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sebastian freiler

Werner Beinhart

03.03.2026 um 00:00, David Pesendorfer
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Der Racer. Risken zu kalkulieren, das ist als Helvetia-Vorstand sein Job. Sein Training: Werner Panhauser fährt Autorennen.

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Eine Landstraße, eine unübersichtliche Kuppe. Und eine alte Dame, die auf der anderen Seite mit dem Schlauch den Asphalt bewässert: ein Schleuderparcours. „Ich habe voll gebremst, die Räder blockierten, der Wagen war nicht mehr lenkbar“, schildert Werner Panhauser. Sein erster Bolide ist der Peugeot 104 seiner Mutter. Und bald Blechsalat: Denn Werner Beinhart kracht mit etwa 60 km/h gegen eine Hauswand! Kein Personenschaden – und das, obwohl drinnen durch die Wucht des Aufpralls der hölzerne Christus vom Herrgottswinkel stürzt. Eine Mahnung, aber auch Motivation. Denn da weiß Panhauser, damals 18 und Führerschein-Frischling: Wer sehr gerne sehr schnell Auto fährt, braucht sehr viel Ausdauer und ­Konzentration, um das zu lernen. Denn wer‘s richtig eilig hat, muss Situationen vorausahnen können, die ­Strecke im Kopf haben, intui­tiv reagieren. Ja und überhaupt: Kommt Automatismus nicht von Auto? „Beim ­Rennfahren ist es wie im Wirtschafts­leben: 80  Prozent sind Vorbereitung, 20  Prozent Performance“, sagt ­Panhauser. 
 

Panhauser und sein Porsche 992: jede Runde wie ein kleiner Businessplan.

Flow von Le Mans

Heute, knapp vier Jahrzehnte später, ist Panhauser, der diplomierte Controller, Vorstand der Helvetia Versicherung in Österreich, zuständig für Vertrieb und Marketing, und Vortragender für Vertriebsoptimierung und Führung. Das ist die eine Seite, die Anzug-und-Krawatten-Seite des 56-jährigen Niederösterreichers. Die andere, die Helm-und-Overall-Seite: Panhauser war Staatsmeister und zweifacher Vizestaatsmeister im Rallye-Cross, hat mit einem Freund einen Rennstall und pilotiert seinen Porsche  992 nunmehr in der GT3-Klasse. Das ist die ­Formel  1 der Serien-­Sportwagen. Von null auf 100 in 3,3 Sekunden, aber auch Momente des Flows, etwa auf der ­Mulsanne-Gerade von Le  Mans, stehen im Fahrtenbuch – sechs Kilometer Vollgas, bis zu 300 km/h, nur durch zwei Schikanen unterbrochen.
 

Formel aller Formeln

Das Einpreisen und Kalkulieren von Risken und das Planen des Erfolgs sind Panhausers Job. Aber ist da einer wie er, einer, der die Grenzen der Physik ausreizt, nicht der ­größte Feind seiner selbst? Sein eigener Versicherungs-Alptraum? „Das sehe ich überhaupt nicht so“, schaltet er runter, um raufzubeschleunigen, „denn wenn man‘s richtig macht, ist Motorsport lange nicht so gefährlich wie Fußball. Das ist empirisch belegt. Es gibt nur keine vernünftigen Versicherungspakete für Hobbyfahrer. Weil es kaum wen gibt, der sich dabei wirklich auskennt.“ Deshalb hat er selbst bei Helvetia eine Art „Motorsportpaket“ in der Unfallversicherung gelauncht. Ein Lückenschluss, so wichtig und doch so speziell – denn: So etwas wie eine Verschuldensfrage gibt es im Race Biz nicht. „Im Gegensatz zu unserer Unfallversicherung im Motorsport ist die Absicherung des Autos nicht so einfach: Wenn mir wer reinfährt, weil er zu spät bremst, muss ich‘s trotzdem selber zahlen.“ Die Formel aller Motorsport-Formeln lautet: „Wer mitfährt, ist selber schuld.“ Und schwere Fehler kosten zumindest den Rennkasko-Selbstbehalt von 25.000 Euro. Der Neuwert eines Carrera GT3 – wie der aus Panhausers Box – beträgt etwa 300.000 Euro.  
 

Alter Ego: ­Panhausers Anzug-und-Krawatten-Ich

Halber Weltmeister

Doch blicken wir zurück in den Rückspiegel der Jahrzehnte: Als Teenager fuhr Panhauser in der Kart-Staatsmeisterschaft. „Damals war ein gewisser Karl Wendlinger einer meiner schnellsten Kollegen.“ Der Wendlinger, der es in die ­Formel  1 schafft. Doch dafür braucht es neben Geschwindigkeit im Blut auch genug Geld im Beutel, um immer wieder neu nachzutanken. „Das war bei uns pekuniär einfach nicht drinnen“, sagt Panhauser. Die bestmögliche seiner Wirklichkeiten: erst mal ein Peugeot  104. Danach, dank eines Ferialjobs, ein BMW 3er mit 130.000 Kilometer am Tacho und leichter Havarie. „Egal, damals hatte ich das Gefühl: endlich ein richtiges Auto.“ Und rasch sogar einen richtigen Vertrag mit Opel Österreich: Kaltstart in der Tourenwagen-Meisterschaft. „Ich fühlte mich damals wie ein halber Weltmeister.“ Dann der Umstieg auf Rallye-Cross. Weiter keine Kohle, dafür halb Asphalt, halb Schotter. Im ersten Jahr wurde ich Vize-Staatsmeister – und fühlte mich reif für die Europameisterschaft!“ Doch da ist es wieder, das überwunden geglaubte Peugeot-104-
Ich. „Ich bekam schwere Haue – und jede Menge Blech um die Ohren.“ Mal wird Panhauser gleich nach dem Start in die Zange genommen, mal steht er nach der ersten ­Kurve verkehrt. Doch heute ist er fest überzeugt: „Erst wenn fast alle besser fahren als du, lernst du selbst selbst gut Auto fahren.“ Und: „Ja, es ist eine ungewöhnliche Leidenschaft, doch die Parallelen zum Job sind viel, viel größer als die Kontroversen. Du musst dich da wie dort voll konzentrieren, dir klare Ziele stecken: Willst du deinem Vordermann folgen, willst du ihn überholen? Oder musst du dich zuerst nach hinten absichern, verteidigen?“ Denn wirklich schnell sei man nur, wenn man gewisse Orientierungspunkte im Kopf habe: Dort, wo am Straßenrand der Löwenzahn blüht – Bremspunkt!  Oder: Bodenwelle plus eine Sekunde – voll raufbeschleunigen! Doch auch die Wirtschaft ist ein ewiges ­Wettrennen. Und da wie dort geht es nicht darum, Risken zitternd zu umfahren – sondern sie richtig zu managen. „Ich sehe ja viel am Display: die Geschwindigkeit, den Gang, ob ich schneller oder langsamer als in der Vorrunde bin. Ich weiß bald, wie viel km/h jede Kurve verträgt, daran orientiere ich mich.“ Jede Runde ein Businessplan. Und dennoch: „Es gibt den Treppenwitz, dass sich der Panhauser alle zehn Jahre überschlägt.“ Und den zweiten, dass stets alles heil geblieben sei „bis auf den Kopf“. Einmal passierte es 2014, davor 2004, im Autodrom Most in Tschechien. „Ein Jahrhundertstart, ich bin mit der Spitzengruppe weggefahren, habe mich total überschätzt, dachte: So schnell sind die da vorne auch nicht – ich hatte noch nicht zu Ende gedacht, da hat es hat richtig gescheppert, ich habe mich zweimal überschlagen, lag am Dach.“ Ja und dann? „Abschnallen, die Rettungscrew macht die Tür auf, rauskrabbeln, das gehört eben auch dazu.“ Gepflastert mit ein paar Hämatomen, aber – das war nach eingehenden Checks im Spital klar – innerlich völlig unversehrt. 
 

Heavy Metal

Aber wie ist das mit der abnehmenden Reaktionsfähigkeit? Panhauser geht ­dreimal pro Woche Laufen und/oder ins Fitnesscenter: 45 Minuten Kraft­training, 45  Minuten Rudermaschine. Es geht darum, dass die Sehnen in der Lage sind, den Stützapparat zu halten und die Muskeln, die Knochen beschützen. „Aber ja, klar, die Reaktionszeiten werden nicht besser.“ Dafür aber wird man selbst ­abgezockter, die Routine von 170 Rennen lehrt einen – halb bewusst, halb unbewusst –, manchmal Sekundenbruchteile länger zuzuwarten. Der Klassiker: „Zwei Vordermänner fahren Spitz auf Knopf auf die Kurve zu, du siehst und weißt aus Erfahrung, das geht sich mit deren Radius nie und nimmer aus. Du bleibst etwas zurück, wirst also langsamer – und fährst dann innen an den beiden vorbei, sobald es sie außen von der Fahrbahn trägt.“ Und der letzte Boxenstopp, für wann ist der geplant? „Wenn es keinen mehr gibt, den ich überholen kann und nur mehr hintennachfahre.“ Und wenn – oder falls – ihm der satte Sound seines 6-Zylinder-Boxer­motors mit einem Mal wie sinn­loser Lärm erscheint. Doch noch dröhnt da nur Heavy Metal!

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