-Jäger

Ein weiterer Erzfeind Elon Musks fordert den Champion heraus: Henrik Fisker. Der produzierte ein Jahr vor dem ­Tesla  S – 2011 – den Fisker Karma und löste einen Hype aus. Fast die gesamte Hollywood-Prominenz fuhr den Öko-Wagen mit einem Verbrennungsmotor als ­Range Extender. Elon Musk war brüskiert und bezichtigte Fisker, Firmengeheimnisse gestohlen zu haben. Der juristische Kampf kostete dem Dänen viel Geld und führte ihn schließlich in die Pleite. Mit chinesischem Kapital ­meldet sich der Autodesigner (Aston ­Martin  DB9, BMW  Z8) zurück und will nun ab Ende 2022 mit dem Fisker Ocean das nachhaltigste Auto der Welt produzieren. Basierend auf recyceltem Kunststoff, der aus den Meeren gefischt wurde, soll der ­Ocean nicht mehr als 35.000  Euro kosten und dank Solardach bis zu 1.000   Kilometer Reichweite schaffen. Grün soll auch der Produktionsstandort sein, denn der Ocean wird – so viel ist bereits fix – aus der „Grünen Mark“ stammen, sprich bei Magna Graz gebaut werden.

Fisker Ocean

Süßsaures für Tesla?

Nicht nur Tesla hat beim Börsenwert etablierte Autobauer mit Topspeed überholt, auch der chinesische Elektroautohersteller NIO. NIO, 2014 von Wiliam Li gegründet, ist nach einem fulminanten Börsenstart (1.000  % Plus im Jahr 2020) bereits deutlich mehr wert als der 112 Jahre alte Autobauer GM. Auch wenn die Aktie etwas nachließ, startete das chinesische Auto-Startup über Plan. Rund 10.000 NIO sind bereits ausgeliefert. Noch 2021 sollen die ersten Modelle nach Europa kommen. Wiliam Li lag zwar offiziell nie im Clinch mit Elon Musk, er will ihm aber richtig wehtun und tut dies gleich mit einer doppelten Kampfansage: Der Model-S-Konkurrent NIO ET7 ist in der Basis nicht nur rund 15.000 Euro billiger, sondern schafft auch 300 Kilometer mehr Reichweite. ­Tesla hat sein Alleinstellungsmerkmal bereits verloren, dennoch haben die Kalifornier einen technologischen Vorsprung. Wie hoch dieser ist, werden die nächsten Jahre zeigen, vielleicht wird ja aus dem Gejagten wieder ein Jäger.

NIO ET7
Autor: Jürgen Philipp, 06.04.2021